Wuthering Heights
Emerald Fennell hat es wieder getan. Nach ihrem Debüt Promising Young Woman (2020), dessen feministischer Standpunkt mehr als umstritten ist, und dem Gesprächsstoff-Thriller Saltburn (2023) kommt mit Wuthering Heights nun eine Literaturadaption in die Kinos, die die Meinungen mindestens mal spalten dürfte – und das nicht nur anhand der Frage, wie respektvoll der Film mit seiner Literaturvorlage umgeht; dem viktorianischen Klassiker „Sturmhöhe“ der britischen Schriftstellerin Emily Brontë.
Der Film behandelt die Liebesgeschichte zwischen Catherine „Cathy“ Earnshaw (Margot Robbie) und Heathcliff (Jacob Elordi). Cathy lebt mit ihrem alkoholkranken und in seinen Wutausbrüchen unberechenbaren Vater (Martin Clunes) und einigen Angestellten auf dem heruntergekommenen und abgelegen liegenden Anwesen Wuthering Heights, als eben jener Vater eines Tages den jungen Heathcliff mit nach Hause bringt, den er in der Stadt auf der Straße aufgefunden, nach seiner Aussage vor einem Angriff gerettet hat. Zwischen Cathy und Heathcliff entwickelt sich sehr schnell eine innige Verbindung und bis ins Erwachsenenalter unausgesprochene Liebe. ___STEADY_PAYWALL___

© Warner Bros. Pictures
Dieser Aufbau einer klassischen Liebesgeschichte ist in Wuthering Heights allerdings nur die Basis für ein sexuell aufgeladenes Drama, dessen Plot von Obsession und Rache vorangetrieben wird. “We’re doomed”, flüstert die junge Cathy Heathcliff im ersten Viertel des Films zu und setzt damit eine Geschichte in Gang, mit der Emerald Fennell einen großen Teil der Essenz der Literaturvorlage zugunsten einer vulgär-erotischen Umdeutung ignoriert. Mit ihrem erfolglosen Versuch, Schockmomente durch die Grausamkeit und sexuelle Besessenheit ihrer Figuren zu liefern, hat der Film nicht mehr zu bieten, als kurzweilige Erregungen fürs Publikum, die sich allerdings mehr in Fremdscham denn Scham ausdrücken sollten.
Alles im Film bewegt sich zwischen Lebensfeindlichkeit und Sex: Der Ton wird mit der Montage zwischen dem Todesröcheln eines Hingerichteten, seiner sichtbaren Erektion und der überwältigenden Erregung einer anwesenden Nonne in der ersten Szene gesetzt und über den blutroten Bach, an dem Cathy in Richtung der einer Horrorszenerie gleichenden Felsen um Wuthering Heights läuft, weitergetragen. Fennell inszeniert den zentralen Spielort ihres Films als abstoßendes Stück Land, in dem eine grausame Atmosphäre herrscht. Bildlich ist das durchaus beeindruckend, doch wirkt der Film dadurch eher wie in einem Dark-Fantasy-Setting verortet als im viktorianischen England.

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Dieses verkünstelte Set-Design zieht sich durch den Film: Das feudale Heim der Lintons – dem nächstgelegenen Anwesen zu Wuthering Heights – ist unter anderem mit Wänden ausgestattet, die menschlicher Haut gleichen, während sich die Schnapsflaschen in den Gemächern von Cathys Vater mit der Zeit bis unter die Decke stapeln. Nichts deutet darauf hin, dass hier eine Geschichte erzählt werden soll, die in irgendeiner Form in der Realität bzw. in der historischen Realität verortbar ist. Emerald Fennell wollte damit die Vorstellung des Buchinhaltes, die sie im Alter von 14 Jahren hatte, umsetzen und gibt damit eine Erklärung für die Frage, weswegen jede ästhetische Entscheidung zwar radikal durchexerziert scheint, aber parabolisch wenig Tiefe aufweist.
Im gleichen Zusammenhang hat die Regisseurin auch das Casting von Jacob Elordi als Heathcliff gerechtfertigt. Heathcliff, der in der Originalgeschichte als Person of Color beschrieben wird und als von Rassismus Betroffener nochmal eine facettenreichere Beschäftigung mit sozialer Ungleichheit in Brontës Buch mit sich bringt, ist in Wuthering Heights ein weißer und über alle Maßen attraktiver Schönling. Emerald Fennell wollte einen Heathcliff von einem Schauspieler spielen lassen, der dem Coverbild der Romanausgabe entspricht, die sie als Jugendliche gelesen hatte. Damit treibt sie bewusst das Whitewashing einer der bedeutendsten Figuren der klassischen Literatur im kollektiven Bewusstsein vorant. Dem hat sie sich allerdings natürlich nicht als erste schuldig gemacht; besonders prominent dürften in diesem Kontext vermutlich Ralph Fiennes und Tom Hardy sein, die beide die Rolle von Heathcliff in Verfilmungen des Stoffes bereits übernommen haben. Besser gemacht hat es Andrea Arnold in ihrer Adaption von 2011, in der Heathcliff von James Howson gespielt wird.

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Jacobs Elordis Heathcliff ist allerdings nicht nur in Bezug auf das Whitewashing seiner Figur fragwürdig. Heathcliffs Charakter changiert den ganzen Film hindurch zwischen an Besessenheit grenzender Liebe zu Cathy und mit Rachegedanken verstärktem Hass, während Cathy im Konflikt zwischen ihrer animalischen Anziehung zu Heathcliff und ihrer standesgemäßen Verbindung mit dem reichen Nachbarn Edgar Linton steht. Wie zwei viktorianische Pick-up-Artists arbeiten sie sich im Push-Pull-Verfahren aneinander ab und verwickeln dabei alle Menschen um sie herum in eine weitreichende Tragödie. Während sie sich also gleichzeitig in unmenschlicher Grausamkeit und enger Verbundenheit üben, werden die Momente sexueller Anspannung und Auslebung immer intensiver und devianter. Fennell versucht dabei, den Sex im Spannungsfeld des ambivalenten Verhältnisses der beiden als moralisch schockierend und tabuisiert zu inszenieren – und scheitert dabei an ihrer eigenen Vision. Denn durch die ästhetische Abgrenzung zur Historizität der Geschichte lässt sich die provozieren wollende Darstellung von moralisch fragwürdiger Sexualität kaum bis gar nicht in dem zeitlichen Rahmen, in dem solche Darstellungen noch provokant gewesen wären, verorten. Aus einer zeitgenössischen Perspektive bleibt dabei nur das nervige Hin und Her zweier ordinär normschöner Gegensätze, in dem der Mann stetig Grenzen überschreitet und die Frau letztendlich die Quittung dafür bezahlt – langweilig und konservativ.
Gepaart mit einem Drehbuch, das dem Publikum jede dramaturgische Klammer nochmal erklären muss, wirkt Wuthering Heights letztendlich mehr wie eine Fanfiction für Emerald Fennells Fantasievorstellung von Heathcliff und Cathy als eine ernsthafte Beschäftigung mit dem vorliegenden Stoff, aus dem so gut wie alles, was das Buch im 19. Jahrhundert revolutionär gemacht hat, rausgekürzt wurde. Die Hoffnungen, Erwartungen und Kritik, die den Film schon vor Kinostart belastet haben, werden sicher dafür sorgen, dass auch diesmal viel darüber geredet werden wird – womit er sich dann doch auch wieder perfekt in das Oeuvre der Regisseurin einordnet.
Kinostart: 12. Februar 2026
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