Achtung Berlin – Frauen erobern Dokumentarfilm

Mit Achtung Berlin habe ich mal wieder ein kleineres Festival besucht und mich erneut vor allem mit der Repräsentation der Frauen vor und hinter der Kamera beschäftigt. Dabei hatte ich dieses Mal sogar die Ehre eine der Filmemacherinnen zu Interviewen. Beatrice Möller hat nicht nur von ihrem Film Alles was wir wollen erzählt, sondern mir auch ein Stück weit meine feministische Brille abgenommen.

Meine Versöhnung mit Nora Tschirner

Es ist leider nicht möglich, hier auf alle Filme einzugehen, die mich im Laufe des Festivals berührt, fasziniert und begeistert haben. Einige möchte ich dennoch erwähnen. Nico Sommers Spielfilm Silvi ist das deutsche Pendant zu meinem Berlinale-Liebling Gloria , weil auch hier eine Frau um die 50 als sexuelles Wesen im Mittelpunkt steht und sich nach dem traurigen Ende ihrer Ehe mit großem Mut in ein neues Leben stürzt. Stark berührt hat mich auch Biene Pilavci mit ihrem sehr persönlichen Dokumentarfilm Alleine Tanzen, in dem sie ihre eigene von Gewalt geprägte Familiengeschichte aufarbeitet. Vollkommen überraschend konnte Nora Tschirner meinen Respekt zurückgewinnen. Nachdem ich von ihrem letzten Leinwandauftritt ja stark enttäuscht gewesen war, sah ich ihrem Regiedebut mit großer Skepsis entgegen. Doch Waiting Area, eine Doku über die schwierige Situation schwangerer Frauen in Äthiopien, hat mir gerade deshalb so gut gefallen, weil Nora Tschirner hier gänzlich auf ihren Promi-Bonus verzichtet, um sich mit Co-Regisseurin Nathalie Beer ganz den beeindruckenden Protagonistinnen zu widmen.

Alles was wir wollen – ein Film über mich?

Es mag an der Nähe zu meiner eigenen Lebenssituation liegen, dass mich letztendlich ein viel „alltäglicherer“ Film am stärksten und vor allem nachhaltig beeindruckt hat. In Alles was wir wollen begleitet die Regisseurin Beatrice Möller drei Frauen um die 30 über einen Zeitraum von vier Jahren und beobachtet, wie sie sich auf unterschiedliche Weise mit den Herausforderungen dieser Lebensphase auseinandersetzen. Sie jonglieren mit den zahlreichen Alternativen, aus denen sie als Frau in der heutigen Zeit wählen können, wirken dabei jedoch eher überfordert als glücklich. Ist es wirklich ein Segen, dass uns heute alle Türen offenstehen? Welcher Teil unserer Vorstellungen entspringt unseren eigenen Wünschen und Träumen und inwiefern fühlen wir uns vielleicht doch von gesellschaftlichen Konventionen unter Druck gesetzt? Mit den Müttern der Protagonistinnen kommt auch die vorhergehende Frauengeneration zu Wort und es wird deutlich: Emanzipation macht die Dinge nicht immer leichter, sondern manchmal auch komplizierter. Damit traf Alles was wir wollen bei mir einen Nerv und ich beschloss, dass ich die Frau hinter diesem Film unbedingt kennenlernen wollte.

In Cannes ist im diesjährigen Wettbewerb mit Valeria Bruni Tedeschi nur eine einzige Frau vertreten. Kurze Denkpause. Lasst das einmal kurz sacken. Beim Achtung Berlin Festival sieht es ähnlich aus. Auch hier findet sich in der Kategorie Spielfilm das bekannte Geschlechterungleichgewicht mit einem Männer-Frauen-Verhältnis von 8:2. Als ich mich mit Beatrice Möller zum Interview traf, ging ich daher davon aus, dass die Filmemacherin mir darüber berichten würde, wie viel schwerer sie es als Frau in ihrem Beruf habe.

Die Qual der Wal ist kein Frauenproblem

So sehr ich mich auch bemühte, Beatrice Möller ein Statement zu entlocken, das meine These stützen würde, sie war und ist einfach anderer Meinung. Ja, sie hat einen Film über Frauen um die 30 gemacht und nicht über Männer. Das heißt aber noch lange nicht, dass die im Film formulierten Fragen und Probleme nur Frauen beschäftigen würden. „Erst mal gibt es schon zwei Filme zu diesem Thema von zwei Männern: Mein halbes Leben und Wir sind schon mittendrin “, erklärt Beatrice die Auswahl ihrer Protagonistinnen. Da sie von sich selbst ausging und über Gespräche mit Freundinnen und Bekannten zu ihrem Film gekommen ist, ergab sich der Fokus auf die Frauen ganz natürlich. Sicher gäbe es in dieser Lebensphase Unterschiede zwischen den Geschlechtern, aber auch Männer würden sich beispielsweise mit der Frage der Familiengründung auseinandersetzen. „Die denken auch darüber nach. Die Männer, die den Film gesehen haben, meinten: ‚Das waren zwar Frauen, aber das betrifft uns genauso.’“

Der Weg zum Film ist für alle hart

Ok. In Ordnung. Männer haben es in der heutigen Zeit, in der die klaren Familienstrukturen und Rollenbilder unserer Elterngeneration aufbrechen, mindestens genauso schwer. Aber ich wollte noch nicht aufgeben. Frauen werden benachteiligt. Ich wollte das jetzt hören. Also befragte ich Beatrice zu ihrem Werdegang. Sicher würde sie mir jetzt erzählen, wie schwierig es Frauen hinter der Kamera hätten. Aber auch hier irrte ich: „Das kann ich nicht bestätigen. Es ist jetzt nicht so, dass jemand eine Förderung nicht bekommt, weil sie eine Frau ist oder so. Es ist nicht so, dass es Männer leichter haben. Zumindest hoffe ich das nicht.“ Filmemachen sei ein harter und vor allem unsicherer Beruf. Sich für einen solchen Lebensweg zu entscheiden, sei vom Geschlecht unabhängig immer eine Herausforderung. Und dann zerschlug Beatrice meine These vollends: „Ich bin im Dokumentarfilm gar nicht so sicher, ob es da wirklich so wenige Frauen gibt.“ Na gut, dann schau ich mir das halt noch mal an. Und tatsächlich: Im Wettbewerb für den besten Dokumentarfilm beim 9. Achtung Berlin Festival sind wahrhaftig mehr Frauen als Männer vertreten.

Ich muss nun also zugeben, dass ich Unrecht hatte. In Ordnung: Frauen haben es also vielleicht gar nicht so viel schwerer. Auffällig bleibt dennoch, dass sie ausgerechnet im Dokumentarfilm so stark vertreten sind. Woran kann das liegen? Sind Frauen vielleicht einfach mutiger? Immerhin gelangen die wenigsten Dokumentarfilmer zu Ruhm, Ehre und Reichtum. Wer mit Filmemachen Geld verdienen will, ist mit Spielfilmen deutlich besser beraten. Oder sind Frauen einfach sozialer, beschäftigen sich also mehr mit der Situation anderer Menschen? Aber auch das ist doch eigentlich schon wieder ein sexistisches Klischee. Ich bin verwirrt. Vielleicht sollte ich mich noch mal mit Beatrice Möller treffen, um das zu klären.

Alles was wir wollen hat übrigens keinen Verleih. Stattdessen tourt Beatrice Möller mit ihrem Film selbst durch die Lande und steht nach vielen Vorführungen für Fragen zur Verfügung. Alle Tourtermine und weitere Informationen zum Film findet ihr auf alleswaswirwollen.de.

Sophie Charlotte Rieger