DOK Leipzig 2021: Subjektive Wahrheiten und Erinnerungen

Vom 25. bis 31. Oktober findet die diesjährige Ausgabe des DOK Leipzig statt. Anschließend laufen Teile des Programms im DOK Stream. FILMLÖWIN sah zwei ganz unterschiedliche Filme: Kopf Faust Fahne – Perspektiven auf das Thälmanndenkmal von Betina Kuntzsch lief als Weltpremiere im Deutschen Wettbewerb für lange Filme. Zum ersten Mal im deutschen Kino zeigt DOK Leipzig im Wettbewerb um den Publikumspreis Our Memory Belongs to Us von Rami Farah und Signe Byrge Sørensen über die syrische Revolution.

© DOK Leipzig 2021 / Kopf Faust Sahne, Betina Kuntzsch

Kopf Faust Fahne – Perspektiven auf das Thälmanndenkmal

In zehn Kurzfilmen erzählt Kopf Faust Fahne Kiezgeschichte. Regisseurin Betina Kuntzsch wuchs mit dem Thälmanndenkmal an der Greifswalder Straße auf. Das Thälmanndenkmal im Prenzlauer Berg ist enorm: 14 Meter hoch, 15 Meter breit und 50 Tonnen schwer. Es überdauerte den real existierenden Sozialismus, weil ein Abriss zu aufwendig gewesen wäre. Inzwischen steht das Monument mitsamt dem umliegenden Park und der Wohnanlage unter Denkmalschutz.

Für ihren Dokumentarfilm begibt sich Betina Kuntzsch auf eine Spurensuche in der Nachbar:innenschaft und in Archiven. Anwohner:innen, Kindheitsfreund:innen von Kuntzsch und die Regisseurin selbst tragen ihre subjektiven Wahrheiten zusammen. Persönliche Erinnerungen und zeithistorische Dokumente, wie die Erinnerungen an meinen Vater von Irma Thälmann, Bauzeichnungen des Gasometers, Fotografien und Videoaufnahmen und Texte der Pioniere, verbindet Betina Kuntzsch mit Hilfe von Animationen zu einem bunten Mosaik.  Die unterschiedlichen Perspektiven erzählt Kopf Faust Fahne konsequent aus der ich-Perspektive. Der Ton ist typisch Berliner Schnauze nüchtern mit trockenem Humor, was den alltagsgeschichtlichen Zugang des Projektes unterstreicht.

Kopf Faust Fahne ist Teil einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Erbe der DDR. Kuntzsch realisierte den Dokumentarfilm im Rahmen ihres Beitrags zum Kunstwettbewerb »Künstlerische Kommentierung des Ernst-Thälmann-Denkmals« des Bezirks Pankow. Die Kurzfilme sollen zukünftig per QR-Code am Denkmal abgerufen werden können und einen historischen Kontext zum unübersehbaren Monument bieten.

© DOK Leipzig 2021 / Our Memory Belongs To Us, Rami Farah, Signe Byrge Sørensen

 Our Memory Belongs to Us

Our Memory Belongs to Us begleitet den Versuch kollektive Erinnerung zu schaffen. Darin richtet er sich nicht zuerst an ein weißes, europäisches Publikum. Dennoch ist es wichtig sich mit diesem Film auseinanderzusetzen.

Im März 2011 begannen die Proteste gegen das syrische Regime unter der Führung von Baschar al-Assad. Yadan Draji, Odai Al Taleb, Rani Al Mohammad Masalmah und andere Aktivisten filmen die Aufstände. Sie wollen ihre Revolution in die Welt tragen und die Menschenrechtsverbrechen des Regimes bezeugen. Die Aufnahmen machen sie mit versteckter Kamera oder vermummten Gesichtern. Dennoch geraten sie ins Visier der Regierungstruppen und fliehen schließlich ins Exil.

Acht Jahre später arrangieren Rami Farah und Signe Byrge Sørensen ein Wiedersehen. Auf der Bühne eines Filmtheaters in Paris sichten und kommentieren Yadan, Odai und Rani ihr Material. Anhand der Aufnahmen und ihrer Erinnerungen veranschaulichen sie den Ausbruch der Syrischen Revolution und die Entwicklung hin zu einem anhaltenden Bürgerkrieg.

Eindrücklich begleitet der Film einen emotionalen Prozess, in dem Yadan, Odai und Rani sich selbst und das Publikum mit Aufnahmen von Gewalt und Tod konfrontieren. Immer wieder thematisiert Our Memory Belongs to Us den Zwiespalt zwischen vergessen wollen und erinnern müssen.

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg