Gunpowder Milkshake und The 355 – Female Lead Action auf dem Prüfstand

Mit Gunpowder Milkshake und The 355 feiern zwei Actionfilme ihren Home-Entertainment-Release, die sich durch einen weiblich dominiertes Ensemble auszeichnen: Female Lead Action. Während in Gunpowder Milkshake der Konflikt zwischen Auftragskillerin Sam (Karen Gillan), ihrer Mutter Scarlet (Lena Headey) und einem gut organisierten Zusammenschluss von schießwütigen Waffennärrinnen mit einer düsteren (und männlichen) Untergrund-Organisation die Handlung bestimmt, schließen sich in The 355 vier Agentinnen verschiedener Geheimdienste (Jessica Chastain, Lupita Nyong’o, Penélope Cruz und Diane Kruger) zusammen, um die Welt vor dem Einsatz einer technologischen Waffe zu beschützen. So reichhaltig die Casts mit berühmten Namen gespickt sind, so uninspiriert lesen sich die Synopsen. Es wird deutlich: Hier haben wir es mit klassischem Actionkino zu tun.  

Genrefilme machen es einem häufig einfach. Sie liefern bestimmte Erwartungen, erfüllen sie meistens auch ohne Rücksicht auf Qualitätsverluste und festigen gleichzeitig die Erwartungshaltung an den nächsten Genrefilm. Sie bestehen zumeist aus narrativen und ästhetischen Formeln, deutlichen Referenzen und erkennbaren Tropen. Das sind einerseits die Gründe, weswegen Genrefilme im Mainstream-Kino so gut funktionieren – das Publikum weiß genau, was es bekommt und ist auf eine bestimmte Konsumhaltung konditioniert –, andererseits resultiert darin auch die grundlegende Skepsis der kritischen Filmauswertung gegenüber dem Genrefilm. Er sei zu vorhersehbar, hören wir oft, zu fokussiert auf seine genrebestimmenden Elemente, zu verloren in seinen Motiven. In den Shortlists renommierter Filmpreise (und hier rede ich nicht von den Oscars) suchen wir oft vergebens nach klassischem Genrekino.

© Studiocanal

Für Actionfilme gilt dies alles im besonderen Maße. Sie versprechen Kämpfe, Explosionen, Dynamik, Dialogarmut und platte Spannung – und das versprechen sie  hauptsächlich einem männlichen Zielpublikum. Kaum ein Genre orientiert sich noch so stark (und entwickelte sich in den letzten Jahren auch immer stärker wieder in die Richtung) am Kino der Attraktionen und bietet sich so funktional an, um im Kino einfach mal das Gehirn auszuschalten und das Spektakel zu genießen. Kaum ein Genre ist so von Hollywood und seiner Gewinnorientierung dominiert und in kaum einem Genre klafft deswegen auch eine so große Schlucht zwischen Filmkritik und Publikumserfolg. Kinogänger:innen erwarten im klassischen Actionkino meist keinen guten Film, sondern nur gute Unterhaltung – und die Studios wissen das.

Das genrespezifische Repertoire des Actionfilms enthält mitunter sehr tradierte Geschlechtervorstellungen. Männer sind die muskelbepackten Actionhelden – Frauen die High Heels-tragenden damsels in distress. Die Arnold Schwarzeneggers, Vin Diesels und Kurt Russells dieser Welt haben das populäre Bild des Actionhelden bis heute stark geprägt. Die Körperlichkeit in Actionfilmen wird dominiert von Schönheits- und Fitnessidealen, die stark verschränkt sind mit limitierten und oft auch toxischen Erwartungen daran, wie eine Frau, wie ein Mann zu sein, zu handeln oder auszusehen hat. Der Actionfilm misst sich am Einsatz dieser geschlechtsspezifischen ästhetischen und narrativen Konventionen. Irritationen davon werden oft nur als ironische Brechungen oder comic reliefs zugelassen. 

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Aber der feministische Tugendterror hat natürlich auch vor dem Actionkino nicht Halt gemacht. Anfang der 90er-Jahre durften nach Dekaden partout männlicher Dominanz endlich auch Frauen die Hauptrollen in Actionfilmen spielen und bis heute werden es immer mehr. Gleichberechtigt ist das Genre deswegen allerdings noch lange nicht, aber Filme wie Gunpowder Milkshake und The 355 sind auch keine Besonderheit mehr. Sie reihen sich fast farblos in das Œuvre des auf kurzweilige Unterhaltung ausgerichtete Genre ein – wecken die gleichen Erwartungen, bedienen die gleichen Muster und enttäuschen die gleichen Hoffnungen darauf, dass sich unter der Hochglanz-Fassade vielleicht doch ein Film mit Tiefgang verstecken könnte (eine Hoffnung, die durch seltene Ausreißer wie beispielsweise Mad Max: Fury Road erfolgreich am Leben gehalten wird). 

Mutter-Tochter-Paar Sam und Scarlet aus Gunpowder Milkshake statuieren Exempel: Ohne ihr brüchiges Verhältnis auch nur ansatzweise überzeugend offenzulegen, wird ihre Geschichte zum Rahmen einer mit billigen Emotionen aufgeladenen Erzählung, die sich von Schießsequenz zu Schießsequenz hangelt. Im Gegensatz zu der neon- und bonbonfarbenen Bildsprache bleiben die Protagonistinnen und Antagonisten farblos, ihre Handlungsmotivationen unerforscht. Aber: Ein gutes Maß an Witz, Style und Action lassen den Film funktionieren und die Szene, in der die All-female-Assassininnengruppe Waffen – versteckt in den Büchern von Jane Austen, Emily Brontë und Virginia Woolf – schmuggelt hat das Potential für den Einzug in einen feministischen Popkultur-Kanon. The 355 ist dagegen ein Totalausfall. Der Plot ist uninteressant und nicht nachvollziehbar. Das Agentinnenensemble harmoniert nicht, die Schauspielerinnen – sogar Lupita Nyong’o! – wirken unmotiviert und … es macht kaum Sinn hier eine Aufzählung weiterzuführen, denn der Film versagt auf allen Ebenen. Und legt damit offen, was im Actionfilm schief laufen kann: Geheimagentinnen, Verfolgungsjagden, Schießereien – ein funktionierender Film muss mehr sein, als nur die Summe seiner Formeln. 

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Weibliche Actionheldinnen zu etablieren, sie gleichberechtigt in den Kanon des Genres einzufügen und ihnen das gleiche plumpe Spektakelkino zuzugestehen, wie ihren männlichen Gegenstücken, ist ein Prozess voller Widersprüche. Denn wo wir es einerseits mit einem Genre zu tun haben, dessen Konventionen so stark aufgeladen sind mit zu kritisierender Geschlechtsspezifik, da wollen wir eine Filmkultur haben, in der das Geschlecht der Hauptfigur eigentlich keine Rolle spielt – und in der eben diese tradierten Konventionen eigentlich überwunden werden sollten. Geht das zusammen? Gleichberechtigtes Actionkino setzt die Restaurierung des kompletten Genres voraus, denn der simple Austausch von Actionheld zu Actionheldin allein schafft es nicht, die jahrzehntelange Mediensozialisation zu durchbrechen, die die Actionkultur zu einem Entertainment von Männern und für Männer etabliert hat. 

“Das Ziel jedweder Emanzipation – und somit auch das der Filmfrauen – ist zweifellos keine Sonderrolle, sondern Teil des Mainstreams zu werden.”, lautet einer der ersten Sätze in der Filmlöwin’schen Selbstdarstellung. Gunpowder Milkshake und The 355 sind – nüchtern betrachtet – genau das: ordinäre Mainstreamfilme. Und ebenso wie Mainstreamfilme mit männlicher Besetzung scheitern diese qualitativ und kommerziell nun mal ab und zu. Bis wir an einen Punkt gelangt sind, an dem wir mit Sicherheit sagen können, dass dieses Scheitern in keinem Bezug zum Geschlecht der Hauptfiguren steht (und erst recht nicht, wie selbstsicher von so manchem Filmkritiker behauptet daran liegt, dass die beiden Filme feministischen Männerhass transportieren würden), ist es noch ein langer Weg.

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Bis dahin bleibt das Thema Female Lead Action ambivalent. Ja, wir wollen mindestens genauso viele gute, schlechte, hirnlose, spektakuläre Actionfilme mit weiblichem Ensemble, wie es sie mit männlichem gibt. Wir wollen sie im Mainstream. Wir wollen den Mainstream des Actionkinos mit seinen alttestamentarischen Geschlechtervorstellungen aber nicht durch eben diese Filme zementiert sehen. Und wir wollen nicht in die Falle tappen, in der wir Female Lead Actionfilme stärker für das kritisieren und abstrafen, was ihr männliches Vorbildkino verbockt hat. Wenn sich ein neuer Mainstream des Actionkinos etabliert, muss zwangsläufig auch der Begriff Female Lead Action zu Grabe getragen werden. Denn er markiert einen Unterschied, den es idealerweise nicht mehr geben sollte.

Gunpowder Milkshake und The 355 sind jetzt als VoD und DVD/Blu Ray erhältlich.

 

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier