DIE FABELHAFTE WELT DER AMÉLIE REVISITED

Anfang der 2000er-Jahre schauten wir mit unserem Französisch-Leistungskurs diesen Film, von dem alle schwärmten: Die fabelhafte Welt der Amélie (OT: Le fabuleux destin d’Amélie Poulain). Während wir Audrey Tautou als Amélie dabei zusahen, wie sie durch ein wunderschön inszeniertes, märchenhaftes Paris streifte und versuchte, andere glücklich zu machen, schmolz unser Französischlehrer vor Verzückung dahin – und wir Schüler:innen dachten darüber nach, direkt nach der Filmvorführung die nächste Paris-Reise zu buchen. Schnell konnten wir Zitate und Weisheiten aus dem Film auswendig und bald zogen CDs von Yann Tiersen, der die Filmmusik beisteuerte, in die Regale unserer Jugendzimmer ein. Aber warum verzauberte uns die Geschichte dieser jungen Französin namens Amélie, die jetzt noch einmal ins Kino kommt, damals so sehr?

Amélie Poulain, die Titelheldin in Die fabelhafte Welt der Amélie von Jean-Pierre Jeunet, der gemeinsam mit Guillaume Laurant auch das Drehbuch verfasste, ist ein besonderes Mädchen. Die Tochter des Militärarztes a. D. Raphaël Poulain (Rufus) und der Lehrerin Amandine Poulain (Lorella Cravotta) träumt von klein auf viel. Da ihr Vater sie nie in den Arm nimmt, ist sie während der monatlichen Untersuchungen bei ihm jedes Mal so aufgeregt, dass ihr Herz schneller schlägt. Ihr Vater vermutet deshalb, Amélie sei herzkrank, und meldet sie nicht in der Schule an. Stattdessen unterrichtet Amélies Mutter sie zuhause. Da sie sich ohne andere Kinder zum Spielen oft einsam fühlt, flüchtet Amélie in eine Fantasiewelt, zu der ihr depressiver Goldfisch Pottwal und Tierfiguren gehören, die sie in den Wolken entdeckt. Amélie ist ein stilles Kind, aber sie kann sich auch wehren, wenn es ungerecht zugeht. So spielt sie etwa dem Nachbarn, der ihr einredet, sie habe mit ihrem Fotoapparat einen Autounfall verursacht, einen Streich und verdirbt ihm die Fernsehübertragung eines Fußballspiels. Eines Tages nimmt das Schicksal der kleinen Amélie jedoch eine tragische Wendung: Nachdem Amélie mit ihrer Mutter in Notre-Dame wie üblich Kerzen angezündet hat, landet eine Touristin aus Québec, die sich vom Dach der Kathedrale in den Tod stürzt, genau auf Amélies Mutter, die auf der Stelle tot ist.

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Die Jahre vergehen und die erwachsene Amélie (Audrey Tautou) hat inzwischen einen Job als Kellnerin im „Café des Deux Moulins“ im bei Tourist:innen beliebten Pariser Stadtteil Montmartre angenommen. Dort ist sie von einigen eigenwilligen Menschen umgeben. Da sind die Chefin Suzanne (Claire Maurier), die ein bisschen hinkt, aber noch nie ein Glas umgestoßen hat, Georgette (Isabelle Nanty), die eingebildete Kranke vom Tabakstand, und Gina (Clotilde Mollet), Kellnerin wie Amélie, die als Enkelin einer Heilpraktikerin gern Knochen knacken lässt. Zu den Stammgästen des „Café des Deux Moulins“ zählen der erfolglose Schriftsteller Hipolito (Artus de Penguern), die Flugbegleiterin Philomène (Armelle) und der von Gina ausrangierte, eifersüchtige und übergriffige Liebhaber Joseph (Dominique Pinon), der ständig im Café sitzt, um Gina zu beobachten. Währenddessen kommentiert Joseph das Verhalten seiner Ex-Freundin immer wieder auf abwertende und sexualisierende Art, obwohl Gina sich dagegen wehrt. Die schüchterne, ängstliche Amélie lebt nach ein paar kurzen, enttäuschenden Erfahrungen mit Männern allein und flüchtet noch immer in ihre eigene Welt – bis zu dem Tag, an dem Lady Di stirbt. Vor Schreck über die Nachricht lässt Amélie den Glasverschluss eines Fläschchens fallen – und findet beim Aufheben hinter einer lockeren Badezimmerfliese eine alte Dose mit Habseligkeiten eines Kindes. In der Nacht darauf liegt Amélie wach. Um vier Uhr morgens kommt ihr plötzlich eine glänzende Idee. Sie beschließt, den Besitzer des Schatzes ausfindig zu machen. Sollte dieser gerührt über seine wiedergefundenen Kindheitserinnerungen sein, will Amélie sich auch in Zukunft in das Leben anderer Menschen einmischen, statt sich weiterhin mit ihrer Einsamkeit zufriedenzugeben. Sollte der ehemalige Bewohner ihrer Wohnung nicht so reagieren wie erhofft, bleibt alles beim Alten. Nun hängt Amélies weiteres Schicksal also von der Reaktion des Eigentümers der Blechdose aus den 50er-Jahren ab. Auf der Suche nach ihm begegnet Amélie bald nach ihrem Entschluss dem geheimnisvollen Nino (Mathieu Kassovitz), als er gerade weggeworfene Fotoschnipsel vor einem Fotoautomaten aufsammelt.

Paris mit Zuckerguss und ohne Diversität

Damals als Schülerin faszinierten mich Amélie und ihre detailverliebt und fantasievoll in Szene gesetzte Welt. Doch wie schaue ich heute auf den Film? Schafft Jean-Pierre Jeunets Amélie es immer noch, mich zu verzaubern? 20 Jahre nach dem Hype um den Film fällt mir als Erstes auf, wie sehr Jeunet Paris idealisiert. Die fabelhafte Welt der Amélie hat er als Filmmärchen angelegt, was bereits der Filmtitel verrät, aber die Stadt wirkt häufig, als sei die Zeit spätestens während der 50er-Jahre stehengeblieben und als hätten Jeunet und sein Team die Gebäude, U-Bahn-Stationen, Cafés, Bahnhöfe und Parks nicht nur mit einem pittoresken Retro-Filter, sondern auch mit einer kariesfördernden Portion Zuckerguss überzogen. Vermutlich ist Jeunets kitschige Überzeichnung der französischen Hauptstadt sogar mitverantwortlich für das 2004 erstmals beschriebene „Paris-Syndrom“, das manche enttäuschte Paris-Besucher:innen erleiden, wenn ihre durch Filme gewonnene Traumvorstellung von Paris auf die Realität trifft. In Jean-Pierre Jeunets Paris gibt es darüber hinaus kaum Diversität. Fast alle sind weiß – seien es Amélie und ihre Kolleg:innen im Café, Amélies Nachbar:innen oder Passant:innen auf den Straßen von Montmartre. Ein kleines bisschen vielfältiger wird der Cast nur durch Lucien (Jamel Debbouze), der im Gemüseladen um die Ecke arbeitet und die Schikanen seines Chefs Monsieur Collignon (Urbain Cancelier) ertragen muss. Weitere People of Color gehören nicht zu Amélies fabelhafter Welt.

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Amélie als rettender Engel

Wie steht es aus feministischer Sicht um Amélie? Jeunet legt die Figur der Amélie als Schutzengel an, der das Verlangen hat, der ganzen Menschheit zu helfen. In einem Filmausschnitt, den Amélie auf ihrem Fernseher schaut und in dem sie selbst auftaucht, nennt der Sprecher sie die „Patin der Missachteten“ und die „Madonna der Ungeliebten“, die selbstlos gegen das menschliche Elend ankämpft. Sie ist als Krankenschwester zu sehen, die einem alten Mann die Füße wäscht. So wirkt Amélie wie eine Heilige, deren einziger Wunsch es ist, andere Menschen glücklich zu machen. Dafür betreibt sie einen immensen Aufwand: Sie macht sich auf die langwierige Suche nach Dominique Bretodeau (Maurice Bénichou), dem ehemaligen Bewohner ihrer Wohnung, um ihm seine Kindheitserinnerungen zurückzubringen. Sie fälscht mühevoll einen Brief, um die traurige Concierge ihres Hauses glücklich zu machen. Und sie rächt sich auf kreative Art an dem Gemüsehändler, der Lucien regelmäßig beleidigt und diskriminiert. Amélies Ideen und Taten treiben zwar die Filmhandlung voran, doch an sich selbst denkt Amélie bei alldem nicht. Es ist ihr Nachbar, der an der „Glasknochenkrankheit“ leidende Hobbymaler Raymond Dufayel (Serge Merlin), der ihr dazu rät, sich auch um ihr eigenes Glück zu kümmern. Auch der Male Gaze findet sich im Film – besonders deutlich in aufeinanderfolgenden kurzen Szenen, in der die Kamera zuerst langsam über den Körper der in enger Kleidung auf ihrem Bett liegenden Amélie schwenkt und danach von oben in ihren Ausschnitt filmt, während sie im engen Spitzentop auf der Toilette sitzt und einen Brief liest.

Stereotype Frauenfiguren

Weitere stereotyp gezeichnete Frauenfiguren fallen ins Auge. Amélies Mutter Amandine präsentiert Jean-Pierre Jeunet direkt in den ersten Filmminuten als labil, nervös und geradezu hysterisch. Ähnlich steht es um die eingebildete Kranke Georgette, die mit ihrem Gejammer Kolleg:innen und Gäste des „Café des Deux Moulins“ auf die Palme bringt und damit beim Filmpublikum für Lacher sorgen soll. Doch damit nicht genug: Nachdem Georgette eine sexuelle Beziehung mit Joseph angefangen hat, wirkt sie plötzlich glücklich und entspannt. Aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund, dass die Medizin Frauen über Jahrhunderte hinweg „Hysterie“ einredete, um sie zu stigmatisieren und zu unterdrücken, stößt das unangenehm auf. Eine weitere irritierende Szene ist die, in der Amélie auf der Suche nach Dominique Bretodeau versehentlich bei einer offenbar lesbischen Frau klingelt, die direkt versucht, die ihr völlig unbekannte Amélie in erotischer Absicht in ihre Wohnung zu locken. Schließlich gibt es da noch die Concierge Madeleine Wallace (Yolande Moreau), die seit Jahrzehnten ihrem verstorbenen Mann hinterhertrauert, der sie damals für seine Sekretärin verlassen hat. Dabei scheint ihr Ex-Mann – neben dem ausgiebigen Genuss von Portwein – ihr einziger Lebensinhalt zu sein und sie sagt über sich selbst, sie sei prädestiniert zum Weinen.

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Großstadtmärchen mit Schwächen

Die fabelhafte Welt der Amélie, einer der größten französischen Kinoerfolge aller Zeiten, der neben vier Césars, vier Europäischen Filmpreisen und fünf Oscarnominierungen zahlreiche weitere internationale Preise abräumte und weltweit 140 Millionen US-Dollar einspielte, ist vermutlich der Lieblingsfilm vieler frankophiler Cineast:innen. Auch für mich hat Die fabelhafte Welt der Amélie trotz seiner Schwächen noch immer einen ganz eigenen Zauber und bleibt mit meiner Erinnerung an den Französischunterricht in der Schule und spannende Paris-Aufenthalte verbunden. Den von der Szenenbildnerin Aline Bonetto fantasievoll in warmen Farben ausgestatteten Film nach all den Jahren noch einmal zu sehen und mit den liebevoll gezeichneten Charakteren nostalgisch in Erinnerungen zu schwelgen, war schön. Die im Film transportierten, stereotypen Frauenbilder und altmodischen Lebensweisheiten („Eine Frau ohne Liebe geht ein wie eine Blume ohne Sonne“) haben mich allerdings negativ überrascht. Auch Amélie wirkt aus heutiger Sicht nicht gerade emanzipiert. Im Gegenteil: Indem sie sich selbst stets an die allerletzte Stelle stellt, um für das Glück anderer zu sorgen, erfüllt sie die traditionelle geschlechtsspezifische Rollenerwartung. Heute sehe ich Amélie vor allem als eine Märchenfigur aus einem Paris wie aus der Schneekugel, das es so nie gegeben hat. Jean-Pierre Jeunet hat den Film als modernes Großstadtmärchen angelegt und spielt mit dem weltberühmten Bild des kitschigen, postkartenhaften und romantischen Paris. Als Wohlfühlfilm für verregnete Sonntage eignet sich der Film daher bestens. Doch emanzipiertere, vielschichtigere und selbstbestimmtere Frauenfiguren und mehr Diversität würden auch märchenhaften Kultfilmen guttun.

Kinostart: 3. Mai 2022

Autor

  • Stefanie Borowsky hat Romanische Philologie mit den Schwerpunkten Spanische und Französische Literaturwissenschaften und Psychologie studiert und sich schon im Studium gern mit spanisch- und französischsprachigem Film befasst. Als freie Autorin schreibt sie für Indiekino und Berliner Filmfestivals und liebt Coming-of-Age-Geschichten und fantasievolle Kurzfilme aus aller Welt – selbstverständlich mit spannenden Frauenfiguren.

Stefanie Borowsky
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