Filmkritik: The First Time

© Capelight

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Die ersten sexuellen Begegnungen im Leben eines Menschen können maßgeblich zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen. In jedem Fall prägen sie unser Bild davon, was Sexualität bedeutet. Das ist der eigentliche Grund, warum das sagenumworbene „erste Mal“ mit Bedacht gewählt sein sollte. Wie uns The First Time und vergleichbare Filme jedoch einreden wollen, geht es nicht um ein gesundes, positives Ausleben der eigenen Sexualität, sondern um das heteronorme Ideal von dem oder der Richtigen.

In diesem Fall sind es Aubrey (Britt Robertson) und Dave (Dylan O’Brien), die für einander bestimmt sind. Dass sich die beiden Teenager im weiteren Verlauf gegenseitig entjungfern werden, verrät ja schon der Titel des Films. Bevor wir Zeug_innen der vielleicht unangenehmsten (dabei aber auch realistischsten) Sexszene der Filmgeschichte werden, quält uns Regisseur und Drehbuchautor Jon Kasdan mit gut einer Stunde prätentiöser Dialoge, deren Fremdschämfaktor es mit den Outtakes von DSDS aufnehmen kann.

Es ist insbesondere das All-American-Girl Aubrey, die meine Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Geschminkt wie für den Babystrich versucht sie mit ihrem pseudo-intellektuellen Geschwafel der titelgebenden Figur von Dawson’s Creek den Rang abzulaufen, scheitert an diesem Unternehmen aber durch die Inkonsequenz ihrer Charakterzeichnung. Auf der einen Seite erzählt sie mit glühenden Augen und leeren Phrasen von ihrem Urlaub in Madrid (Europa, Europa!), auf der anderen Seite möchte sie statt des ausländischen Films mit Untertiteln doch lieber den aktuellen Actionkracher im Kino sehen. Außerdem redet sie entschieden zu viel, um wirklich intelligent zu wirken.

Die Dialoge sind wahrlich die Achilles-Ferse des Films. Sie sind deutlich zu lang und haben in den meisten Fällen keinerlei Inhalt. Die Szenen werden unerträglich gedehnt, ohne dass auf der Handlungs- oder Beziehungsebene irgendetwas passieren würde. Ganz selten wird mal ein funktionierender Witz eingeflochten, aber in der Regel nimmt sich The First Time bedauerlicher Weise ziemlich ernst. Besonders störend ist, dass sich der Verbaldurchfall der Figuren sogar bis ins Liebesspiel fortsetzt.

Das Erwachen der weiblichen Sexualität

The First Time ist ohne Frage ein Frauenfilm. Soll heißen, dass die Macher_innen hier eine weibliche Zielgruppe im Sinn hatten. Dennoch – und das ist bedauerlicher Weise ein Klassiker des Mainstream-Kinos – ist es die männliche Hauptfigur, die zur Identifikation einlädt. Aubrey kann noch so viel quatschen. Sie bleibt das Objekt dieser Geschichte. Dies ist besonders deshalb so traurig, weil es in The First Time ja nicht zuletzt um den ersten Geschlechtsverkehr geht. Statt also den Mädchen vor dem Bildschirm die Möglichkeit zu geben, sich hier mit ihren eigenen Problemen und Sehnsüchten wiederzufinden, wird ihnen die männliche Perspektive aufgezwungen und wieder einmal demonstriert, dass die Frau innerhalb der sexuellen Begegnung die Position des passiven Objekts einzunehmen hat.

Dabei gibt es durchaus positive Ansätze. So will sich Aubrey eigentlich von der Vorstellung des perfekten ersten Mals distanzieren und glaubt nicht an „den Richtigen“ für dieses Unternehmen. Stets gut auf ihre Bettpremiere vorbereitet, hat Aubrey selbst Kondome im Haus. Insofern nimmt sie für junge Zuschauerinnen eine Vorbildfunktion ein: Verlasst euch nicht auf die Männer! Nehmt die Dinge selbst in die Hand! So weit so gut. Ab dem Zeitpunkt aber, an dem Aubrey das Kondom hervorholt, geht es in der Darstellung von Sexualität im Grunde nur noch bergab. Zwischen Knutschen und Vögeln gibt es in diesem Film keine Zwischenstufe. Petting, Vorspiel – wer braucht das schon? Kein Wunder, dass das Unternehmen fürchterlich in die Hose geht und die junge Liebe gefährdet. Doch auch nach diesem ernüchternden Erlebnis bleibt Dave die primäre Identifikationsfigur. Wie Aubrey mit dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit umgeht, können wir nur erahnen.

Auch das sexuelle Erleben wird ausgeklammert. Vermutlich damit der Film auch in den USA mit niedriger Altersfreigabe laufen darf, kriechen die Protagonisten rechtzeitig unter die Decke und kaum liegt Dave auf der oben noch bekleideten (!) Aubrey schließt uns die Abblende aus den folgenden Ereignissen aus.

Die weibliche Sexualität spielt im Kino stets eine untergeordnete Rolle, wird oft verteufelt, pathologisiert oder einfach unter den Tisch gekehrt. Es macht mich wütend und auch ein bisschen traurig, dass ein Film, der sich eindeutig an ein weibliches, jugendliches Publikum richtet, genau dasselbe tut. Es wäre so einfach, The First Time auf eine Weise zu erzählen, die Mädchen zu einer sexpositiven Lebenshaltung (nicht zu verwechseln mit einer promiskuitiven Lebenshaltung!!!) ermutigt, sie darin bestärkt, selbst über ihren Körper zu bestimmen und die weibliche Lust als integralen Bestandteil der sexuellen Begegnung zu begreifen. Stattdessen wird Aubrey für ihre sexuelle Offenheit mit einem negativen Erlebnis bestraft. Sie ist es, die nach der Nacht eine charakterliche Wendung vollziehen muss. Sie ist es, die auf dem falschen Dampfer unterwegs ist. Denn zu einer erfüllten Sexualität gehört, so lehrt uns The First Time, eben doch die heteronorme Verbindung mit „dem Richtigen“. Dass Aubrey ein unangenehmes, vielleicht gar schmerzhaftes Erlebnis verkraften muss, spielt weniger eine Rolle als Daves Versagen „als Mann“. Und dass die beiden es am Ende natürlich doch miteinander versuchen, wirkt vor allem wie Daves zweite Chance, sich „wie ein Mann“ zu verhalten. Aubreys sexuelle Befriedigung hat keinen Selbstzweck. Sie ist nur ein Messwerkzeug für Daves Männlichkeit und sexuelle Potenz.

Da The First Time auch von dieser rückwärtsgewandten, sexistisch anmutenden Botschaft abgesehen keinen großen Unterhaltungswert bietet, kann ich von diesem Filmerlebnis nur abraten.

Erscheinungsdatum: 12. Juli 2013

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger