Lesestoff: Weimar, weiblich
Weimar, weiblich: Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933) schaut auf eine Zeit des Aufbruchs im deutschen Film – und wie dieser zum abrupten Stillstand kam. Herausgeberinnen Daria Berten, Annika Haupts, Anna Katharina Heizmann und Kristina Jaspers sprechen in der Einleitung ihres Bandes von einem „weitgehend unbekannte[n] Kapitel der deutschen Filmgeschichte“, das im Zentrum ihrer gemeinsamen Recherche steht: „weibliche[s] Filmschaffen hinter der Kamera zu Zeiten der Weimarer Republik“. Entstanden ist Weimar, weiblich in Zusammenarbeit von Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF, Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen und DFF – Deutsches Filminstitut und Filmmuseum.

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Was 2018 im Zuge der Ausstellung „Kino der Moderne – Film in der Weimarer Republik“ in der Deutschen Kinemathek erste Anfänge fand, mündet in Weimar, weiblich in einer beeindruckenden Niederschrift, die ein Schlaglicht darauf wirft, wie aufstrebendes weibliches Filmschaffen der Weimarer Republik während der NS-Zeit zerschlagen wurde, warum viele Filmschaffende auch nach Kriegsende nie wieder zu ihrem Beruf zurückkehren konnten und wieso ihr Wirken im Film in großen Teilen vergessen ist. Ziel des Buches ist es, gegen diese Marginalisierung anzuschreiben und den aktuellen Forschungsstand zugänglich zu machen. Weimar, weiblich sticht durch detaillierte Recherche und ein Gespür für Lücken, die lange Zeit bestanden, hervor – letztere nicht nur in Biografien und Filmografien der Filmschaffenden, sondern auch bei Leser*innen, Filmfans, -theoretiker*innen und -historiker*innen. Weimar, weiblich ist Nachschlagewerk, wissenschaftliche Studie und Sammlung interessanter Zeitdokumente.
46 Biografien
Weimar, weiblich ist in drei Teile unterteilt. Zunächst beginnt der Band mit einer (Kurz-)Biografien-Sammlung, deren Einträge den Fokus auf Regisseurinnen, Drehbuchautorinnen, Grafikerinnen, Szenebildnerinnen, Produzentinnen, Animationsfilmerinnen, Kostümbildnerinnen, uvm. legen. Darunter bekanntere Namen wie Lotte Reiniger, Leontine Sagan und Asta Nielsen, aber auch weniger vertraute Wirkende wie Louise Fleck, Gulla Pfeffer, Wanda Treumann und Jeanne Mammen. Insgesamt finden sich hier 46 Biografien, die gemeinsam von Unvollständigkeiten der Filmgeschichtsschreibung und unfreiwilligen Karriereenden erzählen. In diesem Abschnitt werden wenig beachtete Lebensgeschichten ins Bewusstsein gerufen. Für einen Teil der porträtierten Filmschaffenden markiert dieser Buchteil sogar das erste Mal, dass ihre Biografien dokumentiert und aufgeschrieben wurden.
In diesem Teil präsentiert Weimar, weiblich Biografien, die über ein einfaches Nachverfolgen von Filmarbeit hinausgehen. Diese Texte zeichnen nach, wie Aufbruchstimmung, Erfolgschancen und Berufsmöglichkeiten während der NS-Zeit abrupt zum Halt gebracht wurden. Die Textteile berichten von Arbeitsverboten für Frauen, Fluchterfahrung, Verschleppung in KZs aber auch von Schulterschlüssen mit der NSDAP. Beruflich Fuß fassen während der NS-Zeit konnten nur die wenigsten der porträtierten Filmemacherinnen, eine Rückkehr zum Filmberuf nach Ende des 2. Weltkrieges wurde nur für einen Bruchteil zur Realität. Auf diese Weise erzählt Weimar, weiblich von einer Zäsur von Pionierinnenarbeit im Kino.
In den einzelnen Biografie-Texten ist merklich die Mühe zu erkennen, die aufgebracht wurde, um Lücken zu schließen und mit intensiver Recherche Lebenslinien der Filmschaffenden nachzuverfolgen. Dennoch ist eine vollständige Nacherzählung nicht immer möglich. Da Dokumente verschwunden sind (darunter auch Filme selbst) oder schlichtweg nicht existierten, mit Pseudonymen gearbeitet wurde, Namenswechsel nach Heirat stattfanden und umfangreiche Screen-Credits im Stummfilm und frühen Tonfilm nicht üblich waren, ist eine klare Zuordnung von Arbeitsleistung und Anzahl der Projekte sowie eine detaillierte Niederschrift von Lebenswegen erschwert. Herausgeberinnen und Autor*innen gehen offen mit diesen Hindernissen um, merken an, dass Recherche für dieses Projekt einer Detektiv*innenarbeit gleichkam und dass Spuren in manchen Fällen völlig verloren gegangen sind.___STEADY_PAYWALL___
Von Bubikopf bis Neue Frau
Im zweiten Teil von Weimar, weiblich findet sich eine Essaysammlung, die Filmarbeit der weiblichen Filmschaffenden während der Weimarer Republik konkretisiert, einordnet und sich näher den Abläufen von Filmschaffen und -inhalten widmet. Darunter Anna Heizmanns Fallstudie zu Ella Bergmann-Michel, die sich detailliert mit den Einträgen ihres Notizheftes „Film. Versuche. Kl. Buch“ und den darin enthaltenen persönlichen Betrachtungen der Regisseurin zum Filmschaffen und -schauen auseinandersetzt. Neben diesem Notizheft gibt der Text auch Einblicke in weitere, selten gesehene Dokumente. Dazu zählt auch das Arbeitsheft zu Bergmann-Michels Film Fliegende Händler in Frankfurt am Main (1932), in dem sie Arbeitstechniken mit Lichtverhältnissen, Kameraeinstellungen und Schnittfolgen dokumentiert.
Im Beitrag „Aus all dem plötzlich ausgeschlossen – für immer“ schreibt Daria Berten über „abgebrochene Karrieren und versagte Erinnerung“, so der Untertitel des Kapitels. Die Autorin wirft darin einen genauen Blick auf die Veränderungen für Frauen in der Arbeitswelt während des Nationalsozialismus. Berten möchte mit ihrem Text der „historischen Entkontextualisierung“ (175) entgegenwirken, dass sich weibliche Filmschaffende oft aus rein als persönlich kategorisierten Gründen (z. B. Kindererziehung und Krankheit), wirtschaftlicher Lage oder der Einführung des Tonfilms zum Ende der Weimarer Republik – und dem damit einhergehenden technischen Wandel – aus dem Filmberuf zurückgezogen haben. Vielmehr skizziert sie die Umfänge systembedingter Ausschlüsse aus dem Beruf wie auch aus der Filmgeschichtsschreibung unter dem antifeministischen Programm nationalsozialistischer Diktatur. Als Beispiele dieser Verdrängung stehen die Karriereverläufe der Drehbuchautorinnen Marie Luise Droop, Hermanna Barkhausen-Büsing, Jane Bess und der Szenenbildnerin Marlene Moeschke-Poelzig.
Nils Warnecke widmet sich im Text „Geschlechtervielfalt“ der Bedeutung queerer Vorbilder im Kino. Leontine Sagans Mädchen in Uniform von 1931, Georg Wilhelm Pabsts Die Büchse der Pandora (1929), Anders als die Anderen und Geschlecht in Fesseln (beide von Wilhelm Dieterle und beide von 1928) werden von Warnecke als die vier Hauptfilme des Weimarer Films, die sich mit queerem Begehren auseinandersetzen, eingeordnet. Des Weiteren beschreibt das Kapitel sogenannte Crossdressing-Komödien wie Ernst Lubitsch‘ Ich möchte kein Mann sein (1918), Liebeskommando (Géza von Bolváry, 1931) und Der Himmel auf Erden (Alfred Schirkauer, 1927) als Veröffentlichungen, die „nicht heteronormative Konstellationen“ (247) auf die Leinwand brachten. Auch berücksichtigt das Kapitel Realitäten um Zensur, die die Entwicklung einer queeren Filmkultur während der Weimarer Republik vereitelten (u. a. das Lichtspielgesetz von 1920 und der Fortbestand des Paragrafen 175).
Dokumenteneinsicht
Im dritten Teil des Buchs stehen Materialien und Dokumente (u. a. aus den Archiven der Deutschen Kinemathek und der Akademie der Künste) im Vordergrund, die einen Einblick in das Schaffen hinter den Filmkulissen geben. Darunter Drehbuchauszüge, Produktionsunterlagen, Set-Fotos und Programmhefte. Sie laden zu einer Zeitreise ein, nicht nur an die damaligen Sets, sondern auch um zu erleben, wie in der Ära ohne Ton Filme verfasst und erlebt wurden. Durch die Einbindung von Entschädigungsakten aus der Nachkriegszeit verweist dieser dritte Teil außerdem darauf, warum Karrieren von weiblichen Filmschaffenden auch nach Ende des 2. Weltkrieges zum Großteil nicht wieder aufgenommen werden konnten. Im Laufe von Weimar, weiblich erwähnte Gründe dafür sind u. a. Armut, Krankheit, Verlegung des Lebensmittelpunktes oder Vernichtung von Arbeiten. Dieser letzte Teil des Buches zeigt außerdem Dokumente des Wiedergutmachungsprozesses von Jane Bess, geführt von ihrer Tochter Ilse Krausz nach der Ermordung der Drehbuchautorin im KZ Auschwitz-Birkenau. Ein eingänglicher Eintrag über die zerstörerische Kraft des Nationalsozialismus auf Kunstschaffen und wie Filmgeschichte bedeutender Kreativer beraubt wurde.
Weimar, weiblich: Filmpionierinnen des Kinos der Moderne (1918-1933) ist im Verlag edition text+kritik als Teil der Reihe „Film-Erbe“ erschienen.
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