Fifty Shades of Grey

Was können wir von einem Film erwarten, der auf einer Twilight Fan Fiction basiert, und damit einer Geschichte, die sich weder durch ihre komplexen Charaktere, noch ihre packende Storyline und schon gar durch ihre vorbildliche Geschlechterpolitik auszeichnet? Wer bei Fifty Shades of Grey die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, ist naiv und auch ein wenig scheinheilig, denn der Film ist zwar nicht deutlich besser, aber auch nicht deutlich schlechter als das Gros seichter Romanzen für ein märchensozialisiertes Frauen*publikum.

Kelly Marcel hält sich in ihrer Drehbuchfassung zum großen Teil an die durch den Roman von E.L. James vorgegebene Handlung. Das Mauerblümchen Anastasia Steele (Dakota Johnson) verfällt dem Millionär Christian Grey (Jamie Dornan), dessen Beziehungsleben sich bislang jedoch auf vertraglich geregelte sadomasochistische Machspiele beschränkt hat. Während Mr. Grey alles unternimmt, um seine potentielle Sklavin von den Freuden der Unterwerfung zu überzeugen, versucht Anastasia dessen romantische Seite herauszukitzeln. Doch kann es hier wirklich einen Kompromiss geben?

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Es gibt viel, sogar sehr viel was sich an dem Verhältnis zwischen Christian und Anastasia kritisieren ließe. In erster Linie ist es das besitzergreifende und kontrollierende Verhalten des jungen Geschäftsmanns*, das mit weiblicher* Selbstbestimmung nicht vereinbar ist. Auch wenn Kelly Marcel auf mehrere der entsprechenden Passagen aus dem zu Grunde liegenden Roman verzichtet, zeigt sich auch in Fifty Shades of Grey die gefährliche Romantisierung eines männlichen Machtmissbrauchs. Das Spiel im Schlafzimmer verlagert sich auf subtile Weise in den Alltag. So subtil, dass weder Anastasia noch die Mehrheit der Zuschauer_innen es bemerken. Aber, und daran kann es keinen Zweifel geben, ist es niemals romantisch, wenn ein Mann* ohne Erlaubnis das Auto seiner Partnerin verkauft oder bei jedem legitimen Rückzug ihrerseits unangekündigt auf der Matte steht.

Absolut zweifelhaft ist auch Anastasias Selbstaufgabe. Sukzessive verändert Christian ihren Kleidungs- und Lebensstil, selbstredend ohne dies mit ihr offen zu besprechen. Während sexuelle Handlungen vertraglich geregelt werden sollen, scheint der Eingriff in ihr Leben keiner Zustimmung zu bedürfen. Christian schenkt Anastasia allerdings nicht nur einen Laptop und ein Auto, sondern auch ihre Schönheit und Sexualität. Ihr Selbstwert ist alleinig von seiner Bestätigung abhängig – ein patriarchales Konstrukt wie aus dem 19. Jahrhundert.

Nun ließe sich bei all dem freilich argumentieren, dass Kelly Marcel und Regisseurin Sam Taylor-Johnson lediglich dem Geist der Vorlage treu bleiben, doch sie begehen einen gravierenden und folgenschweren Fehler. Obwohl hier zwei Frauen* am Werk sind, gelingt es ihnen doch nicht, die Geschichte aus Anastasias Perspektive zu erzählen – ein Vorwurf, der dem Roman definitiv nicht unterbreitet werden kann. Als ginge es um eine paradoxe Intervention bezüglich des männlichen* Blicks inszeniert Taylor-Johnson ihre Heldin anhaltend als Sexobjekt, lässt sie verführerisch an Bleistiften nuckeln und in neckischen Schlüpfern rumturnen. Mr. Grey jedoch, dessen erotische Ausstrahlung in der Vorlage bis zum Erbrechen überbetont wird, verbleibt frappierend uninteressant. Entweder die gefährliche und doch verführerische Ausstrahlung des Raubtiers, die schon Vampir Edward auszeichnete, liegt nicht im Repertoire von Jamie Dornan (was ihn dann jedoch als Fehlbesetzung entlarven würde) oder aber Sam Taylor-Johnson hat hier als Regisseurin schlicht und einfach versagt. Insbesondere in den Eingangsszenen wirkt Mr. Grey weder einschüchternd noch erotisch und stattdessen wie der perfekte Prince Charming im Anzug.

Dass die Sexszenen hier nicht so explizit und ausführlich dargestellt werden können, wie James sie im Buch beschreibt, ist hinsichtlich des anvisierten Zielpublikums wenig überraschend. Dass Sam Taylor-Johnson sie jedoch wie einen schlechten Mainstream Softcore Porno inszeniert, übertrifft alle Negativ-Erwartungen. Neben dem fatalen Perspektivwechsel, der uns immer auf statt durch Anastasia blicken lässt, ergeht sich Dakota Johnson in den Sexszenen in prätentiösem Overacting, das dem Ganzen denn auch den letzten Funken Sexappeal raubt. Bis auf einige wenige kurze Momente der zumindest leicht angedeuteten Ekstase kann Fifty Shades of Grey daher seinem Image als Erotik-Romanze nicht gerecht werden.

Dafür kann Fifty Shades of Grey etwas anderes. Der Film erzählt wie die Vorlage – und die Vorlage der Vorlage – eine Romanze, die mitten ins Herz des weiblichen* Publikums trifft. Das tollpatschige und schüchterne Mädchen* mit der Scheidungsfamilie trifft auf den schönen, reichen Prinzen, der sie unter seine Fittiche nimmt und auch umgehend in den Kreis seiner herzlichen Familie einführt. Der immense Kitschfaktor der Liebesgeschichte, der sich in gleich zwei romantischen Ausflügen (im wahrsten Sinne des Wortes) niederschlägt, wird durch die auf emotionale Rührung zugeschnittene Musikuntermalung tatsächlich noch gesteigert. Damit schafft Fifty Shades of Grey genau das, was der Stoff von seinen Anfängen an wollte: Die Sehnsucht der Frauen* nach einem Prinzen zu befeuern, der sie aus ihrem bedauernswerten Grundzustand erlöst.

Und noch einmal: Wer jetzt Fifty Shades of Grey an den Pranger stellt, ist schlichtweg dumm und verlogen. Denn diese Geschichte wird auf die eine oder andere Weise in jedem Märchenfilm und jeder Romantic Comedy erzählt. Aber wenn Fifty Shades of Grey erreicht, dass die breite Masse endlich nach anderen Erzählungen schreit, dann hat der Film mehr als nur eine Daseinsberechtigung. Und wer weiß, vielleicht wollte Sam Taylor-Johnson sogar genau das erreichen.

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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