VÄTER UNSER

Eine Beziehung, die das eigene Leben in den meisten Fällen tief prägt, ist die zum eigenen Vater. Die Psychologin, Regisseurin, Filmproduzentin und Drehbuchautorin Sophie Linnenbaum, geboren 1986 in Nürnberg und bekannt durch ihre preisgekrönten Kurzfilme Pix und [Out of Fra]me, legt mit Väter unser, für den sie beim DOK.fest München 2021 den Förderpreis Dokumentarfilm gewann, ihren ersten Langfilm vor. Darin widmet sie sich in minimalistischem Setting – Talking Heads vor einer schwarzen Wand (Kamera: Janine Pätzold) – ihren Interviewpartner:innen, die auf sehr persönliche und berührende Weise über die Beziehung zu ihren Vätern sprechen. Am Anfang des Films steht die Frage, wie der eigene Vater niest. Diese Frage können fast alle Menschen beantworten – zumindest kann der Gedanke an das väterliche Niesen ein spannendes Gespräch über die eigene Familie anstoßen. Vor der Kamera führen unterschiedliche Menschen vor, wie ihr Vater niest, imitieren seine Gestik und Mimik. Nach dem auflockernden Einstieg ins Thema können die Vätergeschichten beginnen. Sophie Linnenbaum konzentriert sich auf sechs Menschen, vier Frauen und zwei Männer, die sie aus insgesamt 42 Interviewpartner:innen auswählte und die im Laufe des 75-minütigen Dokumentarfilms ausführlich von ihren Vätern erzählen: Ali, Dela, Jonas, Nadine, Sabrina und Thanh.

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Für Jonas war sein Vater ein Josef – jemand, der sich mit ganzem Herzen dafür einsetzt, ein Kind großzuziehen, das im biologischen Sinn nicht sein eigenes ist. Jonas erfuhr erst als junger Erwachsener, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater ist, und reflektiert vor der Kamera das Verhältnis zu seinen beiden Vätern. Nadine wuchs mit einem gewalttätigen und psychisch kranken Vater auf. Wie es ihm heute geht, kann sie nur vermuten. Auch Alis Vater schlug ihn als Kind. Er sagt, all seine Neuköllner Schulfreunde hätten zuhause Ähnliches erleiden müssen. Ob er seinen Vater liebt, ist für Ali schwer zu beantworten, aber eins ist sicher: Er lässt nichts auf seinen Vater kommen. Sabrinas Vater unternahm vor seinen Kindern Suizidversuche und schickte ihr eine Geburtstagskarte aus dem Gefängnis, wofür sie ihn hasste. Thanhs Vater ließ sich in betrunkenem Zustand einen Affen auf die Brust tätowieren, der ein Tigerbaby füttert. Das Foto des Affen hatte er spontan in der Bildzeitung entdeckt. Beim Essen erzählte er der unangenehm berührten Thanh einmal, wie wenig Geld er in Vietnam für Zeit mit einer Sexarbeiterin zahlen musste. Als Dela mit 19 von zuhause auszog, weinte ihr Vater – aus Delas Sicht ein großer, bäriger Mann – wie ein Schlosshund.

© DOK.fest München

In den sechs Vätergeschichten lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede feststellen, doch alle geschilderten Erlebnisse zeigen überdeutlich, wie sehr Väter die Biografien ihrer Kinder prägen. Durch das extrem reduzierte Setting schafft Sophie Linnenbaum eine intime Atmosphäre, die es den Interviewten ermöglicht, frei und ohne Scheu ihre persönlichen Geschichten zu teilen. Dadurch, dass die Väter selbst nicht zu Wort kommen und auch Regisseurin Sophie Linnenbaum unsichtbar und unhörbar bleibt, liegt der Fokus allein auf den erwachsenen Kindern und deren Sicht auf ihre Väter. Den Zuschauer:innen erlaubt das Setting die vollkommene Konzentration auf die Geschichten der Sprechenden – die Bilder der Väter entstehen in der Fantasie des Filmpublikums. So gelingt es Sophie Linnenbaum in Väter unser, die Zuschauer:innen mit auf eine Reise zu nehmen: Im Laufe des Films erweitert sich anhand der sechs unterschiedlichen Vätergeschichten der Vaterbegriff um immer mehr Perspektiven. Väter unser regt nicht nur zur Reflexion der Vaterfiguren an, von denen im Film die Rede ist, sondern auch zu Gedanken über den eigenen Vater und die Beziehung zu ihm.

© DOK.fest München

Darüber hinaus zeigen die Geschichten der sechs Protagonist:innen auch einiges über verschiedene Väterrollen in der Gesellschaft auf, in der sie sich abgespielt haben. Es sind Geschichten von gewalttätigen, alkoholabhängigen und toxischen Vätern und deren Frauen und Kindern, von schmerzhaften, aber manchmal nötigen Kontaktabbrüchen, aber auch von fürsorglichen Vätern und erleichternden Aussprachen, von Liebe und Verantwortungsgefühl trotz aller Schwierigkeiten, von ersten Begegnungen und Wiedersehen nach Jahren. Nach einer Quelle des Statistischen Bundesamtes gab es im Jahr 2019 in Deutschland 1,34 Millionen alleinerziehende Mütter und demgegenüber nur 185.000 alleinerziehende Väter. Zudem waren im Jahr 2019 fast ein Viertel aller Mütter, deren jüngstes Kind unter 6 Jahren war, in Elternzeit, während dies nur auf 1,6 Prozent der Väter zutraf. Sophie Linnenbaums warmherziger, spannender und kluger, mal tieftrauriger, mal urkomischer Dokumentarfilm Väter unser leistet einen emanzipatorisch wertvollen Beitrag dazu, die Rolle der Väter in der Erziehung und ihren Einfluss auf die Entwicklung und die Biografie ihrer Kinder fernab von Klischees stärker in den Blick zu nehmen – auch und gerade auf der Leinwand.

Vorführungen:

8. Mai 2022, 18 Uhr, fsk-Kino am Oranienplatz

9. Mai 2022, 18 Uhr, Bundesplatz-Kino

Autor

  • Stefanie Borowsky hat Romanische Philologie mit den Schwerpunkten Spanische und Französische Literaturwissenschaften und Psychologie studiert und sich schon im Studium gern mit spanisch- und französischsprachigem Film befasst. Als freie Autorin schreibt sie für Indiekino und Berliner Filmfestivals und liebt Coming-of-Age-Geschichten und fantasievolle Kurzfilme aus aller Welt – selbstverständlich mit spannenden Frauenfiguren.

Stefanie Borowsky
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