In den besten Händen

Was als Beziehungsstreit beginnt, wird in Catherine Corsinis In den besten Händen zum bedrückenden Sozialdrama, in dem sprichwörtlich Welten aufeinanderprallen. Der neue Film der französischen Regisseurin spielt in einem Krankenhaus, in dem das bürgerliche Paar Raf (Valeria Bruni Tedeschi) und Julie (Marina Foïs) auf Teilnehmende der Gelbwesten-Proteste und medizinisches Personal an der Belastungsgrenze trifft. Anhand verschiedener Begegnungen in der Notaufnahme zeichnet der Film eine eindringliche Momentaufnahme der französischen Gesellschaft und ihrer drängenden sozialpolitischen Probleme.

Raf (Valeria Bruni Tedeschi) und Julie (Marina Foïs) liegen auf einer Krankenhaus-Liege

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Gebrochene Knochen und eine gespaltene Gesellschaft

Der Originaltitel La Fracture (französisch „Bruch“, metaphorisch auch „Kluft“) trifft den Kern des Films noch besser als der deutsche, da er sowohl auf die buchstäblichen als auch auf die metaphorischen Brüche anspielt, die Corsini thematisiert. Raf ist wegen eines Knochenbruches in der Notaufnahme, doch unter den Patient:innen und dem Personal im Krankenhaus offenbaren sich auch soziale Klüfte und eine gesellschaftliche Spaltung, die Raf und Julie für kurze Zeit aus ihrer gut behüteten Blase holen. Während die beiden ihren Beziehungsstreit fortführen, eskalieren auf den Straßen die Proteste und das Krankenhaus füllt sich mit Verletzten. 

In der Notaufnahme gerät Raf mit Yann, eindringlich gespielt von Pio Marmaï, aneinander, der bei einer Demonstration von der Polizei verletzt wurde und um seinen Job und seine Wohnung bangen muss. Mit der Gelbwestenbewegung bislang nur aus der Ferne konfrontiert, steckt Raf voller Vorurteile, stellt die Protestierenden pauschal in die rechte Ecke und belächelt ihre politischen Ziele. Selbst zeigt sie kein großes politisches Interesse oder Engagement, betont jedoch, ihre Eltern seien “gewöhnliche Lehrer” gewesen und hätten früher demonstriert, als entbinde dies sie selbst von der Verantwortung für ihr eigenes (un)politisches Verhalten.  Mit dem Aufeinandertreffen von Raf und Yann zeigt In den besten Händen eindrucksvoll, dass vermeintlich unpolitische Haltungen ein Luxus sind, den sich nur wenige Menschen leisten können. Dabei meidet der Film glücklicherweise das kitschige Klischee, nach dem eine einzelne, schicksalhafte Begegnung das Leben der Charaktere und ihr Weltbild für immer verändert. Was Raf und Julie aus der Nacht im Krankenhaus mitnehmen und wie nachhaltig sie ihre Privilegien und politische Einstellung hinterfragen, bleibt der Fantasie des Publikums überlassen.

Yann (Pio Marmaï) liegt verletzt auf einer Trage und diskutiert mit einem Rettungssanitäter

© ALAMODE Film

Ein Krankenhaus an seinen Grenzen

Auch die Überlastung, die schlechten Arbeitsbedingungen und die mangelnde Wertschätzung im französischen Gesundheitssystem spielen in In den besten Händen eine Rolle — ein Thema das, auch wenn der Film vor Beginn der COVID-19-Pandemie spielt, heute nicht nur in Frankreich aktueller ist denn je. Die Notaufnahme ist voll mit Menschen, die Stimmung angespannt, das Pflegepersonal ständig auf dem Sprung und sichtlich überarbeitet, während es zusätzlich von der Polizei unter Druck gesetzt wird, bei der Strafverfolgung der Protestierenden zu helfen. Der Lärm, die Enge, die Angst und das Chaos, die in dem Krankenhaus herrschen, werden im Film fast körperlich greifbar.  Im Zusammenspiel von echtem medizinischen Personal als Darsteller:innen mit Jeanne Lapoiries teils dynamischer Kameraführung und der vielschichtigen Geräuschkulisse entsteht eine authentisch wirkende, bedrückende und beengende Atmosphäre. Diese verstärkt sich noch, wenn die Figuren in vielen Szenen übereinander hinwegsprechen, sich in Rage reden, einander anschreien. Solche Momente verursachen beim Kinopublikum Kopfschmerzen, lassen es jedoch auch ganz direkt an der Anspannung der Figuren teilhaben.

Anders als die des Klassenkonflikts konzentriert sich die  Darstellung des Gesundheitssystems auf die Gesamtsituation im Krankenhaus und ihre politischen Ursachen, während die einzelnen Figuren und ihre individuellen Geschichten eher im Hintergrund bleiben. Die Ausnahme bildet die Pflegerin Kim (Aissatou Diallo Sagna), die sich trotz völliger Überarbeitung Zeit für den einfühlsamen, persönlichen Umgang mit ihren Patient:innen nimmt und in deren Privatleben und Persönlichkeit wir, ähnlich wie bei Raf, Julie und Yann, einen kleinen Einblick erhalten. Darstellerin Aissatou Diallo Sagna entpuppt sich als unerwartete Perle des Films. Hauptberuflich ist sie, wie auch die anderen Darsteller:innen des Pflegepersonals, tatsächlich Krankenpflegerin und spielt in In den besten Händen ihre erste Filmrolle. Möglicherweise verleiht gerade diese persönliche Verbindung zu ihrer Figur ihrer emotionalen und bewegenden Darstellung, für die sie 2022 zurecht den César als beste Nebendarstellerin erhielt, zusätzliche Authentizität.

Krankenpflegerin Kim (Aissatou Diallo Sagna)

© ALAMODE Film

Unbefriedigendes Beziehungsportrait

Neben den sozialpolitischen Themen zieht sich auch Raf und Julies komplizierte Beziehung durch In den besten Händen, deren Momentaufnahme jedoch deutlich unbefriedigender ausfällt. Während Marina Foïs eine solide Leistung abliefert, grenzt Valeria Bruni Tedeschis Darstellung der Raf teilweise an Overacting. Einige ihrer Szenen scheinen als lustig angelegt zu sein — z.B. wenn Raf, high auf starken Schmerzmitteln, eine angespannte Situation durch unpassendes Lachen entschärft —, was jedoch durch Rafs ansonsten oft toxisches Verhalten nur bedingt den gewünschten Effekt erzielt. Wie zu Beginn des Films wird klar wird, möchte Julie sich trennen, was Raf jedoch nicht akzeptieren will. In der ersten Szene bombardiert sie Julie per Textnachricht mit wüsten Beleidigungen, nur um am nächsten Tag umso aufdringlich-liebevoller zu werden. Sie setzt sich wiederholt über Julies physische und emotionale Grenzen und Entscheidungen hinweg und versucht auf teils manipulative oder aggressive Art, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Film stellt dies zwar meist durchaus als toxisch dar und auch Julie kritisiert Rafs Verhalten, doch es fehlt zugleich an einem Kontext dieser Beziehung, der sie eindeutiger charakterisieren könnte. Beispielsweise ist unklar, was die beiden Frauen ursprünglich verbunden hat und wann und warum ihre Beziehung sich so verschlechtert hat. 

Es bleibt eine Momentaufnahme

Vielleicht hat Corsini sich mit In den besten Händen zu viel vorgenommen, mit diesem Spagat zwischen Beziehungsdrama und Sozialkritik, der wenig Raum für die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen lässt. Vielleicht hat sie aber auch genau das erreicht, was sie intendiert hat, mit dieser Momentaufnahme des sozialen Klimas in Frankreich, symbolisiert durch eine Nacht in der Notaufnahme. Ihre Figuren beantworten keine Fragen und lösen keine Probleme, doch sie zeigen eindringlich und anschaulich verschiedene Perspektiven auf aktuelle Probleme und regen so zum Nachdenken an. Wenn die Geschichten von Yann und Kim nur eine Person so beschäftigen wie Raf und Julie im Film, wäre das vielleicht schon ein kleiner Schritt zu etwas mehr Offenheit, politischem Interesse und  gesellschaftlicher Veränderung.

Kinostart: 21. April 2022

Autor

  • Charlie Hain studiert Anglistik und Kommunikationswissenschaft in Berlin. In ihrer Freizeit liest sie bevorzugt Bücher von Frauen und queeren Menschen, schaut Serien meist in Form einer Staffel am Stück und hat eine Jahreskarte fürs Kino. Für Dramen, besonders von und über Frauen, hat sie eine Schwäche.

Charlie Hain
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