Luz und das Narrativ der besessenen Frau

von Sophie Brakemeier

Das Narrativ der besessenen Frau* ist seit den Anfängen des Horrorfilms eines, in dem patriarchale Vorstellungen transportiert werden. Die von Teufel, Dämonen oder Geistern Bemächtigte wird dabei stets als Blaupause einer Frau* beschrieben, die nicht so ist, wie eine Frau* sein sollte. Sie stellt sich als obszön und sexuell dar, als unkontrollierbar und nicht gehörig. Der Sieg über die Besessenheit – meistens durch Männer*, oft durch Geistliche herbeigeführt – ist dabei auch immer ein Sieg für das Patriarchat. Der Dämon wird vertrieben, die Ordnung wieder hergestellt und die Frau* auf ihren Platz verwiesen.

In Luz von Tilman Singer wird dieses Narrativ vielseitig aufgebrochen, jedoch nicht vollkommen dekonstruiert. Zwei Frauen*figuren spielen hier die markanten Rollen: die aus Chile stammende Taxifahrerin Luz (Luana Vellis) und ihre alte Schulkameradin Nora (Julia Riedler). Die Handlung ist teilweise minimalistisch und wirr inszeniert. Zu Beginn überredet Nora in einer Bar den Polizeipsychologen Dr. Rossini (Jan Bluthardt), den Fall ihrer Freundin Luz zu untersuchen. Diese sei kurz zuvor aus einem fahrenden Taxi gesprungen. Doch kurz darauf, in den Toiletten der Bar, offenbart Nora ihre teuflische Besessenheit: Durch einen Kuss gelingt es ihr, Dr. Rossini unter ihre Kontrolle zu bringen. Seine therapeutischen Kenntnisse und hypnotischen Fähigkeiten sollen Nora – bzw. dem Wesen, das von ihr Besitz ergriffen hat – helfen, an Luz heranzukommen.

© KHM | MÉNDEZ | SINGER

Noras Besessenheit ist nur allzu offensichtlich, dabei wird aber nie wirklich klar, vom wem oder was sie besessen ist. Ihre Motivation, die Kontrolle über Luz zu erlangen, bleibt dabei stets vage. Offensichtlich ist aber, dass ihre Rolle stark von den gängigen Mustern der besessenen Frau* geprägt ist. Sie ist willensstark, fordernd und verführerisch, sie agiert wie ein Sukkubus, also ein triebhafter Dämon, der Männer* zum Sex verleitet, wenn sie Dr. Rossini ihrem Willen unterwirft. Dass Regisseur Tilman Singer den Phänotyp einer sexualisierten Frau* verwendet, um seinen Teufel zu charakterisieren, affirmiert dabei genau dieses eingangs erwähnte Motiv der besessenen Frau*. Dass Noras Verführungskunst, ihr sexuelles Auftreten und die Vehemenz, mit der sie Dr. Rossini begegnet, Folgen einer Macht jenseits ihrer Kontrolle sind, dass sie in ihrem Verhalten als Bedrohung für den männlichen Protagonisten dargestellt wird, der sich ihrer Überzeugungskunst nicht entziehen kann, verstärkt das Bild einer direkten Verbindung von bedrohlich imaginierter Weiblichkeit* und dämonischer Besessenheit. Es sagt aus, dass mit Frauen*, die sich so verhalten, etwas nicht stimmen kann, und normalisiert ein Rollenbild, in dem Frauen* schwach, harmlos und passiv sein sollen.

Luz ist anders. Ihre Geschichte, die aus Noras Perspektive erzählt und im hypnotischen Verhör durch Dr. Rossini vertieft wird, charakterisiert sie als manipulative und obszöne Häretikerin, als Frau*, die in ihrer alten katholischen Mädchen*schule massiv aus dem Rahmen fiel und homosexuell zu sein scheint. Mit ihrem androgynen Äußeren, ihrem pragmatischen Outfit bestehend aus Basecap und schlabberiger Jeans-T-Shirt-Kombo, ihrem “frauen*untypischen” Job als Taxifahrerin stellt sie ein krasses Gegenbild zu Nora dar. Mehr als einmal betet sie ihre Version des Vater Unsers: „Vater unser, warum bist du sein Wichser? Siehst du ein Mädchen, zeigst du dein wahres Ich. Dein Reich stinkt. Dein Wille geschehe im Schritt eines Großvaters. Lasst uns heute den Sohn der Maria ficken.“ Von vornherein wird sie zwar auch wie Nora als ein Gegenbild der christlichen Vorstellung von Frau* stilisiert, aber auf eine andere Weise. In der Anlegung ihrer Figur ließen sich emanzipatorische Züge erkennen, doch innerhalb des Films wird sie für ihr Verhalten und für ihren Charakter bestraft, indem sie von einem Dämon begehrt wird.

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Es ist nun der Konflikt zwischen der titelgebenden Protagonistin und dem durch Nora und Dr. Rossini verkörperten Dämon oder Teufel, der die Handlung vorantreibt, die sich vor allem innerhalb des Verhörraums und den Rückblenden in Luz’ Vergangenheit vollzieht. Neben den drei erwähnten Personen spielen hier noch die Polizistin Bertillon (Nadja Stübiger) und der Dolmetscher Olarte (Johannes Benecke) eine Rolle. Es bleibt unklar, warum Nora beziehungsweise ihr Dämon an Luz Interesse haben. Während ihrer Zeit auf der katholischen Schule soll Luz ihre Mitschülerin, die sie scheinbar auch sexuell begehrte, als Medium für ein satanisches Ritual verwendet haben, bei dem der Dämon zum ersten Mal auf Luz aufmerksam wurde. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Handlung des Films beginnt, konnte sie diesem entkommen – bis Luz von Nora am Kölner Flughafen gefunden wurde und es zu der verhängnisvollen Taxifahrt kam.

In dieser Dynamik von Annäherung und Flucht, Beschwörung, Erinnerung und Kontrolle sind vor allem die Frauen*figuren die Handelnden und dennoch kommen sie nicht gut weg. Die besessene Nora verfolgt unmotivierte, finstere Absichten. Luz beschwört mit ihrem „lasterhaften“ Lebensstil die Ereignisse erst und öffnet sich letztendlich durch einen lesbischen Kuss dem Dämon, der sie verfolgt. Dr. Rossini offenbart sich als reiner Spielball für die beiden weiblichen* Gegensätze. Bertillon ist die letzte, die verhindern kann, dass der Dämon (am Ende des Films von Luz’ Körper) das Weite sucht und auf die Welt losgelassen wird – sie tut es aber nicht. In der letzten Szene sehen wir die offensichtlich besessene Luz aus dem Polizeirevier schlurfen, während eine nicht zuzuordnende Stimme im Voice-Over fordert, sie nicht entkommen zu lassen.

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Was dem Film fehlt, ist eine deutliche Positionierung zu seinen Frauen*figuren. Er beschwört eine unverkennbare Verbindung zwischen dämonischer Diabolik und Formen von (konstruiertem) weiblichen* Verhalten herauf. Sexuelle Freizügigkeit, Homosexualität und Obszönität sind entweder die Folge von Besessenheit oder der Grund dafür. Der freigeistigen Luz wird die fremdgesteuerte Nora gegenübergestellt. Beide lehnen sich gegen ein System auf, dessen konkrete Nennung im Film leider ausbleibt. Doch im Gegensatz zu anderen Inszenierungen dieses Narrativs verzichtet Tilman Singer auf eine finale Wiederherstellung der patriarchalen Ordnung. Die dämonische Frau* darf ihrer Wege gehen und eine Polizistin hilft ihr sogar noch dabei. Dieses Aufbegehren gegen eine misogyne, katholische Moral, in der Frauen* bestimmten, vorgegebenen Vorstellungen zu entsprechen haben, findet hier seinen Höhepunkt. Doch in all seiner Kunstfertigkeit ist diese Botschaft dem Film leider abhanden gekommen, wenn sie überhaupt irgendwann da war.

Kinostart: 21.03.2019