Hedi Schneider steckt fest

Hedi Schneider steckt fest – und zwar zunächst im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich in einem Fahrstuhl. Aber das ist alles nicht so tragisch, denn es gibt ja noch den Mann am anderen Ende der Notruf-Sprechanlage, mit dem sie sich unterhalten kann und bei dem sie dann – was für ein Witz! – erst einmal ihre Bestellung à la McDonalds Drive In durchgibt.

Hedi (Laura Tonke) ist eine Figur, über die wir lachen sollen. Ihre Kleidung ist bunt bis clownesk und schießt selbst über das Ziel eines farbenfrohen und „alternativen“ Stils ein gutes Stück hinaus. Sie ist zudem auf die uns inzwischen aus zahlreichen Filmen vertraute Art und Weise tapsig und verplant, ein Clumsy-Girl in Reinform. Kurzum: Alles an Hedi schreit nach einem paternalistischen Abwärtsblick: Ach, wie niedlich.

© Pandorafilm

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Daran ändert sich auch nichts, als Hedi an einer Angststörung erkrankt. War sie zuvor noch berufstätig, muss sie nun von ihrem Mann Uli (Hans Löw) wie ein kleines Kind umsorgt werden, während Sohnemann Finn (Leander Nitsche) sich zunehmend von ihr zurückzieht. Verständlicher Weise geht Hedi mit ihren irrationalen Befürchtungen doch nicht nur der Familie, sondern auch uns zunehmend auf die Nerven. Dennoch gelingt es Regisseurin Sonja Heiss ihre Figur auch in diesem eigentlich höchst bemitleidenswerten Zustand noch als Witzfigur zu inszenieren, wenn Hedi beispielsweise mit einer Überdosis Beruhigungsmittel eine Zoohandlung betritt, um „ein schönes Tier“ zu kaufen.

Das Hauptproblem von Hedi Schneider steckt fest ist diese Fehlplatzierung des Humors. Es ist offensichtlich, dass Sonja Heiss hier versucht, den Ernst einer psychischen Erkrankung mit einem zwinkernden Auge zu behandeln und eines erdrückenden Dramas eine beschwingte Tragikomödie zu inszenieren, so wie es das amerikanische Indie-Kino seit Jahren tut. Dabei begeht sie jedoch einen entscheidenden Fehler und generiert den Humor hauptsächlich aus der weiblichen Hauptfigur, anstatt ihn gleichberechtigt auf verschiedene Figuren zu verteilen. Die Folge ist eine Perspektivverschiebung weg von Hedi und hin zu ihrem Mann Uli, mit dem zu identifizieren deutlich leichter fällt. So aber blicken wir bedauerlich stark von außen auf die Heldin, anstatt ein Gefühl für ihren Zustand vermittelt zu bekommen, einen Einblick in ihre emotionalen Nöte. Statt zu verstehen, wie sich ihre Wahrnehmung zunehmend verschiebt, empfinden wir sie als hysterisch. Dass die erste Angstattacke sie ausgerechnet beim Geschlechtsverkehr ereilt, entwickelt in diesem Kontext eine geradezu bittere Freud’sche Komik.

© Pandorafilm

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Es ist einmal mehr die hysterische Frau, die eine zuvor ach so liebevolle Kleinfamilie zu zerstören droht, die das berufliche Vorhaben ihres Gatten torpediert, während sie selbst natürlich keine eigenen Pläne besitzt. Die hysterische Frau, die sich zwar irgendwann entscheidet, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, darin aber vollkommen hilflos und naiv, statt bewundernswert und emanzipiert wirkt.

Dieses Klischee ist aber nicht nur ein Ärgernis für Feminist_innen, sondern ein ganz grundsätzliches Problem des Films, der seiner Hauptfigur hier zu wenig Tiefe verleiht. Der Humor dient nicht zur Auflockerung einer tragischen Geschichte, sondern zieht sie ins Lächerliche, was den Respektverlust gegenüber der Heldin zusätzlich verstärkt.

Das Ende schließlich kommt so holprig, als wären Sonja Heiss die Ideen ausgegangen. Eben noch spitzte sich die Lage zu, drohte die Beziehung zwischen Hedi und Hans endgültig auseinanderzubrechen, und plötzlich – ohne nachvollziehbaren Anlass – geschieht eine 180°-Wendung. Es ist freilich nicht alles gut. Dafür widmet sich Hedi Schneider steckt fest dann doch zu ehrlich dem Thema psychischer Krankheit. Angststörungen und Depressionen sind eben keine Grippe, kein gebrochenes Bein und auch keine Krebserkrankung. Und das einzig mögliche Happy End kann nur darin bestehen, kein Happy End mehr zu erwarten.

Kinostart: 7. Mai 2015

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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