BAD LUCK BANGING OR LOONY PORN oder: die Doppelmoral der Obszönität

“Niemand nimmt wahr, dass die Welt in einem tiefen Ozean der Zeit versinkt, in einem tiefen Ozean voller Raubtiere, die sich Tod und Altersschwäche nennen”. Dieses Zitat leitet den mit dem Goldenen Bären der diesjährigen Berlinale ausgezeichneten Film Bad Luck Banging Or Loony Porn ein. Radu Jude, eine der wohl bedeutendsten, zeitgenössischen Stimmen des rumänischen Kinos, lässt durch seine entgrenzte und scharfsinnige Art des Erzählens nicht sofort zu, diesen Spruch in eindeutigen Einklang mit den darauf folgenden Bildern zu bringen (speziell nicht mit den ersten 5 Minuten des Films, die ausschließlich aus amateurpornographischen Aufnahmen bestehen). Die Voraussetzung gewisser spitzfindiger Transferleistungen ist seinem filmischen Werk durchaus inhärent, auch wenn es nicht immer gleich so wirkt. Auf den ersten Blick wirkt seine groteske Sozialsatire, die er als Heimatfilm untertitelt, wie mit dem Holzhammer, statt mit einer Kamera gedreht – sie ist eine bitterböse Abrechnung mit den sozialen Normen und Sitten seines Heimatlandes.

Sitten ist hierbei ein gutes Stichwort: In den ersten fünf Minuten des Films dürfen die Zuschauenden ihre Sittsamkeit auf die Probe stellen, denn sie werden mit einem durch und durch expliziten Amateurporno konfrontiert. Eben dieser Porno wird  zum Konflikttreiber des Films, denn er zeigt die Lehrerin Emi (Katia Pascariu) mit ihrem Ehemann und landet mehr oder weniger ungewollt im Internet, wo ihn Emis Schüler:innen finden. Die Konsequenz? Elternabend! Bad Luck Banging Or Loony Porn hat keine Lust auf eine große Dramaturgie. Ansteigende und abfallende Spannungsbögen, Motivik und Katharsis und der ganze Schnick Schnack moderner Filmerzählungen finden keinen Platz in den drei Episoden des Films, die Radu Jude allein dafür nutzt, um eine absurd hohe Dichte an kleinteiligen Zerlegungen vorzunehmen. 

© 2021 Neue Visionen

___STEADY_PAYWALL___

Die erste Episode besteht fast ausschließlich aus alltäglichen Szenen, die Emi auf ihrem Weg durch die pandemisch geprägte Stadt kreuzt. Gespräche über von KZ-Häftlingen inspirierte Diästrategien oder das “Gesülze über Armut, Bedürftigkeit und das Volk”, schwangere Barbiepuppen in den Ladenregalen, sexistische Werbebanner und banale Konflikte, die damit enden, dass jemand vom Auto überfahren wird, prägen in diesem Teil die Kulisse des alltäglichen Rumäniens und zeichnen ein Bild moralischer Verrohung. Die zweite Episode, “Kleines Wörterbuch der Anekdoten, Zeichen und Wunder” genannt, skizziert diese multidimensional weiter. Hier präsentiert Radu Jude eine willkürlich wirkende Collage – von Rumäniens Rolle während des Holocausts zu Blondinenwitzen, von rumänischen Nationaldichter:innen zu Katastrophentourismus –, die alle nur auf eins hinweisen: Nichts, kein Porno, kein sexueller Akt, kann so obszön sein wie diese rumänische Gesellschaft. In der dritten Episode – dem gefürchteten Elternabend – verdeutlicht der Film dies letztendlich mithilfe eines bizarren Schauprozesses an Emi. Er beginnt mit dem von den Eltern geforderten Abspielen des Pornos (“Wir wollen das Video zu Ende sehen, es ist ekelhaft!”) und rauscht dann blitzschnell in eine absolut wahnhafte, verbale Treibjagd. 

Im Wörterbuch-Teil, der zweiten Episode von Bad Luck Banging Or Loony Porn, konstatiert Radu Jude, das Kino sei wie Athenes polierter Schild, durch den Perseus das schreckliche Antlitz der Medusa erblicken konnte, ohne versteinert zu werden. Das Kino hilft uns Grausamkeit und Schrecken zu perzipieren, ohne daran zu zerbrechen. Es schaltet sich zwischen uns und die Welt, vermittelt und formt. Jude kommentiert damit natürlich auch seinen eigenen Film, den er mehr als deutlich als einen polierten Schild angelegt hat, als ein so oft heraufbeschworenes, aber selten so konsequent inszeniertes Spiegelbild der Gesellschaft. Und auch wenn Bad Luck Banging nicht dezidiert den Fokus auf feministische Themen legt, lohnt es sich, ihn auch daraufhin zu untersuchen – besonders im Hinblick auf die Aussagen, die er über Sexualität und den Umgang damit trifft. 

© 2021 Neue Visionen

Die Feindseligkeit, die Emi in der letzten Episode des Film aufgrund ihres Pornovideos entgegenschlägt, ist niederschmetternd und entlarvend. Wo Radu Jude zuvor lang und breit eine Gesellschaft skizziert hat, der die Moral vollkommen abhanden gekommen ist, präsentiert er hier nun ihr Selbstbild. In Emis offen ausgelebter Sexualität erkennen ein Großteil der Eltern ein Maß an Verkommenheit, das beispiellos für sie zu sein scheint. Detailliert zerpflücken und verurteilen sie die vollkommen gängigen sexuellen Praktiken, laben sich gleichzeitig in den Vorstellungen daran, geilen sich an ihnen auf und offenbaren einen Wahn, der Züge des Selbsthasses aufweist. Die Kinder müssen geschützt werden, monieren sie vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in deren Kinderliedern der Wunsch nach einem ehrenhaften Tod im Krieg besungen wird. Moralisch tadelloses Verhalten erwarten sie und erkennen dabei nicht, dass ihnen Moral selbst schon längst abhanden gekommen ist. In ihrer Rage lassen sich die Eltern, deren Ensemble absichtlich wie ein grober Schnitt durch alle gesellschaftlichen Schichten angelegt zu sein scheint, dazu hinreißen alle Hüllen fallen zu lassen und präsentieren offen ihren Hass auf Frauen und Homosexuelle, ihren Antisemitismus und Antiziganismus. Hier ist der Ozean der Zeit, in dem die Welt versinkt, voller konservativer Raubtiere, die Menschenhass für anschlussfähig halten.

Vielleicht war die Wahl eines amateurpornographischen Videos als Auslöser für die Geschehnisse und Basis der Beobachtungen im Film willkürlich gewählt. Vielleicht wollte Radu Jude damit nur eine weitere provokative Ebene einbauen, an der er sich – zurecht – köstlich zu amüsieren scheint. Doch dass die mit Freude ausgelebte Sexualität einer aufgeklärten und emanzipierten Frau in der Lage ist, eine Gesellschaft wie die, die in Bad Luck Banging gezeichnet wird, in den Grundfesten zu erschüttern, liegt in der Natur der Sache. Die reaktionäre Öffentlichkeit braucht die Kontrolle über ihre Frauen und deren Sexualität, um sich selbst zu erhalten. Und sie braucht diesen obszönen Skandal, um von der eigenen obszönen Verfasstheit abzulenken. Dynamiken wie diese geschehen tagtäglich um uns herum und Akte des Widerstands dagegen müssen zum Glück nicht immer gleich der Amateurporno sein.

Kinostart: 08.07.2021

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
Letzte Artikel von Sophie Brakemeier (Alle anzeigen)