Gegen den Strom – Die Vereinbarkeit von Militanz und Mutterschaft

Lea Gronenberg

Im isländischen Original lautet der Titel Kona fer í stríð (deutsch: Eine Frau* zieht in den Krieg) und wird der Hauptfigur deutlich besser gerecht: Halla (Halldóra Geirhardsdottir) ist eine Kriegerin. Bewaffnet mit Pfeil und Bogen legt sich die Umweltaktivistin mit der lokalen Aluminiumindustrie, der isländischen Regierung und internationalen Investor_innen an. Regierungsvertreter_innen verurteilen ihre Sabotage der Stromversorgung als Anschläge auf das isländische Volk und erklären, mit aller Härte gegen die Verantwortlichen vorgehen zu wollen. Doch Halla ist sich ihrer Sache sicher: „Ich bin keine Verbrecherin. […] Ich glaube aus tiefstem Herzen, dass das, was ich tue, richtig ist“. Die Berichterstattung, die sie als Terroristin verurteilt, verfolgt Halla während ihrer Qigong Routine, im Hintergrund hängen die gerahmten Porträts von Nelson Mandela und Mahatma Ghandi.

© Pandora Film


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Nicht nur als Aktivistin, sondern auch darüber hinaus ist Halla eine charakterstarke, unabhängige Frau*. Der deutsche Titel Gegen den Strom weckt die Assoziation einer isolierten Einzelkämpferin, die sich gegen den Mainstream stellt. Halla ist jedoch als Chorleiterin in die lokale Gemeinschaft eingebunden. Auch bei ihren riskanten Aktionen gegen die Industrie ist sie nicht auf sich gestellt, sondern wird im Hintergrund von Baldvin (Jörundur Ragnarsson) unterstützt, der sie mit Informationen aus dem Ministerium versorgt. Gerade im Kontrast zu dem jungen Mann*, der in ständiger Angst lebt, enttarnt zu werden und darüber in hektischen Aktivismus verfällt, wirkt Halla besonnen: Ihr Handeln ist richtig und wichtig, ihre Aktionen werden sorgfältig geplant und durchgeführt. Unterstützung erfährt sie außerdem durch ihren „vermeintlichen Onkel“, den Schäfer Sveinbjörn (Jóhann Sigurðarson). Halla kämpft also nicht gegen den Strom oder nimmt das isländische Volk in Geiselhaft, wie ihr ein Regierungssprecher unterstellt, sondern erfährt Rückhalt aus unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.

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Im Streit mit ihrer Zwillingsschwester Ása (ebenfalls Halldóra Geirhardsdottir) verteidigt Halla die Sabotageakte und unterstreicht die Notwendigkeit aktivistischen Engagements. Sie verurteilt Ása dafür, sich mit Meditation und einem geplanten Aufenthalt in einem indischen Ashram der Welt zu entziehen, anstatt diese zu verändern.

Als Halla vier Jahre nach dem entsprechenden Antrag unverhofft als Adoptivmutter für ein Mädchen* aus der Ukraine ausgewählt wird, steht sie selbst vor der Frage, ob sie sich weiterhin der Gefahr von Strafverfolgung aussetzen kann, oder ihren persönlichen Traum, Mutter zu werden, über ihr Engagement stellen möchte. An dieser Stelle zeichnet Gegen den Strom keinen grundsätzlichen Widerspruch zwischen Mütterlichkeit und Aktivismus – beides bedeutet für Halla, eine Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen. Das Spannungsfeld entsteht vielmehr aus der Angst vor Repressionen, wie Strafverfolgung oder gesellschaftliche Isolation durch ein Doppelleben. Halla sorgt sich darum, wer die Fürsorge für ihr Adoptivkind im Falle einer Inhaftierung übernimmt.

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Obwohl die Regierung immer härtere Geschütze auffährt, um sich vor weiteren Sabotageakten zu schützen, entschließt sich Halla zu einer letzten spektakulären Aktion. Sie folgt damit dem Leitspruch ihrer Mutter: „Mütter können alles“. Halla setzt ihre Kenntnisse des isländischen Hochlands geschickt ein, um Schutz vor den Wärmebildkameras zu finden. Um an den Straßenkontrollen vorbeizukommen, nutzt sie die Geschlechterstereotype der Polizisten aus und schäkert im Blümchenkleid mit den Beamten während sie eine ordentliche Ladung Sprengstoff an den Spürhunden vorbei schmuggelt. Es ist geradezu absurd (und rassistisch), dass die Behörden im Verlauf des Films immer wieder einen Spanisch sprechenden, männlichen* Touristen verhaften, obwohl Halla ihr Manifest als „die Bergfrau“ unterzeichnet. Die Polizei traut die Anschläge einer Frau* einfach nicht zu.

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Immer wieder bricht der Regisseur Benedikt Erlingsson die Ernsthaftigkeit von Umweltzerstörung und politischer Auseinandersetzung mit skurrilen Elementen. So wird Halla stets von einer Musikkapelle bzw. einer Gruppe ukrainischer Sängerinnen begleitet, die den Soundtrack zum Geschehen liefern und dabei Teil der Szenerie werden. Auf diese Weise behält Gegen den Strom eine Leichtigkeit, die auch seine Hauptfigur auszeichnet ohne deren Anliegen dabei ins Lächerliche zu ziehen.

Halldóra Geirhardsdottir verkörpert die militante Umweltschützerin so entschlossen und zugleich charmant, dass weder ihre Motive noch ihre Mittel in Frage zu stellen sind. Benedikt Erlingsson positioniert sich mit seiner Hauptfigur eindeutig in Hinblick darauf, welche Mittel im Kampf für übergeordnete Ziele legitim sind. Die Aufnahmen der atemberaubend schönen Landschaft Islands, die ganz für sich wirken dürfen, rufen dazu auf, diese unberührte Natur gegen wirtschaftliche Interessen zu schützen. Gegen den Strom ermutigt zum Widerstand: Das Manifest der Bergfau* richtet sich direkt an die Zuschauer_innen: „Jetzt liegt es an uns, endlich zu handeln“.

DVD-Veröffentlichung: 12. April 2019

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
Lea Gronenberg