The Edge of Democracy

Die ersten freien Wahlen nach der Militärdiktatur in Brasilien fanden 1985 statt. Die Republik ist noch jung. So jung wie die Filmemacherin Petra Costa, die gehofft hatte, in ihren Dreißigern würden sie selbst und die Demokratie auf festem Boden stehen. Doch mit der Wahl des rechtsextremen Jair Messias Bolsonaro befindet sich die brasilianische Demokratie erneut in Gefahr. Der Dokumentarfilm The Edge of Democracy erzählt die bewegte Geschichte Brasiliens anhand der Familiengeschichte der Filmemacherin.

Costas Familie bildet die Extreme der brasilianischen Gesellschaft ab. Auf der einen Seite die Großeltern, die als Teil des Establishments froh waren über die Machtübernahme des Militärs im Jahr 1964, und auf der anderen die Eltern, die im Widerstand gegen die Militärdiktatur in den Untergrund gingen. Die Geschichte ihrer Familie inszeniert Petra Costa  mit Heimvideos und Fotos aus der Kindheit ihrer Mutter, aber auch mit Polizeifotos ihrer Eltern und dokumentarischen Bildern von Demonstrationen. In Interviews berichtet die Mutter von Verfolgung und Folter durch das Militärregime.

Luftaufnahme von einer Menschenmenge, die Präsident Lula auf Händen trägt

© Netflix

Petra Costa selbst wurde im letzten Jahr der Militärdiktatur geboren und wuchs im Übergang Brasiliens zur Republik auf. The Edge of Democracy zeigt eine ganz persönliche Sicht auf die letzten 30 Jahre ihres Heimatlandes. Als Ich-Erzählerin aus dem Off zeichnet sie nicht nur die politischen Entwicklungen Brasiliens nach, sondern gibt auch ihren eigenen Blick und ihre politische Haltung preis. Die Geschichte Brasiliens ist ihre Geschichte. Diese enge Verbindung belebt die komprimierte Erzählung und macht sie auch für Außenstehende greifbar.

Handgemalte Schilder bei einer Demonstration. Im Vordergrund "as ruas falam"

© Netflix

So erinnert sich Costa an die Hoffnung, die sie mit dem Aufstieg Luiz Inácio Lula da Silvas verband. Eine Hoffnung auf mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit, die sie mit Aufnahmen von Großdemonstrationen der brasilianischen Arbeiterpartei und der Gewerkschaften untermalt – gefolgt von der Enttäuschung über die Allianz mit den in der politischen Mitte verorteten Sozialdemokrat:innen und die anhaltende Korruption. Über die Wahl der ersten weiblichen Präsidentin Dilma Vana Rousseff, einer ehemaligen Guerillakämpferin, war Costa so aufgeregt, dass sie ihre Rolle als Erzählerin verlässt und ein Video von sich in den Dokumentarfilm einbettet, in dem sie am Wahlabend vor Freude über die Straße tanzt.

Lula reckt den Arm seiner Amtsnachfolgerin Dilma in Siegerpose nach oben. In Dilmas Rücken steht ihr Vizepräsident.

© Netflix

Die Aufbruchsstimmung, die The Edge of Democracy bis hierhin in seiner gesamten Bildsprache vermittelt, findet in der Amtszeit Dilmas ihr Ende, die Musik wird dramatischer, die Betrachtung der politischen Ereignisse kleinteiliger, für die Zuschauer:innen vielleicht sogar zu detailliert. Petra Costa will genau verstehen, warum die politische Stimmung in Brasilien kippte, wie Lula von einem der weltweit beliebtesten Politiker zum Feindbild einer rechten Mehrheit in der Bevölkerung wurde. Sie unterbricht ihre weitestgehend chronologische Aufarbeitung durch Rückgriffe auf ihre Familiengeschichte, in der sich bereits die Polarisierung der Gesellschaft zeigt.

Luftaufnahme von zwei Demonstrationen vor dem brasilianischen Parlament. Die Demonstrationen sind durch mehrere Absperrungen voneinander getrennt.

© Netflix

Mit ihrer Kamera ist Costa mittendrin in Demonstrationen beider Seiten. wutentbrannte Nationalist:innen in den brasilianischen Farben und empörte Linke in Rot beängstigend nah vor ihrer Linse, um sie herum kommt es zu Ausschreitungen und Polizeigewalt, es wird geschrien, Bengalos werden gezündet. Ähnlich aufgeheizt zeigt The Edge of Democracy den Impeachment-Prozess gegen Dilma im Kongress. Die aufgebrachten Sprechchöre der Abgeordneten wirken befremdlich, wenn eins die Übertragungen aus dem deutschen Bundestag gewohnt ist.

Lula spricht vor einer öffentlichen Versammlung

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Obwohl Petra Costa nah dran ist an den Akteur:innen, insbesondere Lula und Dilma eng begleitet, sich mitten ins Geschehen stürzt und mit The Edge of Democracy zu großen Teilen ihre eigene Geschichte erzählt, verliert sie nicht den Überblick. Es gelingt ihr, über Luftaufnahmen von Parlamentsgebäuden und Demonstrationen, vor allem aber über ihre klugen und nachvollziehbaren Analysen immer wieder auf die Metaebene zu kommen.

Völlig zu Recht sind The Edge of Democracy bei den diesjährigen IDA Documentary Awards als bester Langfilm und Petra Costa als beste Regisseurin nominiert. Unabhängig davon, ob der Dokumentarfilm am 7. Dezember 2019 einen der renommierten Preise erhält, lohnt sich die Netflix-Produktion für alle, die die Hintergründe zu den aktuellen Skandalmeldungen aus Brasilien verstehen wollen und sich angesichts des globalen Rechtsruck die Frage nach den Rändern und dem Scheitern von Demokratien stellen.

Netflix: 19. Juni 2019

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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