FFMUC 2018: Tigre

Das Delta des argentinischen Flusses Tigre bildet ein weit verzweigtes Netz aus Flüsschen und Inseln, das sich – laut Wikipedia – in ein Naherholungsgebiet für die Städter_innen aus Buenos Aires entwickelt hat. Der nach dem Fluss benannte Film, der in eben jenem Delta spielt, zeigt eine romantisierte Wildnis, die von den Bulldozern der Zivilisation bedroht ist. Und die Städterin Rina (Marilú Marini) aus Buenos Aires, die nach langer Zeit in ihr Haus im Delta zurückkehrt, um gemeinsam mit ihrem Sohn Facundo (Agustín Rittano) und der besten Freundin Elena (María Ucedo) das gefährdete Domizil zu verteidigen. Facundo jedoch hat zu ihrem großen Erstaunen ganz Anderes im Sinn.

© Filmfest München 2018

Und im Grunde beginnt schon hier mein grundlegendes Problem mit diesem Film, der sich von allen möglichen Perspektiven eben die der reichen, weißen Städterin wählt, die ein Stück Land verteidigen will, dass sie sich im Grunde auf ebenso zweifelhaftem Wege angeeignet hat wie die nun anrollenden Bulldozer. Der weitreichende Klassenunterschied zwischen Feriengast Rina und den tatsächlichen Bewohner_innen des Deltas bleibt bedauerlicher Weise eine Randnotiz. Und vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass die Magie dieses Ortes konstruiert, von außen projiziert wirkt, anstatt sich natürlich aus den Bildern der wilden Natur zu entwickeln.

Auf der Handlungsebene verschränken sich verschiedene Generationenkonflikte. Rina und Facundo arbeiten sich im Grunde ebenso aneinander ab wie Elena und ihre pubertierende Tochter. Und auch die Delta-Bewohnerin Ana Laura (Lorena Vega) hat Sorgen, denn in der Nachbarschaft ist ein junges Mädchen* seit Tagen mit zwei Freunden im Wald verschwunden.

Alle diese Handlungsstränge laufen nebeneinander her und lassen sich zunächst schwerlich in einen Zusammenhang bringen. Auffällig ist die omnipräsente Kollision der Älteren mit den Jüngeren, das gegenseitige Unverständnis für die Bedürfnisse und Leidenschaften der jeweils anderen. Als dann auch noch der Fluss über die Ufer tritt, und damit – der Legende nach – die Menschen verrückt werden lässt, brechen die schwelenden Konflikte aus. Am Ende fließt Blut, Porzellan bricht in tausend Scherben, und die Inneneinrichtung eines Hauses wird von fünf Damen* im Jahrhundertwende-Kostüm zerlegt.

© Filmfest München 2018

Und es ist eben jene fröhliche Zerstörungswut, die in meinen Augen letztlich den Schlüssel zu dem Mosaik aus Eindrücken liefert, das uns das Regie-Duo Silvina Schnicer und Ulises Porra Guardiola hier präsentiert. Es geht um das Fortschreiten der Zeit und die damit untrennbar verknüpften Veränderungen, um das Loslassen von Vertrautem und die Angst vor dem unbekannten Neuen. Denn auch das Missverständnis zwischen den Generationen ist letztlich ein Symptom der allgemeinen menschlichen Unfähigkeit, die Zeit im Fluss statt im Stillstand zu begreifen. Und so wird der Tigre als nicht aufzuhaltendes fließendes Gewässer letztlich zur alles verbindenden Metapher.

Tigre ist ein dichter Film, in dem sich auf der Handlungsebene nicht nur verschiedene Lebenslinien verweben, sondern auch die Atmosphäre des tropischen Waldes so spürbar wird, dass ich die Moskitos geradezu hören konnte und mich ständig an Phantomstichen kratzte. Dennoch haftet dem Film bei all dem eine prätentiöse Künstlichkeit an. Irgendwie ist das alles so gewollt, so bemüht kryptisch und bedeutungsschwanger. Tigre ist einer dieser Filme, die der Mehrheit der Zuschauer_innen ein Rätsel bleiben und gerade deshalb von einer kleinen Gruppe gefeiert werden, von denen die meisten mit ihren wortgewandten Lobpreisungen aus dem kulturwissenschaftlichen Fremdwörterbuch vermutlich nur darüber hinwegtäuschen wollen, dass sie ihn nicht verstanden haben.

© Filmfest München

Ein bisschen in seinen Bann gezogen, hat mich Tigre trotzdem und nicht nur wegen der Phantom-Mückenstiche. Die Art und Weise beispielsweise wie der Film immer wieder und völlig altersunabhängig weibliche* Sexualität zelebriert, ist absolut bezaubernd – manchmal witzig, manchmal herzerwärmend, immer ermächtigend. Und auch der finale Ausbruch, der Mut zur Zerstörung des Alten mit der Absicht, dem Neuen Raum zu geben, hat etwas Befreiendes. Vor allem aber gehöre ich eben auch zu jenen Menschen, die ruhig ein paar Teller mehr zerschmeißen sollten, um mehr Platz für neues Geschirr zu haben. Im übertragenen Sinne natürlich.

Es bleiben der Zweifel an der klassistischen Figurenkonstellation und die Enttäuschung, über die Menschen im Tigre-Delta im Grunde nichts zu erfahren, sondern lediglich die Geschichte weißer Wohlständler_innen zu verfolgen, die sich die Magie des Ortes für ihre Persönlichkeitsentwicklung im Grunde ebenso aneignen wie dieser in seiner poetischen Kryptik nach Festivalpreisen schreiende Arthaus-Film.