Crossing Europe 2022: Köy – Playground – Moon, 66 Questions

Das Leben an einem Ort und anderswo

Wie der Name Crossing Europe nahelegt, spielten in nicht wenigen Filmen auch der diesjährigen Ausgabe des Festivals  das Überschreiten von Grenzen und die Bedeutung von Räumen und reglementierten Orten für das Leben der Einzelnen eine Rolle. Der verweigerte Zugang zu institutionalisierten Räumen (The Hill Where Lionesses Roar), das Zuhause als Erfahrungsraum von Individualität in einem technokratischen Zeitalter (Sheroes/À la vie), die Sehnsucht nach dem Stück Land, das dem Gefühl nach Zugehörigkeit am nächsten liegt (Köy), eine Mobilitätseinschränkung als neue Chance für das Aufleben einer Vater-Tochter-Beziehung (Moon, 66 Questions) und der Schulhof als Verhandlungsort von Ausgrenzungen und Machtgefällen (Playground/Un Monde): Topografische Verhältnisse prägen unser Leben und die Möglichkeiten auf Teilhabe in unserem Gesellschaftssystems.

© Crossing Europe

Köy

Das Bild einer grünen Hügellandschaft mit einer kleinen Ansammlung von Häusern – im Türkischen Köy genannt. Es ist jener Ort in Ostanatolien, den die kurdische Großmutter der Filmemacherin vor Jahrzehnten verlassen, im Herzen aber nie aufgegeben hat. Regisseurin Serpil Turhan, die ab den späten 1990er Jahren durch ihre Rollen in Filmen von Thomas Arslan (z.B. Geschwister – Kardeşler) und Rudolf Thome Bekanntheit erlangte, realisierte mit Köy ihren vierten Dokumentarfilm. Über mehrere Jahre führte sie mit drei Kurdinnen aus unterschiedlichen Generationen Gespräche über kulturelle Identität, die Bedeutung von Sprache, Aktivismus und Emanzipation. Wohnhaft in Berlin, nimmt die Beziehung zur Türkei als Ort der Heimat und als Austragungsort politischer Verfolgung seit jeher eine ambivalente Rolle im Leben von Neno, Saniye und Hêvîn ein. 

Die Jüngste, Hêvîn, begann bereits früh sich in Berlin, der Türkei und Kurdistan politisch zu engagieren. Sie berichtet von ihrem Weg, mit ihrem schlechten Gewissen umzugehen, das sie in Berlin abseits von der Lebensrealität einer ständigen Kriegssituation, wie sie Kurd:innen in der Türkei und andernorts ausgesetzt sind, begleitet. Saniye, die als Kind nach Deutschland emigrierte, sehnt sich nach dem Heimatort ihrer Eltern, nach dem Gefühl von Zugehörigkeit durch eine Sprache und Kultur, die ihr in Berlin immer fehlte. Und Neno blickt auf ihr langes Leben mit seinen unvorhersehbaren Wendungen lachend und weinend zugleich zurück. Mitte der 1970er hätte sie niemals gedacht, dass es nicht bei zwei Jahren Gastarbeit in Deutschland bleiben und, dass die Unterdrückung der Kurd:innen bis heute kein Ende nehmen würde.

„Lange Gesprächssituationen spielen, wie in vorherigen Arbeiten von mir, eine große Rolle“, erklärt Turhan den Zugang zu Arbeit an ihrem Dokumentarfilm Köy. Das Ergebnis sind tiefgehende, intime Reflexionen ihrer Protagonistinnen auf ihr Leben und ihre Umgebung. Zu sehen sind Neno, Saniye und Hêvîn dabei in erster Linie an ihren vertrauten Orten: im eigenen Café, am Ausbildungsplatz oder Zuhause, von wo aus der Blick über das verzweigte, urbane Kiez visuell zwar einen Kontrast zum Anfangsbild des kurdischen Köys erzeugt. Andererseits legt Hêvîns gleichzeitige Erklärung ihres sozialen Netzes im Kreuzberger Kiez nahe, dass der Köy der (Wahl-)Berlinerinnen hier auch auf eine Art existiert – eben sehr verteilt und unsichtbar hinter den Häuserfassaden und deutschen Straßennamen. In ihrem Umgang mit der Entwurzelung ihrer Familie und der eigenen Marginalisierung in einer deutschen Dominanzkultur äußern die Frauen ähnliche Gefühle und zugleich auch unterschiedliche Zugänge. Als während der Drehzeit in Ausbildung befindliche Schauspielerin positioniert sich Hêvîn kritisch gegenüber Besetzungsstrategien, die es (post-)migrantischen Personen nur an bestimmten Theaterhäusern zu arbeiten ermöglichen – typisch Maxim-Gorki sei sie, sprechen Kolleg:innen ihre Assoziationen aus, die auf unterbewussten Bias der Branche basieren.

Solchen Zuschreibungen und Mechanismen widersetzt sich Hêvîn und beeindruckt mit ihrem Kampfgeist und politischen Bewusstsein. Heute arbeitet sie übrigens an der Schaubühne und strebt danach, ihren Aktivismus in ihr künstlerisches Schaffen zu integrieren. Saniye hingegen spielt mit dem Gedanken in das Dorf ihrer Eltern aufzubrechen und der Herausforderung gegenüberzutreten, sich als emanzipierte Frau in einem patriarchal geprägten Umfeld zu positionieren und ihre Vorstellung von einem ländlichen Leben in der Heimat ihrer Eltern auf die Probe zu stellen. Die Gespräche zwischen Turhan und Neno, Saniye und Hêvîn sind von tiefen Emotionen begleitet und kreisen im Kern stets um die Frage, was Sehnsucht als ständiger Begleiter einer (Post-)Migrationserfahrung mit dem einzelnen Menschen macht. Eine einzige Antwort zu finden ist nicht das Ziel, viel mehr kommt es darauf, gedanklich stets in Bewegung zu bleiben und einer Vielfalt von Erfahrungen und Geschichten Raum zu geben – dazu Köy trägt entschieden bei.

© Crossing Europe

Playground (Un Monde)

Eine bewegte Handkamera im Close-Up auf das verzweifelte Gesicht einer Siebenjährigen, die sich am Eingang zum Schulhof nicht aus der Umarmung des Bruders lösen will. In Laura Wandels Drama Playground zeigt sich der Schulalltag aus der Sicht einer Erstklässlerin als harter Balanceakt zwischen Anpassung und Selbstbehauptung in Konfrontation mit Gleichaltrigen und Autoritäten. Visuell trennt sich die Erzählung in keiner Sekunde von ihrer Protagonistin Nora (Maya Vanderbeque), als einziger Handlungsort dient die Welt un monde der Klassenzimmer und das Machtgefälle am Schulhof bzw. dem Gelände vor dem Gebäude. Nora muss bald mit ansehen, wie ihr Bruder Abel (Günter Duret) von einem älteren Mitschüler drangsaliert wird und findet sich zwischen zwei Fronten wieder: Dem Vater von Abels Problemen erzählen oder der Bitte des Bruders folgen und alles geheim halten, um ihn die Sache selbst regeln zu lassen? Während Nora bald eine Gruppe von Freundinnen gefunden hat, leidet Abel immer stärker unter den Ausgrenzungen und Gewaltakten des größer gewachseneren Mitschülers. ___STEADY_PAYWALL___

In ihrer kompensierten Form weisen Hierarchisierungsdynamiken und Machtgefälle in Playground über das Schulgelände hinaus auf gesellschaftliche Strukturen hin: Mit Willkür üben einige wenige gewaltvoll Dominanz über ihre Opfer aus und lassen in diesen Wut und Frustration aufkeimen, die wiederum dieselbe Art von irratonalem, toxischem Handeln herausfordert. Sobald Abel sich aus der Unterdrückung gelöst hat, beginnt er selbst jemanden zu drangsalieren. Tritte nach unten und survival of the fittest spiegeln früh aus dem Patriarchat aufkeimende Verhaltensweisen und Vorstellungen von Machtübernahme im Mikrokosmos des Schulhofs wider. Mit ihrem Spielfilmdebüt, das für die Academy Awards ins Rennen geschickt wurde, beeindruckt die belgische Regisseurin besonders durch ihre Arbeit mit den Laiendarsteller:innen. Während die Kamera Nora stets dicht folgt, haben wir das Gefühl, ganz in ihre Welt einzudringen und in die Art von klaustrophobisches Abhängigkeitsverhältnis, das die Reglementierungen von Erwachsenen im Leben eines Kindes bestimmen, zurückbefördert zu werden. Wir werden Zeug:innen von der Unmöglichkeit für Nora stattgefundene Ungerechtigkeiten in wahrheitsgemäßer Form ans Licht zu bringen: Laura Wandels reißt mit und stößt zum Nachdenken an. 

© Crossing Europe

Moon, 66 Questions

„A film about love, movement and flow (or the lack of it)“ leitet Jacqueline Lentzou ihren Spielfilm Moon, 66 Questions in seiner Mischung aus Familiendrama und Coming of Age-Geschichte ein. Ihre Anfang zwanzigjährige Protagonistin Artemis (Sofia Kokkali) kehrt nach Athen zurück, um sich dort um ihren Vater zu kümmern. Durch eine Autoimmunerkrankung findet dieser sich plötzlich in einem physischem Zustand wider, der ihm das Alleinleben verunmöglicht. Artemis Großmutter und Tante suchen im Beisein weiterer Familienmitglieder nach einer Pflegeperson, bis dahin kümmert sich die Protagonistin selbst um ihn. Aus dem Off erfahren wir, begleitet von Mini-DV-Aufnahmen während vergangener Urlaube, Ausflügen und von verschiedensten Gegenständen in wackeliger Großansicht, dass Artemis und ihr Vater Paris stets ein distanziertes Verhältnis pflegten, eine gegenseitige Nähe aufzubauen gelang nie. Nun sind sich die beiden jedoch gezwungenermaßen körperlich plötzlich sehr nahe: Artemis hilft ihm beim Gehen und bei Beweglichkeitsübungen, er muss sich gänzlich auf sie stützen, ihr vertrauen. 

Während die Wochen vorübergehen und sich die Mondphasen sichtlich abwechseln, bauen Artemis und ihr Vater, der sich nur mit großer Mühe artikulieren kann, eine Nähe zueinander auf, deren Bedeutung im gegenseitigen schweigsamen Beisammensein oder im Teilen von komischen Momenten liegt. Als Paris im Zuge des Besuches eines alten Freundes besondere Stärke und Lebensenergie versprüht, beginnt Artemis, hinter die Fassade des stillen Mannes zu blicken. Die griechische Filmemacherin Jacqueline Lentzou legt mit ihrem Debüt einen atmosphärisch ganz eigenen und sehr gefühlvollen Spielfilm vor. Viele Szenen und Momente stehen für sich selbst und ergeben zugleich ein Kaleidoskop der Erinnerungen, Gefühle und Verhaltensweisen von Artemis und ihrem Verhältnis zu Paris. Deutlich wird auch, dass die Care-Arbeit für die Tochter eine seelische und körperliche Belastung bedeutet. Nachdem sie einen Rollstuhl erwirbt, um sich mit dem Vater, ohne ihn stützen zu müssen, auch außerhalb des Hauses bewegen zu können, erntet sie Kritik von den Verwandten: Der Rollstuhl bringe die Gefahr mit sich, dass Paris seine physiotherapeutischen Übungen nicht mehr machen wollte, keine Notwendigkeit und Motivation mehr aufbringe, aus dem Sitzen herauszukommen. Ihre Freund:innen besuchen Artemis so im Haus, das Auto fährt sie lediglich in der Garage hin und her und auch zu Bomfunk MC’s Freestyler tanzt sie nur in den eigenen vier Wänden und im Garten. Diese örtliche Beschränkung bricht Moon, 66 Questions  lediglich durch seine Video-Aufnahmen aus der Vergangenheit auf. So verschmilzt die Vater-Tochter-Geschichte mit einer Erinnerungsästhetik und den statischen Aufnahmen von Gegenständen zu einer poetischen Filmerzählung.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch