Drei Gedanken zu: Das starke Geschlecht – Männer reden über Sex

Welche gesellschaftlichen Erwartungen an Männer dominieren einen großen Teil der Gesellschaft, sodass deren Verinnerlichung lange Zeit eines Lebens unvermeidlich scheint? Jonas Rothlaender suchte für seinen Film Das starke Geschlecht – Männer reden über Sex eine Reihe von Männern aus, mit denen er über Sex, Begehren und Männlichkeitsbildern vor allem in Bezug auf Frauen, aber auch im weiteren Kontext sexueller Identitäten und Verhaltensweisen spricht. Daraus entstand ein reflexiver Interviewfilm, dessen minimalistische Art Raum für weiterführende Gedanken lässt.

Fokus Sex: Klischee und Reflexion

Der Untertitel Männer reden über Sex, der in dieser Form genauso gut auf dem Cover eines Lifestyle Magazins als reißerischer Blickfänger dienen könnte, kündigt bereits an, worin der thematische Fokus der Gespräche zwischen den gefilmten Sprechern und dem Regisseur hinter der Kamera liegt: auf Sex. Wie sehr kann man (!) sich eigentlich hingeben, wenn frau so „richtig geil durchgevögelt werden will“? Die Vorstellung, dass ein Mann 20 bis 30 Minuten durchhalten und eine Frau ganz glatt rasiert sein sollte, werden durch die meisten Mainstream-Pornos bestärkt. Wollen die meisten Frauen von Männern dominiert werden? Könnte es sein, dass man die Not eines spielerisch verstandenen „Nein“ einer Frau unter dem Schleier dieser verinnerlichten Vorstellungen konsequenterweise ignoriert? Vorstellungen, die oft total entgegen der Realität stehen. Rothlaender lässt viele Überzeugungen und Gedanken aufeinanderprallen.

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In den knapp hundert Minuten von Das starke Geschlecht hören wir schwierige Aussagen, fragwürdige  Ansichten aber auch reflektierte, progressive, schöne Haltungen. Jonas Rothlaender konfrontiert seine Gesprächspartner einerseits mit anonymen Statements und fordert dann zur eigenen Reflexion auf. Es sind Statements, die (sehr) dunkle Seiten von mit misogyner Sexualität verbundenen Gedankenguts freilegen: Vergewaltigungsfantasien, Gewalt in Beziehungen, haltlose Kritik an weiblicher Emanzipation und körperideale 90-60-90-Vorstellungen. Hiermit gibt Rothlaender einerseits klischierten Aussagen einen Raum und regt aber auch durch die direkte Stellungnahme oder Kommentar der Gefilmten bzw. durch seine eigenen direkten Zwischenfragen zum Nachdenken an. Durch die Auswahl seiner Protagonisten kommt so einerseits ein buntes Kaleidoskop von Meinungen und geschlechtlichen Prägungen zusammen, andererseits hat Rothlaender viele Gemeinsamkeiten zwischen seinen gecasteten Männern gefunden. So einen sie im Endeffekt ihre Intentionen in den erfahrenen Situationen.  Denn hinter Handlungen und Enttäuschungen steht meist simpel die Suche nach Anerkennung sowie der Versuch die eigenen Unsicherheiten zu kaschieren. Dabei wird klar: die Erwartungen an sie selbst sind meist strenger als an die in diesem Fall meist weiblichen Personen, mit der sie sexuellen Kontakt hatten oder sich wünschten. ___STEADY_PAYWALL___

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Weniger ist nicht immer mehr

Das starke Geschlecht präsentiert sich in seiner Form sehr nüchtern: stets derselben schwarze Hintergrund und keine abweichenden Einstellungen zwischen den Gesprächen. Wie in Woman erscheinen durch dieses Setting auch hier alle talking heads gleich, Informationen über die Personen erfahren wir ebenso nur über die Gespräche, nicht über Inserts oder andere Einführungen aus dem Off. Der Film würde auch als rein auditives Format funktionieren, lediglich die Momente, in denen die Gefilmten nach einer herausfordernden Frage nachdenklich gen Himmel oder Boden blicken, würden fehlen. 

„Wenn fast jede Frau aus meinem Umfeld schon mal sexuelle Belästigung oder Gewalt erlebt hat, was sagt das dann über meine männlichen Freunde und mich selbst aus?“, lautet die sehr groß und allgemein gefasste Prämisse des Films. Um Antworten darauf zu finden, schränkt der Regisseur seine Recherche thematisch aber stark ein, sodass der Mehrwert des Filmes am Ende fraglich bleibt. Zwar beweist Rothlaender oft genug durch seine Fragen, dass ihm bedenkliche, sexistische gesellschaftliche Strukturen bewusst sind, doch nützt er dieses Potenzial zu wenig. Mit einem Mann spricht Rothlaender  über ein fiktives Szenario uneinvernehmlichen Vaginalsexes. Es geht um die Frage, ob er die Handlung als Vergewaltigung einstufen würde. In dem Gespräch fällt enttäuschenderweise kein einziges Mal das Wort Konsens. Warum nur, fragt sich eins.

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So hat der  große Erwartungen auslösende Titel am Ende leider doch einiges mit vielversprechenden Covertiteln, die fast nur enttäuschen können, gemein. Denn er lässt viele um Sex kreisende essenzielle Themen, die alle Geschlechter betreffen sollten aus: Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten, Vaterschaftszeiten, käuflicher Sex. Das Thema Porno kommt ebenso nur kurz auf. Es wirkt manchmal, als hätte Rothlaender sich an manche der fehlenden Problematiken nicht herangewagt, da sie zu große Diskussionen mit seinem Gegenüber bzw. dem Publikum auslösen würden. 

We’re in this together!

Positiv zu werten ist jedenfalls, dass der Film zeigt, dass kein Geschlechtsbild für sich allein hinterfragt werden sollte und dass wir alle gemeinsam Geschlechtervorstellungen einerseits kritisch beäugen, andererseits in verschiedenen Formen akzeptieren sollten. Denn wenn ein paar der Sprechenden erzählen, wie sehr sie ihre Ansichten davon lenken lassen, was ihr Gegenüber erwartete, spätestens dann verdeutlicht der Film: wir alle sitzen in einem Boot. Es liegt an uns allen, Offenheit gegenüber Geschlechtsidentiäten in ihrer Vielfalt zu zeigen. Das bedeutet Verwundbarkeit, Unsicherheit und Sensibilität offensiv als Teil männlicher Identität positiv anzunehmen, anstatt Ventile in Form von Aggression oder sexuellen Übergriffen, wie sie mit dem „starke Geschlecht“ traditionell in Verbindung gebracht werden, zu akzeptieren oder gar zu erwarten. Ob diese Botschaft auch bei einem Publikum ankommt, das nicht bereits aktiv Geschlechtsbilder reflektiert, bleibt ebenso fraglich wie, ob ein solches überhaupt mit einer Indie-Produktion erreicht wird. Hier könnte dann doch wieder der reißerische Titel helfen.

Welturaufführung Filmfest München 2021, Kinostart noch nicht bekannt.

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Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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