Booksmart

Wenn es um das eskapistische Potential von Filmen geht, sind Highschool-Komödien ganz vorne mit dabei. Sie belästigen uns selten mit Existenz- und Gesundheitsängsten, soziopolitischen Krisen oder humanitären Dilemmas. Stattdessen lenken sie für ein, zwei Stunden die Aufmerksamkeit auf die Suche nach der coolsten Clique an der Schule, die Frage nach dem besten Kleid für den Abschlussball oder die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen schüchternen Mauerblümchen und erfolgreichen Footballspielern. Sie sind damit einer der einfachsten und gemütlichsten Wege, um die eigene Stimmung anzuheben und unverfängliche Schaulust zu empfinden. Schade nur, dass ihre Geschichten dabei in den meisten Fällen mit billigen Klischees und fragwürdigen Vorstellungen von Liebe, Romantik und Freund:innenschaft einhergehen. Booksmart, das zugleich intelligente wie auch  unterhaltsame Regiedebüt von Olivia Wilde, kommt da gerade rechtzeitig, um das Image von Highschool-Komödien zu retten.

Die Geschichte des Films spielt in den letzten Zügen des Abschlussjahres der beiden Freundinnen Amy (Kaitlyn Dever) und Molly (Beanie Feldstein). Beide haben den Großteil ihrer Schulzeit mit Lernen und feministischem Engagement verbracht und werden nach den Ferien an verschiedenen Eliteuniversitäten studieren. Als “Streberinnen” haben sie ein gutes Verhältnis zu den Lehrenden und eine Feind:innenschaft mit den coolen Kids. So weit, so typisch. Als Molly bei einer Konfrontation mit einigen ihrer verhassten Mitschüler:innen erfährt, dass diese ebenfalls an renommierten Universitäten angenommen wurden und eine erfolgreiche Zukunft vor sich haben, kann sie es nicht glauben. ”Während ihr gelernt habt, wie ihr jemandem einen runterholt, habe ich meinen Notendurchschnitt leicht angehoben und damit werde ich nächstes Jahr in Yale weitermachen.” – “Ich gehe auch nach Yale. Ich bin zwar nur Meisterin im Runterholen, aber ich hatte auch einen fast perfekten Uni-Test.” Mit diesem Dialog bricht Mollys Weltbild zusammen. Ihr wird klar, dass die stereotype Ordnung von “uncool und intelligent” und “cool und dumm” nur eine Illusion ist und ihr jahrelanger Verzicht auf Partys, Sex und Drogen vollkommen umsonst war. Verzweifelt fassen sie und Amy deswegen den Plan, es in der letzten Nacht vor dem Abschlussball nochmal so richtig krachen zu lassen.

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Ein Schüler skatet durch einen Schulflur. Dabei benutzt er einen Feuerlöscher zum Antrieb.

© ANNAPURNA PICTURES, LLC

Obwohl der Film Wert auf eine innovative und progressive Charakterzeichnung legt,  verläuft die Handlung des Films recht klassisch. Auf ihrer Tour durch das nächtliche Partyleben treibt die beiden Protagonistinnen nämlich nicht nur der Wunsch an, ihre Versäumnisse nachzuholen, sondern auch die heimliche Verliebtheit in ihre doch recht gegensätzlichen Objekte der Anbetung. Molly gesteht sich ein, auf ihren Sportler-Klassenkameraden Nick zu stehen, während Amy schon lange ein Auge auf die tätowierte Skaterin Ryan wirft. So stellt sich ihre Suche nach der richtigen Party gleichzeitig auch als eine Auseinandersetzung mit ihrem  Begehren raus, denn je näher sie den beiden kommen, desto stärker müssen Molly und Amy ihre stereotypen Vorannahmen in Frage stellen.

Die Schülerin Gigi sitzt im Fensterrahmen eines Autos. Sie trägt einen extravaganten Pelzmantel.

© ANNAPURNA PICTURES, LLC

Dem Film gelingt es dabei wunderbar, das Publikum abzuholen und auf diese Reise mitzunehmen. Durch seinen subversiven Umgang mit Stereotypen und Klischees des Highschool-Genres ist das Geschehen nicht nur für Molly und Amy eine neue Erfahrung, sondern auch für die Zuschauenden. Beide Protagonistinnen sind sich ihrer durch die Popkultur geformten Vorurteile durchaus bewusst und entdecken immer mehr, wie unsinnig diese doch sind. So wehrt sich Molly zuerst gegen die Erkenntnis, in Nick verliebt zu sein, denn er sei der “coole Sportler” und sie die “hässliche Streberin” – das passe einfach nicht. In jedem anderen Highschoolfilm käme Nick als Symapthieträger nicht in Frage, in Booksmart stellt er sich jedoch als vielschichtiger, interessanter Charakter heraus, der sogar Molly mit seiner positiven Ausstrahlung überrascht. Momente der Überraschung und Enttäuschung sind dabei so authentisch inszeniert, dass Booksmart es schafft, in seiner überwiegend komödiantischen Stimmung noch reichlich andere Emotionen zu transportieren. Der Film ist erbaulich, wenn er die bedingungslos solidarische  Freundinnenschaft zwischen Molly und Amy in den Mittelpunkt stellt. Er ist tragisch, wenn die beiden sich der Tatsache stellen müssen, dass sie in Zukunft ohne einander auskommen müssen. Und er ist herzzerrreißend, wenn ihre Schwärmereien nicht den gewünschten Lauf nehmen. Kurzum: Olivia Wilde beweist sich mit Booksmart als Multitalent der Gefühle.

Molly und Amy stehen vor den Spinden in der Schule.

© ANNAPURNA PICTURES, LLC

Der Film kommt natürlich nicht ganz ohne Konventionen und Klischees des klassischen Highschool-Films aus, doch schafft er es, sich diese einerseits für den eigenen Witz und andererseits auch für eine publikumsfreundliche, popfeministische Agenda zu eigen zu machen. So entsteht aus einem unfreiwilligen Drogentrip ein amüsanter Kommentar über unrealistische Körperideale oder ein dilettantisch geplanter Überfall endet in der Belehrung über die Gefahr sexueller Übergriffe. Doch trotz dieser ernsten Themen verliert der Film nie seinen markanten Humor, der eine perfekte Mischung aus absurder Situationskomik und intelligentem Dialogwitz ist.

Es mag ironisch anmuten, dass mit der Schauspielerin Beanie Feldstein gerade die jüngere Schwester von Jonah Hill auftritt, ist dieser doch noch vor wenigen Jahren das Vorzeige-Gesicht für heteronormative und männlich dominierte  Buddymovies und Teeniekomödien gewesen, in denen Frauenfiguren oft nichts anderes waren als hübsches Beiwerk oder nützliche plot devices. Indessen ist zu hoffen, dass mit Booksmart jetzt eine neue Ära eingeleitet wird: eine Ära des Abschieds von billigen und sexistischen Stereotypen und des Einzugs von feministischen Komödien in die Mainstreamkinos. Die Qualität dafür hat der Film definitiv und mensch kann Olivia Wilde nur danken für diesen Vorstoß. Das Fazit, das Protagonistin Molly schon während des Films über die beiden Freundinnen zieht, kann dabei genauso gut als Fazit über den Film wiederholt werden: “Wir sind nicht eindimensional. Wir sind smart und witzig und die müssen es erfahren.”

DVD-Start: 10.04.2020

Sophie Brakemeier
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