Eine Geschichte von Liebe und Finsternis

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis Tausendsasserin Natalie Portman auch den Regiestuhl erobert. Nach ihren großen Erfolgen als Schauspielerin und einem Harvard Abschluss in Psychologie brauchte der Hollywoodstar mit israelischen Wurzeln anscheinend eine neue Herausforderung. Die Adaption des autobiographischen Romans Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, von Amos Oz könnte Portmans Karrierewechsel allerdings im Keim ersticken.

© Koch Films

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Mit einer Mischung aus chronologischer Narration, Rückblenden und visualisierten Erzählungen zeigt Eine Geschichte von Liebe und Finsternis die Kindheit des israelischen Autors Amos Oz. Dabei steht die Figur seiner Mutter Fania, verkörpert von Natalie Portman, im Zentrum der Handlung. Es sind ihre Geschichten – mal erinnert, mal ersonnen – die Amos schließlich zu eigenem narrativen Schaffen inspirieren. Die besonders enge Bindung zwischen Mutter und Sohn entsteht aber auch durch die tiefe Liebe Fanias zu ihrem Kind sowie durch die Einsamkeit einer intelligenten Frau* im Gefängnis der häuslichen Sphäre. Die persönliche Geschichte der Familie Oz findet vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts statt und ist mit diesem untrennbar verwoben. Der Traum vom israelischen Staat spielt auch eine Schlüsselrolle in Favias pathologischer Entwicklung zu einer körperlich und seelisch geplagten Frau*.

Es ist vor allem die Komplexität des zu Grunde liegenden Romans, an dem Natalie Portman hier als Drehbuchautorin und Regisseurin scheitert. Es gelingt ihr nicht, die vielschichtige Handlung zu einem kohärenten Ganzen zusammenzufügen und ihrem Publikum jene Informationen und Details zu vermitteln, die es zum Verständnis der Ereignisse benötigt. Mal sind die historischen Hintergründe auf unangenehm offensichtliche Weise in Dialoge eingebunden, mal aber fehlen sie ganz. Auch soziokulturelle Aspekte, wie der Konflikt zwischen arabischer und jüdischer Kultur oder Fanias problematische Stellung in der Familie ihres Ehemannes* kommen zu kurz. Weil mit dem Kontext das Verständnis für Fanias persönliches Leid fehlt, kann das Kinopublikum schwerlich einen Zugang zu ihrer psychologischen Entwicklung finden. Andererseits bleibt Fanias Depression damit für die Zuschauer_innen ebenso bedrückend und rätselhaft wie für den jungen Helden der Geschichte.

Die Stärke des Films ist eindeutig der Text von Amos Oz, oft im Voice Over oder auch in den Erzählungen Fanias präsent. Die große Poesie seiner Sprache verleiht dem Film einen Zauber, der ihm auf dramaturgischer und visueller Ebene fehlt. Zwar versucht Natalie Portman die Magie der Worte zuweilen filmisch zu übersetzen, doch können sich ihre zu gewollt poetischen Bilder nicht mit dem Inhalt verbinden und wirken damit eher prätentiös als tiefgründig. Die triste Farbgebung findet keinen Kontrast, die depressive Stimmung kein Gegenüber. Eine Geschichte von Liebe und Finsternis ist nahezu unerträglich erdrückend, lässt kaum Raum für einen Hoffnungsschimmer. Bis zur letzten Minute bleibt eine Aura des Scheiterns das dominante Stimmungsbild der Inszenierung.

Es mag auch an der deutschen Synchronisation liegen, dass die Darsteller_innen zu dieser tristen Wirkung beitragen. Zu gestelzt wirken die Dialoge, zu steif die Figuren. Jeder noch so intimen Szene ist ihre Künstlichkeit anzusehen. Natalie Portman bleibt selbst hinter ihren Fähigkeiten zurück, wenn sie Fania nur einen einzigen, depressiven Gesichtsausdruck verleihen kann.

Dass immer wieder durchschimmert, wie reich der Stoff von Amos Oz an historischen Bezügen, gesellschaftlichen Themen und philosophischen Gedanken ist, macht Portmans Adaption nur noch trauriger. Die Dialoge zwischen Amos und seinem Vater Arieh zur Schöpfungskraft der Sprache können insbesondere in einer Synchronfassung kaum Interesse wecken. Die Idee, dass Worte Realität nicht nur abbilden, sondern auch erzeugen, bleibt in vager Andeutung stecken. Ähnlich verhält es sich mit der soziokulturellen Einbettung Fanias. In der ersten Hälfte des Films scheint die Rolle der Frau* in der jüdischen Gemeinschaft Ende der 1940er Jahre noch eine zentrale Rolle zu spielen, doch versäumt es Natalie Portman, diesen Aspekt weiterzuentwickeln und ihrem Film damit eine weitere Ebene, nicht zuletzt ihrer Hauptfigur auch einen Kontext zu verleihen. Ebenso in den Ansätzen stecken bleibt die literarische Entwicklung der Hauptfigur, die Wandlung des jungen Amos vom Zuhörer zum Erzähler.

Statt all diese Aspekte gleichermaßen anzudeuten, hätte dem Film ein klares Zentrum gut getan – eine narrative Richtung oder ein thematischer Schwerpunkt. So aber fehlt es der Erzählung an Intensität und Tempo, an dem Potential, ein Kinopublikum für ihre Figuren einzunehmen, es zu verzaubern und mitzureißen.

Am Ende drängt sich alles in allem der Gedanke auf, dass eine Regisseurin weniger prominenten Namens sich mit diesem Film nicht bis in den internationalen Verleih hätte durchsetzen können. Wie sich Eine Geschichte von Liebe und Finsternis an den Kinokassen schlägt bleibt abzuwarten, doch die Vermutung liegt nahe, dass neben des Bekanntheitsgrades der Regisseurin vor allem die Romanvorlage als Zugpferd dient. Der Film an sich aber wird wohl niemandem lange im Gedächtnis bleiben.

Kinostart: 3. November 2016

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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