Lesestoff: Die Filme der Jessica Hausner

Ein Horrorfilm ohne Monster, eine Pilgerreise ohne Glauben, ein Psycho-Thriller mit bleibenden Ambivalenzen? Auch so funktioniert Kino!

Buchcover: eine Frau in einem dunklen Wald.

© 2020 Büchner Verlag

Mit Filmen wie Hotel (2004), Lourdes (2009) oder Little Joe (2019) hat sich Jessica Hausner als europäische Filmautorin bereits international einen Namen gemacht. In ihren Filmen bricht sie bewusst mit Genrekonventionen und konfrontiert ihr Publikum mit gewohnten Erwartungshaltungen. Gemeinsam mit den Filmemacher:innen Barbara Albert und Antonin Svoboda sowie dem Kameramann Martin Gschlacht gründete die Wienerin 1999 nach dem Abschluss ihres Studiums an der Filmakademie Wien die coop99-Filmproduktion, wo sie neben ihren eigenen noch weitere Filme koproduziert. Die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Sabrina Gärtner widmet sich in Die Filme der Jessica Hausner. Referenzen, Kontexte, Muster dem Gesamtwerk der gleichnamigen Filmautorin.

Das neu erschienene Buch, das aus der Dissertation der Verfasserin hervorging, teilt sich in drei Teile mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Vorstellung des Gesamtwerks von Jessica Hausner, Produktionskontexte und Analysen sowie Bezüge der Filme zu Märchennarrativen und -figuren. Gärtner schafft einen sachlichen, auf Fakten und gut recherchierten Kontexten basierten Überblick über das Werk der österreichischen Regisseurin und Drehbuchautorin Jessica Hausner und liefert verschiedene Interpretationsansätze. Sowohl Kulturwissenschaftler:innen, Fans als auch Interessierte ohne Vorwissen zu Hausners Schaffen könnten hier etwas für sich entdecken. ___STEADY_PAYWALL___

Im ersten Teil ihres Buches stellt Gärtner insgesamt zehn Kurz- und Langfilme Hausners jeweils einzeln vor und liefert dazu reichlich Fakten und Zahlen aus dem Produktions-, Rezeptions- und Vermittlungskontext. Das zweite Drittel verbindet die Filme mit Rechercheergebnissen zur gegenwärtigen und vergangenen österreichischen Filmlandschaft sowie zu einzelnen Aspekten des europäischen Autor:innenfilms. Teil drei bringt schließlich das interpretatorische Herzstück des Buches zu Tage: Gärtner beschreibt für einzelne Filme Gemeinsamkeiten zum europäischen Volksmärchen allgemein sowie zu spezifischen Erzählungen der Gebrüder Grimm, etwa Rapunzel (Hotel), Schneewittchen (Amour Fou) oder Jorinde und Joringel (Little Joe).

Alice steht in einem Labor voll roter Blumen.

aus Little Joe © Coproduction Office

Übersicht des Gesamtwerks

Die Autorin des Buchs strukturiert den ersten Teil durch einzelne Filmbesprechungen als Unterkapitel. Darin verstrickt sie jeweils einen thematischen Schwerpunkt und stellt dabei zahlreiche Parallelen zu anderen Filmen der Regisseurin her. Zum Beispiel setzt sich Gärtner in Zusammenhang mit Little Joe mit dem Einsatz von Sprache in Hausners Filmen auseinander: Sie erklärt, welche Bedeutung Englisch als Originalsprache im Gegensatz zum österreichischen Dialekt für Hausners gesamtes Filmschaffen im (inter)nationalen Kontext spielt. Andere Themen sind Genreeinordnung (z.B. Hotel als mit Genrekonventionen brechender Horrorfilm), Filmtitelwahl, Einsatz von sogenannten tableaus vivants, Gestaltung einer offenen Dramaturgie etc. So bietet Kapitel eins einen guten Überblick über Hausners Gesamtwerk und kann auch einen Eindruck ihrer Filmästhetik und -erzählweise vermitteln.

Märchen als Interpretationsgrundlage

Während der zweite Teil Entwicklungen der österreichischen und deutschen Filmszene – darunter die Wellen der Nouvelle Vague Viennoise und Berliner Schule – zusammenfasst, liefert der dritte Teil schließlich auch Interpretationen und dramaturgische sowie ästhetische Filmanalysen der Verfasserin. Interessant klingt zunächst etwa die angekündigte Thematisierung von tradierten weiblichen Märchenstereotypen. Leider enttäuscht Gärtner dann aber, wenn es über eine grobe Kontextualisierungen hinausgeht und sie schlüssige, fundierte Argumentationsstränge vermissen lässt. Zum Beispiel knüpft die Autorin an literaturwissenschaftliche Forschungsergebnisse an, denen zufolge Frauencharaktere der Grimm-Märchen facettenreich gestaltet seien und spürt ähnliche Figurentypen bei Jessica Hausner auf. Dabei bleiben die Feststellungen Gärtners aber eher oberflächlich, sodass sich im Verlaufe der Lektüre zunehmend die Frage stellt, wie sinnvoll die Verbindung Hausner – Märchen wirklich ist, wenn sie an den einzelnen Stellen nicht in die Tiefe geht. Die Verbindung zwischen Mutterfiguren bei Jessica Hausner und den Gebrüdern Grimm wirkt so teilweise beliebig und Schlüsse sind schnell gezogen. Diese Verknappung mag das Resultat der Vielfalt an Themen und Analysegegenständen sein, die sich Gärtner vorgenommen hat, um Hausners Gesamtwerk zu untersuchen. Eine Eingrenzung von Filmen oder Kontexten hätte dem dritten Teil des Buches vermutlich mehr Stärke verliehen. 

aus Amour Fou © Stadtkino Filmverleih

Feministische Aspekte 

An den Stellen, für die Gärtner feministische Ansätze einbringt, ist zu bemerken, dass ihr auf diesem Feld klare Argumente fehlen. In Teil zwei erwähnt sie etwa Mary Ann Doanes Konzept der Maskerade, um damit den dramaturgischen Einsatz von Brillen in Hausners Filmen eine Bedeutung zu verleihen. Dabei fehlt neben ihren Feststellungen und Schlüssen aber eine Klärung abstrakter Begriffe und Konzepte, die über die Auflistung von gut klingenden Zitaten und eigenen Feststellungen hinausgeht. Die Autorin schreibt etwa, dass der aktive Blick der Protagonistin in Hotel eine “Bedrohung für das System” (S. 340) darstelle. Dabei problematisiert sie aber nicht den Begriff des Systems – mit welchem System haben wir es in Hotel zu tun? Inwiefern bedeutet “das Erwachen (…) der weiblichen sexuellen Bedürfnisse” (S. 340) einen Bruch mit diesem System? Passagen wie diese wecken die Neugier der Leser:innen, lassen diese aber mit den aufkommenden Fragen leider allein. In Lovely Rita steht laut Gärtner “eine weibliche Hauptfigur im Zentrum des Geschehens, deren Sexualität auf eine den gesellschaftlichen Konventionen widersprechende Art dargestellt wird“ (S. 71f.). Die Autorin legt aber nicht dar, worin diese Darstellung besteht und mit welchen Konventionen sie bricht. Die Feststellung bleibt auch hier für sich alleine stehen.

Um einen Überblick über das Gesamtwerk der österreichischen Filmautorin Jessica Hausner zu bekommen, eignet sich Die Filme der Jessica Hausner zweifelsohne. Adressiert werden in erster Linie Kulturwissenschaftler:innen, was jedoch ambitionierte Filmfans unter der Leser:innenschaft nicht ausschließt. Besonders detailreich legt die Verfasserin Produktionskontexte und Festivalerfolge der einzelnen Filme dar. Interpretatorische Ansätze sind zwar zahlreich vorhanden, jedoch reißen diese meist an den Stellen ab, an denen sie erst beginnen könnten in die Tiefe zu gehen, dies betrifft besonders feministische Kontexte. Begrüßenswert ist es dennoch sehr, dass Gärtner sich dem Werk einer Autorin widmet, zu der bisher noch kein eigener Band erschienen ist. In diesem Sinne hoffen wir natürlich auf eine große Leser:innenschaft.

Hotel, Lourdes und Amour Fou sind beim Kino VOD Club als Streams erhältlich.
Little Joe bei verschiedenen Anbietern.
Das Buch gibt es beim Büchner Verlag.

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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