Diagonale 2022: Beatrix

Zähneputzen, Fernsehen, mit dem Schlauch spritzen, den Backofen schrubben, Käse mit Senf essen, in die Badewanne pinkeln, Achselhaare rasieren, im Garten herumliegen: Alltägliches kann so ästhetisch ansprechend aussehen. Die Regisseurinnen Milena Czernovsky und Lilith Kraxner kreieren mit ihrer Hauptdarstellerin Eva Sommer Bilder, die keinem Fortlaufen der Zeit hinterherstürmen, sondern kontemplativ und sinnlich im Moment verweilen. Ähnlich entschleunigt wie in Angela Schanelecs Mein langsames Leben und auf einen häuslichen Ort fokussiert wie in Filmen von Chantal Akerman verfolgen wir Beatrix’ Art müßig in den Tag hineinzuleben. Die 16-mm Aufnahmen lassen Retro-Gefühle aufkommen und wirbeln zugleich mit der Einbindung von Smartphone und Teletext Vorstellungen verschiedener Zeitordnungen zusammen.

© sixpackfilm

Beatrix verbringt ihre Tage in einem Haus, das einer anderen Frau gehört. Eine eigene Wohnung hat sie momentan nicht. Wo sich das Anwesen mit Garten befindet, ist unklar, spielt aber auch keine Rolle, denn für Beatrix spielt  sich hier alles ab, ihre Freund:innen und Bekanntschaften lädt sie in die  vorübergehende Bleibe ein. Für 95 Minuten gibt es also visuell kein Außen abseits Haus und Garten und auch der Druck und die Erwartungen einer Außenwelt sind für Beatrix kein Thema. Als eine Bekannte sie fragt, wie ihre Zukunftspläne aussehen, weicht sie einer Antwort aus. Wie Benjamin Braddock (Dustin Hoffman) in The Graduate den Sommer auf der Luftmatratze verbringen kan oder Lynn in Maria Speths In den Tag hinein sich treiben lässt, atmet Beatrix das Leben auf der grünen Wiese liegend ein und aus, Wolken ziehen sanft vorbei wie eh und je. Sie habe im Haus viel zu tun, erklärt sie ihren Eltern am Handy, was jedoch lediglich dazu dient, den Anschein von Stress und Beschäftigung zu erwecken, der in unserer Gesellschaft Anerkennung findet. Denn in Wahrheit spielt Beatrix ziellos mit dem leuchtend roten Gymnastikball, mit dem Wattestäbchen im Ventilator oder einer Traube in ihrem Bauchnabel. Die Handlungen zeichnen sich durch ihre Zweckfreiheit aus und wirken durch das Framing in ihrem beweglichen Formen und Linien mit den farblichen Kontrasten, den vielen Rottönen sehr sinnlich. Roter Ball trifft blasses Bein. ___STEADY_PAYWALL___

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Die Schaulust dieses Spielfilms liegt in der sorgfältigen und experimentellen Komposition der Bilder. Czernovsky studierte an der Universität für Angewandte Kunst, Kraxler an der Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film sowie aktuell an der Akademie der Bildenden Künste, wo auch Sommer sich der performativen Kunst widmet: Die Hintergründe der drei machen sich in ihrem gemeinsamen kreativen Output bemerkbar. Sommers Bewegungen laufen konzentriert und minimalistisch ab, werden von Antonia de la Luz Kašiks Kamera in gegen einen goldenen Schnitt arbeitenden Rahmungen beobachtet. Indem Ton- und Bildschnitt stets synchron verlaufen, kreiert Beatrix auch den Eindruck eines Home-Videos. Welch unterschiedliche Resultate die Kombination – Frau(en) in einem Haus in der Intimität einer fiktiven Homevideo-Äshtetik – bringen kann, zeigt sich im Vergleich zu Stimmung und Bildern von Elena Wolffs Para:dies, der ebenso im Spielfilmwettbewerb der Diagonale 2022 lief und bereits beim Max-Ophüls-Preis zu sehen war. Beide Filme sind während der Corona-Pandemie entstanden und bei weitem nicht die einzigen Geschichten der letzten zwei Jahre, die sich (zweckmäßig) auf einen Ort beschränken. 

Covid oder Quarantäne spielen aber in Beatrix inhaltlich keine Rolle. Auch wenn die erzählerische Idee und die Handlungen der Protagonistin weit entfernt von Originalität sind, punktet das Debüt von Czernovsky und Kraxler mit der Inspiration dazu, über filmische Ästhetik und Form nachzudenken und der Frage nachzugehen, durch welche Erfahrung sich die Rezeption hier eigentlich am meisten auszeichnet. Ist es der Genuss ansprechender Bilder, also seine experimentelle Form? Sind es die wenigen Dialogszenen, in denen die sonst einsame Beatrix aufblüht, schüchtern oder verärgert wird? Oder ist es als Zuseher:in die träumerische Sehnsucht an der Stelle der Protagonistin zu stehen, in den Tag hineinzuleben wie in einem wohlbehüteten, privilegierten Kindheitssommer? Ebenso ließe sich diskutieren, inwiefern diese eineinhalb Stunden feministisches Potenzial haben. Radikal wäre ein solcher Film wohl nur in der Vergangenheit gewesen, in den 1970er-Jahren, als Filmemacherinnen das Politische im Privaten mit erklärender Off-Stimme oder aufklärerischem Impetus visualisierten. Solch einer expliziten Taktik entzieht sich jedoch Beatrix und lässt nur Tampons, Dick Pics und Freundinnenschaften kurz zum Thema werden.

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Die Sinnlichkeit und haptische Qualität der Bilder erinnert an queeres Kino, wie etwa an die berühmte Pfirsichszene in Guadagninos Call Me By your Name. Relativ zu Beginn des Films sitzt Beatrix mit einem Fernglas um den Hals vor dem Fernseher, zieht sich die Hose aus (die meiste Zeit wird sie fortan gemütlich in weißer Baumwollunterhose verbringen) und isst Pfirsiche aus der Dose. In diesem Bild verdichten sich Assoziationen zu (Schau-)Lust und Mediennutzung, drängen sich aber auch nicht zwingend auf, denn die Alltäglichkeit der Szene kann auch für sich stehen. Auffällig schieben sich auch die Sonnenblumen vor die Linse der Analogkamera, als Beatrix gemeinsam mit ihrer neuen Untermieterin und anderen Personen einen Gugelhupf isst – vielleicht ein Verweis auf Agnès Vardas Le Bonheur? Ob von den Macherinnen intendiert oder nicht, der Film ist eine anregende Angelegenheit für Cinephile und solche, die es noch werden wollen. Die Jury der Viennale 2021 nannte das Vorgehen des Duos „widerständig“ und verlieh Beatrix den Spezialpreis. Beim Filmfestival in Vilnius war Beatrix in der Schiene European Debut Competition zu sehen. 

 

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch