Interview: Caroline Link – Der Junge muss an die frische Luft

Caroline Link, Regisseurin von Jenseits der Stille sowie dem Oscar prämierten Nirgendwo in Afrikagehört mit Sicherheit zu den bekanntesten und erfolgreichsten Filmfrauen* in Deutschland. Ihr neuester Film, Der Junge muss an die frische Luftist eine Romanadaption und ein Bio-Pic über den jungen Hape Kerkeling. Aber wieso erstmalig eine “fremde” Geschichte, wie gelingt es einem Kinderdarsteller eine so prägnante Figur wie Kerkeling zu verkörpern und was hält Frau Link eigentlich von der Regie-Quote? Über all das habe ich mit ihr in einem – anbei wirklich ausgesprochen netten! – Interview gesprochen.

Zwischen Heiterkeit und Kummer

Der Junge muss an die frische Luft ist der erste ihrer Filme, zu dem sie nicht selbst das Drehbuch geschrieben haben. Wie kam es dazu?

Dahinter steckt kein strategischer Schachzug, sondern ich hab das Drehbuch gelesen und wollte es wirklich gerne machen. Es hat mich schon beim Lesen sehr berührt, wie durch einen Lebensweg und seine Schicksalsschläge diese Persönlichkeit Hape Kerkeling entsteht. Das ist natürlich auch ein Stoff, der mir liegt. Es ist nicht so, dass ich immer unbedingt intensiv mit Kindern arbeiten möchte, aber es fällt mir eben auch nicht schwer. Außerdem hatte das Buch eine Tonlage, die mir gefällt: zwischen Heiterkeit und Kummer.

© Warner

Natürlich geht es in dem Film um Hape Kerkeling, aber wenn wir ihn jetzt als berühmte Persönlichkeit einmal ausklammern, worum geht es im Kern dieser Geschichte?

Ich glaube, es geht darum, dass eine Familie, die vielleicht aus lauter schrägen Vögeln besteht, für ein kleines Kind in der Summe doch ein sehr kraftspendender und rettender Ort ist. Selbst wenn etwas Schlimmes passierte, war doch immer eine Hand da, die Hape aufgefangen hat. Und das fand ich wahnsinnig schön.

Die Frauen waren es gewohnt, den Laden zu schmeißen.

Mir ist aufgefallen, dass im Film besonders viele komplexe Frauenfiguren auftreten. Wie kommt das?

Ich glaube, dass Hape tatsächlich vor allem von starken Frauenfiguren erzogen wurde und mit ihnen aufgewachsen ist, dass er sehr beeindruckt war von seiner, wie er als kleiner Junge sagt, eher „langweiligen“ Oma Bertha, die aber immer gesagt hat: „Hape, ob Du heiratest oder nicht, ist Deine Sache. So wie Du bist, bist Du genau richtig.“ Das find ich schon mal toll für die Zeit. Und wie Hape selbst mal sagte, standen die Vaterfiguren und auch die Großväter in seiner Erinnerung immer so ein bisschen wie im Nebel. Wahrscheinlich haben sie auf Grund der Kriegserfahrungen nicht mehr viel gesprochen – weil sie niemanden langweilen wollten oder vielleicht, weil das Trauma des Kriegs wieder hochgekommen wäre. Sie waren immer weg, immer bei der Arbeit. Und die Frauen waren da, haben die Ärmel hochgekrempelt und die Arbeit gemacht. Der Krieg war in dieser Zeit noch sehr nah. Die Frauen waren es gewohnt, den Laden zu schmeißen.

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Er ist ein ganz normales Kind. Gott sei Dank

Wie haben sie Ihren großartigen Hauptdarsteller Julius Weckauf gefunden?

Wenn man einen Film machen möchte, in dem ein kleines Mädchen die Hauptrolle spielt, melden sich tausende Mädchen, die zum Film wollen. Aber wenn man einen kleinen, vielleicht ein bisschen pummeligen, blonden Jungen sucht, der wahnsinnig witzig ist, gibt es nicht so unendlich viele. Es haben sich zwar einige Jungs gemeldet, aber die waren dann doch sehr schüchtern. Und sie mussten auch so lustig sein, dass nicht nur die Mutti über sie lacht, sondern auch ich und das Publikum. Und da gab es nicht so viele.

Und Julius konnte das?

Er war am Anfang auch eher schüchtern und zurückhaltend, ist dann aber irgendwann ein bisschen aufgetaut. Und was er echt gut konnte, viel besser als alle anderen, war mit Sprache umzugehen. Er konnte schon so cool reden und gut formulieren. Das ist ja auch ein großer Baustein von Hapes Kunst, wie er mit Sprache, Betonung, Ironie, Dialekten und Fremdsprachen umgeht, die er gar nicht spricht. Es war mir wichtig, dass wir einen Jungen finden, der Sätze auch so trocken rausschleudern kann wie Hape. Und das kann Julius wirklich gut.

Wie haben Sie mit ihm gearbeitet?

Wir haben über alles gesprochen, aber wenn Julius etwas zu viel wurde, hat er immer gesagt: „Ich hab’s jetzt schon verstanden“. Er wollte zum Beispiel nicht besonders viel über den Tod der Mutter sprechen und ich habe ihm das auch nicht abverlangt. Sondern wir haben dann manchmal relativ äußerlich Situationen entstehen lassen, zum Beispiel wie er in der Todesnacht sein Kissen klammern soll, wie er sprechen soll. Ich habe nicht gesagt: „So, das ist jetzt ganz schlimm, mehr Angst!“ Das kann ich bei Kindern nicht. Ich finde, das ist Quälerei.

Und dann ist es mit Kindern eigentlich immer so: 14 Tage sind sie Feuer und Flamme und dann irgendwann lässt die Lust ein bisschen nach. Julius hatte dann auch mal keinen Bock mehr zu drehen. Er ist ein ganz normales Kind. Gott sei Dank, denn ich suche ja immer nach normalen Kindern und nicht nach kleinen Profis. Der Julius hat etwas, das Profikinder vielleicht nicht haben: Er ist sehr unschuldig, hat keinerlei Meinung zu seiner Erscheinung. Es ist ihm nix peinlich.

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Darüber habe ich auch nachgedacht: Peinlichkeit. Hans Peter ist ja nicht nur eine witzige, sondern auch eine sehr queere Figur, trägt Frauenkleidung und ahmt weibliche Gesten nach. Wie erarbeiten Sie das mit einem 10 jährigen Jungen?

Julius weiß, dass Hape einen Mann geheiratet hat und dass Hape schwul ist – was auch immer das für Julius bedeutet. Ich hab das Gefühl, jetzt wo wieder ein Jahr vergangen ist, überlegt er sich vielleicht doch ein kleines bisschen mehr, wie seine Schulkameraden den Film finden. Und das, glaube ich, ist etwas, das gemischte Gefühle beim Julius jetzt auslöst, dass er jetzt zwar in der ganzen Stadt plakatiert wird, aber dass das jetzt kein Film ist, mit dem er bei anderen 10-jährigen wahnsinnig punkten kann.

Mit einer gewissen Milde und Dankbarkeit auf das Leben zu schauen

Ich fand es beeindruckend und auch sehr auffällig, wie der Film eine dramatische Geschichte sehr ruhig erzählt, ohne einzelne Momente künstlich auszukosten. Wie kam es zu diesem besonderen Tonfall?

Das mochte ich beim Drehbuch sofort, dass es eben nicht nach Drehbuchregeln irgendetwas dramatisiert. Es gab auch Menschen, die sich wunderten, dass in der ganzen Familie niemand böse ist: „Wir brauchen doch Antagonisten!“ Aber ich habe mir immer gedacht, dass der einzige Antagonist in der Geschichte das Leben und die Krankheit der Mutter sind. Und das ist schlimm genug. Beispielsweise die Jugendamtsszene auszuschlachten, ist eine Dramaturgie, die Spannung in einem völlig falschen Moment setzt. Es geht nicht darum, dass Hape Kerkeling bedroht war, vom Jugendamt seiner Familie weggenommen zu werden, sondern er war bedroht davon, daran zu zerbrechen, dass seine Mutter sich das Leben nahm.

Hat ihre Arbeit für Sie auch etwas Therapeutisches?

Vielleicht geht es darum, feste daran zu glauben, dass am Ende alles gut wird. Das ist vielleicht das, was mir gefällt: Mit einer gewissen Milde und Dankbarkeit auf das Leben zu schauen, weil es uns doch eigentlich allen wahnsinnig gut geht.

Ich kann das, ich will das, ich mach das jetzt!

Sie sind in Deutschland ja eine der erfolgreichsten und international durch den Oscar für Nirgendwo in Afrika eine der berühmtesten deutschen Regisseurinnen – inwiefern spielt die Diskussion um die Regie-Quote für sie überhaupt eine Rolle?

Ich habe da noch keine abschließende Meinung zu. In Jurys würde ich schon gerne die Filme auszeichnen, die mir am besten gefallen, und nicht berücksichtigen, ob sie von einem Mann oder einer Frau stammen. Ich hab ja mal beim bayrischen Filmpreis probiert, den Regiepreis an fünf Frauen zu vergeben – das wurde uns dann um die Ohren gehauen. Ich wollte damit nur sagen: Schaut mal, da sind sie, diese tollen Frauen!

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Aber ja, die Quotendiskussion ist schon hilfreich. Allein dadurch gibt es in den Redaktionen auf einmal ein ganz anderes Bewusstsein. Und dass 50% aller Reige-Studenten weiblich sind, aber nur 10% Filme machen, ist so verkehrt, wie es nur sein kann. Also muss sich was verändern. Ich weiß nur nicht, ob man das mit einem Gesetz verpflichtend regeln könnte.

Wenn ich an der Filmhochschule mit Studentinnen arbeite, sage ich ihnen: „Traut euch mal, ein bisschen dominant zu sein. Ihr müsst nicht immer liebe Mädchen sein.“ Ich versuche es da eher mit einem Sinneswandel, also mit einer Haltung: Ich kann das, ich will das, ich mach das jetzt!

Kinostart: 25. Dezember 2018