The Testament of Ann Lee

Dieser Text enthält Spoiler!; CN: SIDS, Stille Geburt

In The Testament of Ann Lee verfolgt Regisseurin und Drehbuchautorin Mona Fastvold das Leben von Ann Lee (Amanda Seyfried), Gründerin der Shaker-Religionsgemeinschaft in den USA. Ihren Namen haben die Shakers dem Schütteltanz zu verdanken, der Teil ihrer Gottesdienste und Gebete ist und durch den sie zunächst als „Shaking Quakers“ bekannt wurden. Fastvolds Biopic erzählt in drei Kapiteln von Ann Lees Weg von ihren Kindertagen in ihrer Geburtsstadt Manchester bis zu ihrem Tod 1784 in Watervliet, im heutigen Shaker Historic District in Albany County, New York – und das überraschend als Musical.

Während Ann Lees realer Lebensweg dazu einlädt, eine durchaus geradlinige Missionarinnengeschichte wiederzugeben – über eine Person, die in die Neue Welt auszog und wie viele andere Sektenanführer*innen ein radikal religiöses Amerika mitbegründete, das heute so vehement gegen körperliche Selbstbestimmung, queere Menschen und Migration vorgeht –, ist The Testament of Ann Lee ein Versuch, sich auf Spuren zu begeben, wie diese Selbstüberhöhung überhaupt erst zustande kommt. Fastvold und Brady Corbets Drehbuch fokussiert, wie religiöser Übereifer in Extremismus umschlagen kann, wenn Gewalt von außen wirkt und es keine Mechanismen gibt, ihre Folgen aufzufangen.

© Searchlight Pictures

Die Geschichte von „Mother Ann“, wie sie später bekannt sein wird, fußt 1758, als sich Ann Lee in England einer Splittergruppe der Quakers anschließt. Das Gründungsehepaar Jane und James Wardley ist überzeugt, dass die Wiederkunft Christi naht und er dieses Mal verkörpert durch eine Frau erscheinen wird. Dies steht im Einklang mit dem Quaker-Glauben, der sich im Vergleich zu anderen christlichen Sekten und Religionsgemeinschaften im 18. Jahrhundert progressiver positionierte, was die Gleichstellung der Geschlechter anging. So ist Jane Wardley zu einer Zeit Predigerin, als diese kaum gesehen oder geduldet waren.___STEADY_PAYWALL___ 

Nachdem Ann Lee über mehrere Jahre körperlichewie emotionale Gewalt in der Ehe erfährt und den Verlust von vier ihrer Kinder noch bei der Geburt oder im frühen Babyalter erleben muss, wendet sie sich immer intensiver der Religion zu. Die Shaker-Gottesdienste helfen ihr, Trauer und Last wortwörtlich abzuschütteln. Es sind nahezu ekstatische Erlebnisse, durch die sie sich von der Realität loslösen kann. Während eines Gefängnisaufenthalts wegen Störung der Sabbatruhe glaubt Ann Lee, in ihrer Zelle eine Vision von Adam und Eva im Garten Eden zu haben. Auch meint sie, dass sie einen Schwebezustand erfährt. 

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Danach steht für Ann Lee fest: Sie ist das zweite Erscheinen Christi. Von nun an predigt Mother Ann von der Erbsünde, die Adam und Eva durch sexuelle Beziehungen begangen haben sollen, und spricht sich gegen Ehe und Geschlechtsverkehr aus. Wer bei den Shakers glauben möchte, lebt vollkommen abstinent von allen intimen und körperlichen Beziehungen und das ein Leben lang. Im Zuge dieser Radikalität, weiterer Auseinandersetzungen mit Behörden und Geistlichen, der Entfremdung von anderen Quaker-Gläubigen, die Ann als Wiederkunft Christi ablehnen, und fortlaufend verbalen wie körperlichen Angriffen verlässt Ann Lee England und flüchtet mit wenigen Anhänger*innen ins amerikanische Neuengland, wo das Versprechen von absoluter religiöser Freiheit gegeben sein soll. 

Dort kolonisiert und missioniert sie, errichtet die Siedlungskolonie der Shakers auf Mohawk-Land in Niskayuna, um von dort ihren Glauben in umliegende Siedlungen und Gemeinden zu tragen. Mother Anns neue Religion wird hier eine Anhänger*innenschaft erreichen, die in ihrer Höchstzeit Mitte des 19. Jahrhunderts an die 6.000 Mitglieder umfasst. Um sie versammeln sich vor allem alleinstehende Mütter, die kein Obdach haben und keinerlei finanzielle Unterstützung erfahren, und Personen, die aufgrund von Verfolgung ihre Sexualität nicht offen ausleben können. Sicher vor Gewalt ist Ann Lee auch hier nicht, denn die religiöse Freiheit Neuenglands stellt sich als Mythos heraus: Als Predigerin wird sie als Hexe beschimpft; weil die Shakers sich während des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs als pazifistisch einordnen, werden sie angefeindet; wachsendes Misstrauen Andersgläubiger gegenüber den Grundsätzen des Shaker-Glaubens eskaliert in körperlichen Angriffen.

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Auf außergewöhnliche wie kreative Weise erzählt The Testament of Ann Lee über diese komplexen Verzahnungen zwischen Religion und Radikalität, sexualisierter Gewalt und Abstinenz, Gottesglaube und Hybris. Musiknummern spielen in dieser besonderen wie vielschichtigen Geschichte eine tragende Rolle, ihre Inszenierungen sind innovativ wie fesselnd. Gottesdienste und Gebete werden in The Testament of Ann Lee zu eindringlichen Gesangs- und imposanten Tanzeinlagen, die Einblicke in die Innenleben der Gläubigen geben. Sie zeigen, wie Anns Anhänger*innen die Mutter verehren und wie und auf welche Art sich Ann dem Glauben verbunden fühlt. 

Der Soundtrack von Daniel Blumberg und die Choreografie von Celia Rowlson-Hall transportieren die Verzückung, die Gläubige empfinden, und schlagen vor, wie religiöse Ehrerbietung neben Stillschweigen und in sich gekehrtem Gebet außerdem noch Form annehmen kann. Die Kamera von William Rexer führt atmosphärisch durch diese und andere Szenen des Films, der Schnitt von Sofía Subercaseaux verknüpft die fortschreitenden Jahre innerhalb der Erzählung eindrucksvoll. Blumberg hat sich bei der Musikgestaltung von realen Shaker-Liedern und -Predigten inspirieren lassen und anhand dieser Texte atmosphärische Musikstücke voller Naturgeräusche und Stimmengewirr geschaffen. Das Ergebnis sind Musik- und Musicalsequenzen, die eine überraschende Wahl der Inszenierung sind, aber eine durchaus epische Erzählung passend charakterisieren. 

Vor allem ist The Testament of Ann Lee die Geschichte einer Person, die vor Gewalt flieht und etwas Neues schafft, in das sie sich zurückziehen kann und das Schutz vor den erlebten Dimensionen patriarchaler Gewalt bietet. The Testament of Ann Lee legt offen dar, dass Mother Ann die extreme Auslegung von Religion und Glauben wählt, um sich der von ihr geforderten und gesellschaftlich anerkannten Auslebung des Geschlechtsakts (in der Ehe mit dem Ehemann, zur Fortpflanzung, aber auch zur Befriedigung des Mannes) zu verwehren – einem gesellschaftlichen Konsens, der Geschlechtsverkehr nur unter ganz bestimmten Umständen zulässt, gleichzeitig aber eine gänzliche Ablehnung auch nicht erlaubt – und sich so Gewalt entzieht. Der Shaker-Glauben bietet Mother Ann die Chance, sich vom Zwang zum Geschlechtsakt zu lösen, vor allem da im 18. Jahrhundert die Worte fehlen, um zu verhandeln, warum ein aktives Sexleben nicht für alle Personen gleichermaßen oder überhaupt interessant ist. 

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Denn klar ist, dass die Folgen all der regulierenden Formen der Gewalt, die Ann Lee erfährt, in keinster Form zu ihrer Lebenszeit aufgefangen werden. In dieser Ära gibt es für ein asexuelles Spektrum weder Begrifflichkeiten noch irgendeine Art von gesellschaftlicher Akzeptanz. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Strafbestand der Vergewaltigung in der Ehe, der erstmals in den 1970er Jahren in einem amerikanischen Bundesstaat umgesetzt wird. Gleiches gilt auch für Fragen um postpartale Stimmungskrisen wie Psychosen, bei denen Betroffene den Bezug zu ihrer Umwelt verlieren und Visionen erfahren. Dieses Krankheitsbild erhält erst im 19. Jahrhundert das erste Mal eine Bezeichnung. Wie viele ihrer Zeitgenossinnen landet Ann nach dem Tod eines ihrer Kinder für kurze Zeit in einer psychiatrischen Krankenanstalt ohne konkrete Diagnose oder individuelle Behandlung.

Hervorzuheben ist, dass Fastvolds Film zu keinem Zeitpunkt behauptet, genau nachverfolgen zu können, was die exakten Gründe für Ann Lees Selbstüberhöhung sind, sie will nicht pathologisieren, wie sich Anns Überzeugung, die Wiederkunft Christi zu sein, verselbständigt. Vielmehr ist The Testament of Ann Lee daran interessiert, Ereignisse zu umschreiben, die von körperlicher und seelischer Gewalt gegen Ehefrauen, Mütter und Predigerinnen zeugen. Und natürlich ist Ann Lee, wie Fastvold sie zeichnet, eine widersprüchliche Person: Durch ihre selbstbestimmte Entscheidung für die Abstinenz reguliert sie gleichzeitig die Sexualität anderer Shakers. Diese Regulierung führt auch zu einer Verschiebung von Beziehungsdynamiken innerhalb der Gemeinschaft an anderer Stelle. Ann Lee ist besonders rigoros in der Auslegung ihrer Rolle als „Mother“, unter ihren Anhänger*innen muss selbst ihr eigener Bruder sie so betiteln. Sogar Kinder anderer Frauen sind gezwungen, Ann Lee als „Mother“ anzusprechen und werden so ihrer engen Familienbeziehungen beraubt: Die ursprüngliche Mutter wird zur „Sister“ und bekommt ihre eigene Mutterschaft abgesprochen. 

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Heute wird an die Shakers vor allem aufgrund ihrer nüchternen Architektur und ihres praktischen Möbeldesigns erinnert, das auch Bauhaus inspiriert hat. Die erste Shaker-Siedlung Nordamerikas ist jetzt als Watervliet Shaker Historic District eine Sehenswürdigkeit, in den USA gibt es nur noch drei Mitglieder der Gemeinschaft. Auch wenn die zentralen Anliegen der Shakers und der Gründerin und Gottesfigur in den Hintergrund gerückt sind, ist die von Fastvold in The Testament of Ann Lee zentrierte Geschichte um Religion und Gewalt als Formen der Regulierung von Sexualität auch heute noch besonders relevant – genau in dem Land, in das Mother Ann einst auszog, um Sicherheit zu finden.

Kinostart: 12. März 2026

Sabrina Vetter
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