Filmkritik: Waiting Area

Es war eine Gesamtperformance, als die schwangere Nora Tschirner mit Natalie Beer beim Achtung Berlin Festival den gemeinsamen Film Waiting Area präsentierte, der sich den Problemen schwangerer Frauen in den ländlichen Gebieten Äthiopiens widmet. Doch so wie auch ihre Schwangerschaft in diesem Kontext keinerlei Rolle spielte, legt die prominente Nora Tschirner auch bei der Arbeit an ihrer Dokumentation eine sympathische Zurückhaltung an den Tag. Statt also den Promifaktor der Regisseurin zu nutzen und diese als Erzählerin in den Film zu integrieren, überlassen Tschirner und Beer die Bühne vollkommen ihren äthiopischen Protagonistinnen und der Heldin Dr. Rita.

© Beer Films

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“Waiting Area” bezeichnet eine medizinische Einrichtung, die es Frauen aus den abgelegenen Dörfern Äthiopiens ermöglicht, ihre Kinder in einem medizinischen Umfeld auszutragen. Da die Strecken aus dem Dorf bis in das nächste Krankenhaus für eine Frau in den Wehen deutlich zu lang sind, gebären viele Schwangere noch immer mit Hilfe traditioneller Hebammen, wodurch sie sich und ihre Kinder großen Gefahren aussetzen. So leiden viele in Folge einer komplizierten Geburt unter Fisteln, die zu großen Schmerzen und anhaltender Inkontinenz führen. Von ihren Ehemännern verstoßen, bleibt den Betroffenen nur noch der Rückzug in die soziale Isolation. In der “Waiting Area”, die von der Missionsschwester Dr. Rita und ihren Kolleginnen und Kollegen betreut wird, können die Frauen in der letzten Schwangerschaftswoche auf die Geburt warten und sicher gehen, dass sie jederzeit medizinische Unterstützung erhalten.

Trotz der dramatischen Erlebnisse, von denen einige der Protagonistinnen erzählen, ist Waiting Area kein deprimierender Film, sondern vor allem eine Geschichte über starke Frauen, die sich trotz patriarchaler Gesellschaftsstrukturen für ihr Wohl einsetzen. Nora Tschirner und Natalie Beer treffen nicht nur betroffene Patientinnen, sondern auch Äthiopierinnen wie Kediga, die aufgrund ihres eigenen Schicksals Aufklärungsarbeit leisten. Das Bild, das die beiden Regisseurinnen von diesem uns fremden Land zeichnen, ist immens ausgewogen. Auf der einen Seite verschweigen sie nicht die schwache Position der weiblichen Nachkommen und zeigen Mütter, die im Krankenhaus angeben, “zwei Kinder und drei Mädchen” zu haben. Gleichzeitig aber ist auch Raum für positive Beispiele, wie die junge Fatya, die mit dem Einverständnis ihres Mannes eine Schule besucht. Oder der Äthiopier Abraham, der sich in den abgelegenen Dörfern auf die Suche nach Betroffenen macht, um ihnen den Transport in ein Krankenhaus und eine Operation zu ermöglichen. Die beeindruckendste Person bleibt jedoch Dr. Rita, die sich mit ihrem unermüdlichen Engagement 365 Tage im Jahr für die “Waiting Area” einsetzt.

© Beer Films

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Nora Tschirner und Natalie Beer kommentieren nicht. Es gibt kein Voice Over, das uns die Lage in Äthiopien erklärt. Diese Aufgabe übernehmen durchgehend die Protagonistinnen, so dass sich für den Zuschauer das Gesamtbild nach und nach wie ein Puzzle zusammensetzt. So bleibt auch Raum für eigene Überlegungen und Reflektionen. Zudem verzichten Tschirner und Beer auf eine Dramatisierung ihrer Bilder durch Musik. Sie setzen die Ereignisse nicht in Szene, sie beobachten lediglich und lassen uns daran teilhaben. Dabei bauen sie eine erstaunlich große Nähe zu den Protagonistinnen auf, die in einzelnen Fällen aufgrund ihrer Erkrankung mit großen Schamgefühlen kämpfen und dennoch offen und detailliert über ihr Schicksal berichten. Vielleicht ist dies der Tatsache zuzuschreiben, dass auch hinter den Kulissen echte Frauenpower am Werk war, denn auch die Kamera wurde von einer Frau, namentlich Tanja Häring, geführt. Das kleine weiblich geprägte Team ist sicher einer der Hauptgründe für das große Vertrauen, dass die äthiopischen Frauen der Filmcrew entgegenbringen.

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Waiting Area sensibilisiert uns nicht nur für ein hierzulande weitgehend unbekanntes Phänomen – Geburtsfisteln kommen aufgrund der guten medizinischen Versorgung in Deutschland nicht mehr vor – sondern ist vor allem ein Film darüber, was der_die Einzelne bewirken kann. Dr. Rita, Abraham und auch Kediga zeigen uns, dass kein Problem zu groß ist, um es anzupacken. Natalie Beer und Nora Tschirner vermitteln diese Botschaft vollkommen frei von Pathos und ohne moralischen Fingerzeig. Ihr Film lebt allein von den starken Protagonistinnen, die die Zuschauer_innen mit ihren Geschichten fesseln und berühren. Ihr Optimismus begeistert und ist hoffentlich auch ein bisschen ansteckend.

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger

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