Crossing Europe 2022: The Hill where Lionesses Roar

Es ist ein trockener Sommer im Land mit dem bekanntlich niedrigsten Altersdurchschnitt innerhalb Europas. Es ist der zweite Sommer, den die Freundinnen Qe, Jeta und Li auf die Ergebnisse der Aufnahmeprüfungen ihrer Universität warten. Es ist ein Sommer, in dem das Leben im Moment ohne konkreten Zukunftsperspektiven keine Option mehr für die drei Bewohnerinnen eines kosovarischen Dorfes darstellt. Schauspielerin und Filmemacherin Luàna Bajrami, die u.a. in Porträt einer jungen Frau in Flammen von Céline Sciamma als Sophie vor der Kamera stand, legt ein beeindruckendes Debüt vor, in dem sie nicht nur von der Melancholie kurzlebiger Leichtigkeit in einer post-sozialistischen Realität erzählt und von Orten, die ihren Glanz an die Vergangenheit verloren haben, sondern auch indem sie geschlechtsstereotype Figurenkonstellationen des Road bzw. Outlaw-Movies invertiert.

© Crossing Europe

Die titelgebenden Löwinnen des eingeschworenen Dreiergespanns brüllen von Beginn an laut: Li (Era Balaj), Qe (Flaka Latifi) und Jeta (Urate Shabani) strotzen vor Energie und Selbstbewusstsein, sowohl in Konfrontation mit ihren Eltern, als auch in Begegnungen außer Haus. Während Qes Mutter plant ihren Frisiersalon an die nächste Generation weiterzugeben und Jeta bei ihrem Onkel in einer Situation lebt, die erlebte sexualisierte Gewalt nicht ausschließt, stehen Li’s Eltern hinter ihrem Wunsch nach einem Studium. Drei unterschiedliche Szenarien und dennoch stehen alle drei am Tag der Entscheidung vor verschlossenen Türen: Erneut wird keine von ihnen an der Universität angenommen, die Hoffnung auf Chancengleichheit wieder von unsichtbaren Entscheidungsträger:innen zunichte gemacht. Li schreit impulsiv einen Universitätsangestellten an, wird aber sofort vom Gelände verwiesen. Der Weg zum Studium bleibt verschlossen, ein Visum zu bekommen ist auch kein leichtes Spiel. Zurück bleiben die drei Heldinnen aber nicht nur mit Frustration und Wut, denn der Wille, das eigene Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, erweist sich stärker als derjenige, die Hände passiv in den Schoß zu legen. ___STEADY_PAYWALL___

Der bis zu diesem Zeitpunkt in entschleunigten Momentaufnahmen und Situationen des Zeitvertreibs in verlassenen Schwimmbecken und Rohbauten rhythmisch ansprechende Handlungsfluss, gewinnt in The Hill where Lionesses Roar schlagartig an Tempo, als die drei Spät-Teenagerinnen beschließen, eine Gang zu gründen, um ihr Kapital aus Überfällen kleiner und großer Geschäfte der Region zu erbeuten. Karre, Masken und Adrenalin funktionieren als Formel für eine Ausflucht aus ihrer Lage. Ein Ablaufdatum ist von Anfang an vorprogrammiert. Bajrami setzt bis zu einem gewissen Grad auf die Genrekenntnis ihres Publikums, indem sie das Vorgehen der Gang und den Fortlauf ihrer Handlungen nicht im Detail erzählt, sondern in rasch aufeinanderfolgenden Sequenzen konstruiert. Eins folgt aufs Nächste. Bevor die örtlichen Behörden den Ursacherinnen der Überfälle auf die Spur kommen können, kehrt die Gang, begleitet von Lis Freund Zem (Andi Bajgora), ihrem Dorf den Rücken. Was bleibt zu tun? Fein essen gehen, im See baden, tanzen, das Leben genießen. Für einen Moment steht die Zeit still. Diese euphorischen Erlebnisse nach der Loslösung aus den einschränkenden, perspektivlosen Lebensverhältnissen, erinnern an Road-Movies wie Thelma & Louise und Queen & Slim, deren Protagonist:innen vor dem metaphorisch oder sprichwörtlichen finalen Absturz von einer Klippe nur durch eine utopische Realitätsverweigerung glücklich zurückgeworfen werden könnten. Das Bewusstsein über strukturelle Disparitäten kennt keinen Rückwärtsgang und die Euphorie kann nicht angehalten werden. Wohin kann die Flucht aus der Chancenungleichheit führen? 

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Regisseurin Luàna Bajrami lässt ihre Protagonistinnen im Spiegel mit der von ihr selbst verkörperten kosovarischen Französin Lena über die eigenen Lebensverhältnisse reflektieren. Lena verbringt den Sommer bei ihrer Großmutter im Dorf, während sie den Rest des Jahres in Paris lebt. Als eng und mit Druck verbunden beschreibt sie den drei Mädchen ihren Alltag in der Metropole, den sie gern sofort gegen das scheinbar freie Leben im Dorf ohne die neoliberale Erwartungshaltung, die ihr selbst entgegentritt, eintauschen würde. Li, Jeta und Qe fühlen sich und ihre Lebensrealität in Lenas Einschätzungen verkannt, hätten lieber die Chance überhaupt ein Studium wählen zu können, statt um einen Platz bangen zu müssen. Nach ein paar kurzen Begegnungen und Konfrontationen löst sich die Freund:innenschaft aufgrund einer fehlenden Verständnisbasis gar abrupt auf – schade, dass Bajrami hier abkürzt. Auch wenn recht augenscheinlich wird, dass Bajramis Figur die Funktion erfüllt einen transkulturellen Dialog zu eröffnen, wirkt die Szene zwischen Lena und Qe dennoch nicht aufgesetzt und punktet durch sensibles Spiel und Tempo, die für beide Seiten Empathie aufkommen lässt. Keine richtigen und falschen Einschätzungen werden präsentiert, sondern Erfahrungen und Lebenssituationen, die die Begegnung mit dem Selbst im Spiegel der anderen konstitutiv für die eigene Identität werden lassen, stehen urteilsfrei nebeneinander.

Inmitten einer melancholischen Gesamtatmosphäre erreichen die drei Protagonistinnen in The Hill where Lionesses Roar ihr Publikum durch ihre Energie, euphorische Kampfhaltung und tiefergehende Sensibilität. Die Landschaften schreiben sich dabei ebenso in ihre Subjekte ein, wie sie sich diese erobern und zu eigen machen. Verlassene Gebäude, das Rohbaufenster zum Friedhof und die endlose Weite der Felder verknüpfen die irreversible Historie eines Ortes mit seiner Gegenwart: Struktur und Gesellschaft zeichnen sich abseits neoliberal-kapitalistischer Versprechungen von Chancengleichheit als richtungsweisend für die Lebensform und Zukunftsperspektiven ihrer Bewohner:innen. Bajramis Idee das Szenario einer Ausflucht als Plan B und als Empowerment durchzuspielen, kreiert eine ganz eigene Atmosphäre, die das filmische Erlebnis mehr als lohnt. Verzerrte E-Gitarren-Klänge und sonnendurchflutete Landschaften stellen Assoziationen zum Westerngenre her. Dass die Freiheit nicht unbedingt auf der Straße oder an verlassenen Orten, die von Gentrifizierung weit entfernt existieren, liegt, aber Empowerment ein Stück Freiheit bedeutet – auch davon erzählt der Coming of Age-Film.

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Für die Suche nach einem Zukunftsweg essentiell zeigen sich in The Hill where Lionesses Roar ausschließlich weibliche gleichaltrige Peers, weder Autoritäten noch Eltern, noch Geliebte stellen die Schicksalsweichen der drei. Lis Freund Zem fällt in der Gesamtinszenierung als Begleiter der Gruppe in seiner Funktionalisierung als süßes Beiwerk auf. Kein objektifizierender Blick, viel mehr visuelle Momente, in denen sein strahlendes Lächeln ihn zum Sympathieträger werden lässt, zeichnen seine Präsenz aus. Von ihm erfahren wir wenig, außer, dass Li ihn überzeugt, sich aus illegalen Geschäfte zu lösen, was ihm eine geballte Tracht Prügel einer männlichen Gang einbringt – die weibliche Gang gewährt ihm Schutz. Während Li mit Zem romantische Nächte verbringt, wandelt sich auch die Freundinnenschaft zwischen Qe und Jeta zu einem gegenseitigen Begehren. Im Gegensatz zu beiläufig auf dialogischer Ebene erzählten heterosexuellen Liebesgeschichte zwischen Li und Zem, erfährt das Publikum von Qe und Jetas Anziehung durch kontemplative Blickinszenierungen, die die rhythmische Brücke zwischen dem höheren Tempo des Road-Movie-Stranges und dem letzten entschleunigten Teil der Erzählung schlagen. Nach The Hill where Lionesses Roar kann eins gespannt sein auf Bajramis nächste Arbeit.

The Hill where Lionesses Roar war auf dem Crossing Europe in der Young Programmers Sektion zu sehen.

 

 

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch