Genrenale 2019: Wo kein Schatten fällt

von Sophie Brakemeier

Nach drei jahren im Internet kehrt die 14-jährige Hanna zurück in ihr Heimatdorf. Der namenlose Ort ist ein trostloses Stück Land, gelegen an einem Moor, umzäunt von Wald und ohne jeden Sonnenschein. Und da wo kein Licht ist, auch kein Schatten sein kann, trägt Wo kein Schatten fällt von Esther Bialas genau den richtigen Titel für einen Film, der seine farbgebenden Graustufen zelebriert, als gäbe es keinen Morgen mehr. Ob es für die Einwohner_innen dieses freudlosen Dorfes einen Morgen gibt, ist übrigens auch die große Sorge. Hannas verschwundene Mutter wird beschuldigt, einst drei Männer* im Moor umgebracht zu haben. Folglich wird Hanna nach ihrer Rückkehr auch nicht mit offenen Armen empfangen, denn das Gerücht, dass ihre Mutter eine Hexe sei, hält sich hartnäckig in der dörflichen Gerüchteküche.

© Das Kind mit der goldenen Jacke Filmproduktion GmbH

Hanna’s Homecoming ist der internationale Titel des Films, dessen Produktionsteam zum größten Teil aus Frauen* besteht. “Nach Hause kommen” klingt dabei versöhnlicher, als es ist, denn nicht nur das Filmbild strahlt eine bittere Kälte aus – auch die soziale Kälte im Ort ist für die Zuschauenden und für Hanna deutlich spürbar. Von Anfang an wird ihr als Hexentochter klar gemacht, dass sie nicht willkommen ist in dem Dorf, in dem sie aufgewachsen ist. Hanna wird verbal angefeindet, ausgeschlossen und auch angegriffen. Diese feindliche Atmosphäre inszeniert Esther Bialas konsequent. Selbst in den Szenen, in denen Hanna mit vermeintlichen Freund_innen zusammen ist,  ist Hanna deutlich als ein Fremdkörper in diesem abgeschotteten, sozialen Gefüge wahrnehmbar. Als sie die Einzelgängerin Eva (Milena Tscharntke) kennenlernt, scheint sich das Blatt für die Heldin zu wenden. In der selbstbewussten und auffälligen Blondine glaubt sie eine Verbündete gegen die abwehrende Haltung der patriarchal geprägten Dorfbevölkerung gefunden zu haben

Wo kein Schatten fällt erzählt sehr subtil eine Geschichte weiblicher* Unterdrückung. Die unsichere Hanna leidet unter den Anfeindungen der männlich* dominierten Dorfgemeinschaft, die ganz in der Tradition der Angst vor mächtigen Frauen* den Hexenglauben auspackt. Dabei ist der Begriff “Geschichte” vielleicht sogar irreführend, denn der Film legt nicht viel Wert auf eine stringente, handlungsgetriebene Erzählung. Es ist mehr Hannas Alltag, zwischen der Aushilfe in der väterlichen Metzgerei und den Bemühungen, Anschluss ans soziale Leben des Dorfes zu finden, in welchem sich das glaubhafte Bedrohungsszenario ausdrückt. Die Willkürlichkeit mit denen Auseinandersetzungen, mysteriöse Geschehnisse und Momente der Intimität in Wo kein Schatten fällt auftreten, trägt dabei einerseits zur intensiv transportierten Stimmung des Films bei und sorgt andererseits für einen Erzählrhythmus, der den Film an einigen Stellen sehr zäh werden lässt.

© Das Kind mit der goldenen Jacke Filmproduktion GmbH

Gleichzeitig schwächelt der Film auch bei der Charakterisierung seiner Hauptfigur. So farblos wie der Himmel ist auch Hanna. In vielen Szenen wirkt sie oft so unbeteiligt, dass ihre Rolle durch die um einiges eindringlicher dargestellten Nebencharaktere, wie Eva oder Gunnar (Sebastian Hülk), unterzugehen droht. Der Kontrast, der sich dabei vor allem im Zusammenspiel von Hanna und der extrovertierten Eva ergibt, trägt zwar maßgeblich zur solidarischen Dynamik des ungleichen Paares bei, aber so ganz ohne Eigenschaften ist Hannas Entwicklung während des Films nicht glaubhaft nachvollziehbar. Der Film scheint  eine Lanze für Frauen* brechen zu wollen, deren Devianz im Patriarchat als unheilig und böse abgekanzelt wird, schafft es aber leider nicht, diese Frauen* auch im Zentrum seiner Erzählung erstrahlen zu lassen. Denn während Hanna trotz physischer Sichtbarkeit wenig charakterliche Präsenz zeigt, sind Evas Auftritte zu unregelmäßig, um sie als Identifikationsfigur wahrnehmen zu können.

© Das Kind mit der goldenen Jacke Filmproduktion GmbH

Dennoch ist Wo kein Schatten fällt ein lohnenswertes Stück deutscher Genrekinogeschichte. Die konsequent unaufgeklärte Rätselhaftigkeit des Films sorgt dafür, dass er trotz wenig stringenter Handlung spannend bleibt.  Elemente des Horrors bietet Esther Bialas nicht durch billige jumpscares oder übertriebene Effekthascherei, sondern durch eine Atmosphäre der Unbehaglichkeit und Bedrohung, die vor allem Frauen* als der Willkürlichkeit patriarchaler Anfeindung ausgesetzte Personen nachvollziehbar finden dürften. Dieses subtile Grauen, welches nicht nur bildlich und atmosphärisch, sondern auch erzählerisch den Film dominiert, ist gruseliger als jede Hexe oder jedes Monster je sein könnten.