Der Sommer mit Anaïs – Unverhohlene Liebe für die Jetztzeit

Anaïs (Anaïs Demoustier) geht durch die schönen Pariser Straßen mit dem Selbstbewusstsein einer Person, deren Freundschaften, Beziehungen und Bekanntschaften sich um sie drehen und nicht umgekehrt. Sie ist das Zentrum der Welt, alle anderen werden von ihr angezogen und haben Mühe, mit ihr Schritt zu halten. Mit 30 ist die Welt eine Bühne für sie, und obwohl ihre ethischen Grundsätze nicht explizit genannt werden, erweckt sie den Eindruck, als lebte sie im Hier und Jetzt und als genieße sie jede Sekunde, gleich sie ihre letzte wäre. Vergnügen und Selbstverwirklichung sind ein und dasselbe. In Der Sommer mit Anaïs trifft dieser Hedonismus auf Emilie (Valeria Bruni-Tedeschi) und Daniel (Denis Podalydès), deren Leben als erfolgreiche Erwachsene durch das Zusammentreffen mit Anaïs in Frage gestellt wird. Charline Bourgeois-Tacquets vertrautes, aber gekonntes Debüt, das 2021 in Cannes uraufgeführt wurde, gewinnt viel durch die Darstellung seiner Hauptfigur in all ihrer Respektlosigkeit und Lebenslust, durch den Respekt vor dieser Lebensweise, die andere hart verurteilen, die sich aber immer wieder Raum für Fehler lässt.___STEADY_PAYWALL___

© Les Films Pelléas – Année Zéro

Sie rennt und rennt von der Uni zu einer Villa, von ihrer Wohnung zu ihrem ehemaligen Ehemann. Aber obwohl das Leben auf den ersten Blick ein Weglaufen vor etwas zu sein scheint, ist Anaïs Absicht, vor nix wegzulaufen, Furchtlosigkeit angesichts von Herausforderungen zu zeigen, vor denen andere vielleicht weglaufen. Wenn die Dinge zusammenbrechen, dann aus dem Gefühl heraus, dass sie schon immer hätten zusammenbrechen müssen, sie hat sie einfach geschehen lassen und sie haben ihren natürlichen Lauf genommen. Kein Ding. Was als nächstes kommt, ist jetzt. Unser Zeitgefühl wird durch die zahlreichen Läufe beeinflusst, die Anaïs auf der Suche nach dem Rausch unternimmt, der das Leben lebenswert macht. Der Film verläuft in ihrem Tempo. So lernen wir ihren ehemaligen Ehemann als eine Figur kennen, über die Anaïs Macht hat. Er folgt ihr, wird wütend, passt sich ihr aber schließlich an. Die Frustration und die Zuneigung, die er zeigt, sind die bestimmende Stimmung im Gespräch mit Anaïs, ihre Existenz ein seltsamer Attraktor, Systeme (Familie, Freund:innen, Beziehungen) neigen dazu, sich um sie herum zu entwickeln, wegen ihr, aber die Dynamik ist chaotisch und führt zu Momenten von unvergleichlicher Schrecklichkeit und Schönheit zugleich.

Der Widerspruch zwischen dem, was Anaïs von der Welt verlangt und dem, was die Welt ihr gibt, treibt den  Der Sommer mit Anaïs an, dessen Intimität sich in Affektbildern entfaltet. Vor allem die Nahaufnahmen der ausdrucksstarken Gesichter von Anaïs und Emilie arrangieren Intimität als Komplizenschaft, eine Rebellion gegen die sich ständig bewegende Welt, die subtile Gefühle in Blicken vermittelt. Für eine Person, die in einem Zustand des unaufhörlichen Laufens gefangen ist und immer wieder Wege findet, sich mit minimalem Schaden daraus zu befreien, ist Emilie sowohl Vergangenheit als auch Zukunft, ein Objekt der Faszination und ein Werkzeug der Dekodierung für Anaïs ruhelose Individualität. Anaïs Persönlichkeit ist umso aufschlussreicher, wenn sie mit Menschen interagiert, die sie als Brennpunkte in ihrer subjektiven Ökologie betrachtet: ihre Eltern und Emilie, die beide Licht in ihre Weltsicht bringen, sei es durch die Harmonie, die sie ihr bringen und die auch in schlechten Zeiten nicht gestört zu werden scheint (Eltern), oder durch die Konfrontation mit einer ebenso starken Persönlichkeit (Emilie).

© Les Films Pelléas – Année Zéro

In ihrer Rezension des Films verweist die Filmkritikerin Kayla McCulloch auf den von David Ehrlich geprägten Begriff des „Girl mit dem zerbrochenen iPhone-Bildschirm“, der eine Weiterentwicklung des „Manic Pixie Dream Girl“ darstellt und Ähnlichkeiten mit diesem Begriff aufweist. Die betreffende Figur bleibt in der Regel hinter ihren Möglichkeiten zurück, ist chaotisch, hat nicht viel Geld und vermittelt dem Publikum ein relativ stabiles Gefühl. Der Unterschied zum Manic Pixie Dream Girl besteht jedoch darin, dass sie die Figur in ihrer eigenen Geschichte ist. Sie ist schusselig, aber ihre Existenz ist nicht von einem Dude abhängig. Vielmehr begibt sie sich auf ihre eigene Reise, eine Reise, die das Manic Pixie Dream Girl nur anderen Dudes erlaubte. Sie ist ein Mensch mit echten Gefühlen, schreibt Ehrlich, und das zerbrochene Handy erinnert sie daran, dass jeder Versuch, sich mit der Welt zu verbinden, das Risiko birgt, sich selbst zu schaden. McCulloch sieht in Der Sommer mit Anaïs jedoch eine Weiterentwicklung dieser Trope, und zwar in dem Sinne, dass die Figur nicht den Wunsch verspürt, sich mit der Welt zu verbinden, sich anzupassen, sich von den Selbstzweifeln geplagt zu sehen, sich für diese Welt zu verändern. 

© Les Films Pelléas – Année Zéro

Und in dieser Verweigerung findet sich Der Sommer mit Anaïs eher als Komödie mit dramatischen Elementen wieder, denn als eine durch und durch dramatische Erkundung einer Frau, die sich mit der Welt auseinandersetzen muss. In einer Szene, als sie koreanischen Untermieter:innen ihre Wohnung zeigt, spricht sie komplett französisch, obwohl ihre Gesprächspartner:innen nichts davon verstehen, sie gibt nur zwischendurch zu, dass sie es tut, und beschwert sich dann wieder in ihrer Muttersprache. Diese Weigerung, sich anzupassen, wird letztlich durch die Liebe herausgefordert, und man könnte sagen, dass sie nur durch die Liebe herausgefordert werden kann. Aber wenn Liebe ohne Risiko ein Ding der Unmöglichkeit ist, wie der Philosoph Alain Badiou meint, was ändert sich dann am Bild der Liebe, wenn sie immer und überall zum Risiko wird? Charline Bourgeois-Tacquets Debüt lässt Anaïs diese Möglichkeit bis zu ihrem stellvertretenden, andersartigen Ende ausloten, ein Akt der Emanzipation durch Verweigerung, den der Film zulässt, nicht ohne den weisen Hinweis, dass dies die Torheit der Jugend sein könnte. Wie die leider viel zu früh verstorbene Philosophin Gillian Rose in ihrem monumentalen Werk Love’s Work (1995) feststellte, besteht das Wachsen in der Fähigkeit zu lieben darin, endlich die eigenen Grenzen und die der anderen zu akzeptieren und trotzdem irgendwie verletzlich und sensibel zu bleiben. Die Anerkennung einer solchen Bedingtheit, schreibt Rose, ist die einzige Unbedingtheit der menschlichen Liebe. In ihrer Verleugnung und Ablehnung der Welt und ihrer Bedingungen, ihrer Art zu leben wie auch ihrer Art zu sterben, greift Anaïs auf die Liebe als ihren modus vivendi zurück. Vielleicht, wie bell hooks in Alles über Liebe (2000) es ausdrücken würde, greift Anaïs auf die Liebe als einzige Rettung angesichts unserer kollektiven Angst vor dem Tod zurück. Ähnlich wie Rose macht Anaïs das Leben von der Liebe abhängig, und wenn sie in dieser Welt überleben will, wenn sie weiterhin auf dieser Erde bleiben will, wird sie weiterhin Fehler in der Liebe machen, wie Rose treffend bemerkt, doch trotz der Schwierigkeiten, der Lektionen und der Fehler kann sie sich selbst nicht aufhalten, denn das ist ihr Leben. Die Arbeit der Liebe, die weit über den Sommer hinausgeht.

Kinostart: 21.07.

Giancarlo M. Sandoval macht siesen PhD in Film-, Medien- und Kulturwissenschaften an der Birkbeck University in London. Sier arbeitet u.a. bei Special Circumstances und ist Teil der Berliner „Neurodiverse Gemeinschaft“. Sier kommt aus Peru und lebt in Berlin, wo sier verzweifelt versucht, alle Kinos zu besuchen, um Filme zu schauen und darüber zu schreiben.