Ein Atem – Gefangen im Patriarchat

Kind oder Karriere – das ist die Frage, die sich angeblich jede Frau in ihrem Leben einmal stellen muss. Vielleicht stimmt das sogar. Vielleicht ist das wirklich ein Problem unserer Gesellschaft, das es zu lösen gilt. Aber Christians Züberts Film Ein Atem wird uns dabei nicht helfen.

Zwei Frauen, zwei Kinder, zwei Karrieren

Züberts Geschichte zweier ungleicher Frauen und ihrer (ungeborenen) Kinder macht vieles richtig und doch so viel falsch. Zübert erzählt von der jungen Griechin Elena (Chara Mata Giannatou), die vor den prekären Verhältnissen ihrer Heimat nach Deutschland flieht, um dort ein besseres Leben zu führen. Doch eine ungeplante Schwangerschaft droht ihr einen Strich durch die Rechnung zu machen. Und wie soll sie an das Geld für eine Abtreibung kommen? Als Kindermädchen der wohlhabenden Kleinfamilie von Tessa (Jördis Triebel) wird Elena schließlich mit eben jenen Verhältnissen konfrontiert, nach denen sie sich sehnt: ein großes Loft, Bio-Nahrung für das Kleinkind und alles was mensch sich sonst noch für Geld kaufen kann. Und so beginnt sich auch ihre Einstellung zur eigenen Schwangerschaft zu verändern.

© Wild Bunch

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Aber ist das Leben der beruflich erfolgreichen, wohlhabenden Tessa wirklich so einfach? Es gehört zu den stärksten Momenten des Films, wenn die Erzählperspektive von Elena zu Tessa wandert, dem Publikum Einblick in die Zerrissenheit der berufstätigen Mutter gewährt – in ihre Selbstzweifel, aber auch die mal mehr, mal weniger subtilen Anschuldigungen ihres sozialen Umfelds.

Warum Geld nicht alle Probleme löst

Als sich die Hierarchie zwischen Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin aufzulösen beginnt, Tessa ihren Schutzwall aus Überheblichkeit und Kontrollsucht vorsichtig ablegt und sich eine zärtliche Frauenfreundschaft andeutet, begeht Christian Zübert einen großen Fehler. Er beschließt sein sanftes, psychologisches Drama durch eine unerwartete Krise künstlich zu intensivieren. Von diesem Moment an, geht es nicht nur mit den Hauptfiguren, sondern auch mit Ein Atem stetig bergab.

Weil die kleine Lotte in einem kurzen unbeobachteten Moment aus dem Kinderwagen entführt wird und Elena bereits ahnt, wie die Mutterlöwin Tessa fauchen wird, ergreift das überforderte Kindermädchen die Flucht. Dies wiederum interpretiert Tessa als eindeutiges Zeichen für die Schuld Elenas und reist ihr nach, um die bösartige Entführerin zu stellen.

© Wild Bunch

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Was sich nun ereignet, ist aus vielerlei Gründen problematisch. Ein Atem bleibt in eben jenem patriarchalen System stecken, das der Film zu kritisieren versucht. Während sich die Vorwürfe mehren, Tessa hätte niemals wieder arbeiten gehen dürfen, und sich die arme Frau zusätzlich zu den Sorgen um die Tochter auch noch mit Selbstzweifeln quälen muss, bleibt Vater Jan (Benjamin Sadler) stets eine integre Randfigur. Weder den Protagonist_innen der Geschichte, noch dem Film selbst kommt in den Sinn, dass ja auch er beruflich hätte kürzer treten und eine Vaterrolle übernehmen können, die über eine Gute-Nacht-Geschichte und Ratschläge (oder Anordnungen?) an die Kindsmutter hinausgeht. Zwar deutet sich kurz das Ungleichgewicht dieser Beziehung an, wenn Jan seiner Gattin noch einmal darlegt, das sein Einkommen doch für beide reiche, doch wird Tessas nachvollziehbare Abwehrreaktion durch einen hysterischen Ausbruch unterminiert. Ihre Wut, ihr Schmerz, ihre Verzweiflung, die schließlich zu ihrer Reise nach Athen führen, stößt weder auf Seiten ihres Umfelds noch des Films auf Verständnis. Und so bleibt Tessa auch für die Zuschauer_innen vor allem eins: eine ziemlich hysterische Frau*.

Ich kann es gar nicht oft genug sagen: Hysterie entsteht NIEMALS im luftleeren Raum, sondern immer dann, wenn jemand unbedingt gehört werden will und jemand anderes unbedingt nicht hören will. Mit seiner Mär der pathologischen Hysterie hat Freud den Grundstein für eine Jahrzehnte, vermutlich Jahrhunderte lange Diskriminierung von Frauen* gelegt.

Stillstand statt Lösung

Tessas „emotionale Instabilität“ bleibt nicht das einzige Problem des Films. Als problematisch erweist sich auch, dass die Frauen* der Geschichte permanent durch die Männer* dirigiert werden, ohne dass dies sichtbar in Frage gestellt würde. Sie hören, was eine gute oder schlechte Mutter ist, wie sie sich zu verhalten haben, welche Schritte gegangen werden müssen. Grenzt sich Elena zu Beginn noch erfolgreich von ihrem Freund Costas ab, fügt sich Tessa in Athen kommentarlos den Anweisungen ihres männlichen* Dolmetschers. Eine besonders brenzlige Situation ergibt sich, als dieser sie gegen ihren Willen statt ins Hotel in seine Wohnung bringt. „Sie kommen jetzt mal mit zu mir“ – das ist alles, was es braucht, um Tessas Wunsch zu übergehen. Und Christian Zübert kommt auch nicht in den Sinn, diesen Übergriff auch nur ansatzweise als einen eben solchen zu inszenieren.

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An dieser Stelle zeigt sich das strukturelle Problem des Films sehr deutlich. Während auf inhaltlicher Ebene die unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Anforderungen an die Frauen* der Geschichte durchaus problematisiert werden, versäumt Ein Atem, seinen Blick auch auf die Männer* zu richten. Tessas Ausweglosigkeit, die Falle, weder eine gute Mutter noch eine erfolgreiche Geschäftsfrau* sein zu können, ist ausschließlich ihr Problem. Die Rolle des Vaters bleibt in dieser Konstellation vollkommen unberücksichtigt. Vor diesem Hintergrund ist es mehr als nur blanker Hohn, wenn Partygäste ausschließlich Tessa und nicht Jan dafür loben, wie sie „das alles“ schaffe, denn auch der Film scheint eine veränderte Rollenverteilung nicht als valide Lösung anzusehen.

Auch die zunächst so emanzipierte Elena endet als abhängiges Opfer. „Hättest Du für mich gesorgt, hätte ich nicht gehen müssen“, wirft sie ihrem Freund vor und zementiert damit eben jene patriarchale Struktur, gegen die sie sich 60 Filmminuten vorher noch so erfolgreich gewehrt hat. Dieser Satz bleibt derart unkommentiert im Raum stehen, dass er das traditionelle Rollenverständnis – der Mann als Versorger, die Frau als Versorgte – nicht kritisieren, sondern nur festigen kann.

Wenn die sich die Filmhandlung von Elena verabschiedet, geschieht dies im Moment ihrer größten Schwäche und Aussichtslosigkeit. Ihre Flucht aus dem Patriarchat hat ihr nur Schmerz und Unglück gebracht. Vielleicht wäre es besser gewesen – so die unausgesprochene Moral des Films – sie wäre brav bei ihrem Mann geblieben. So wie Tessa, die in Jans Arme zurückkehrt. „Wir haben wirklich Glück“, spricht sie. Damit meint sie ihre finanzielle Absicherung. Als wäre es ausschließlich das Geld, das sie am Ende zur Gewinnerin, Elena aber zur Verliererin macht.

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Nein, lieber Christian Zübert. Nein, liebes Patriarchat. Geld ist nicht die Lösung und Armut ist nicht die Wurzel allen Übels, sondern nur ein weiteres Symptom. In der Auflösung der Geschichte, in der Verurteilung Elenas zum ewigen Opfer, liegt sowohl eine große Portion westlicher Oberschicht-Arroganz, wie auch ein klassischer, patriarchaler blinder Fleck.

Sexismus ist das Problem. Antiquierte Konstruktionen – ja Konstruktionen! – von Geschlechterrollen sind das Problem. Und so ist auch das Überwinden von Sexismus die eigentliche Lösung: Wäre Jan ein Vater gewesen wie Tessa eine Mutter ist, hätte es keinen Grund zu „Hysterie“ gegeben, keinen Konflikt mit Elena, keinen Grund zur Flucht nach Athen und auch kein konstruiertes Drama.

Aber diese Lösung bietet der Film nicht an. Ein Atem sucht eine Antwort auf die „Kind oder Karriere“-Frage anstatt einen Ausblick auf eine Gesellschaft zu geben, in der sich diese Frage gar nicht mehr stellt.

Hysterie entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern immer dann, wenn jemand unbedingt gehört werden will und jemand anderes unbedingt nicht hören will!

Kinostart: 28. Januar 2016

Autor

Sophie Charlotte Rieger
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