Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde

Erst im Alter von über 80 Jahren erzählt Marthe Hoffnung Cohn zum ersten Mal ihre beeindruckende Lebensgeschichte: Als französische Jüdin floh sie vor den Nazis, überlebte und meldete sich nach der Befreiung von Paris als Freiwillige für die Armee und wurde Spionin. Es habe sie einfach niemand gefragt, niemand wollte über den Krieg reden, erklärt sie ihr langes Schweigen. Umso bedeutender scheint es, dass Nicola Hens nun mit dem Dokumentarfilm Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde das Leben von  Marthe Hoffnung Cohn auf die Kinoleinwand bringt.

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Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde wurde begleitet Marthe Hoffnung Cohn auf ihren Vortragsreisen durch Europa und zeigt dabei den Weg von ihrem Geburtsort Metz über Poitiers nach Südfrankreich in die sogenannte Freie Zone, ein von Deutschland unbesetztes Gebiet Frankreichs. Im Mittelpunkt des Films steht ganz klar die Lebensgeschichte Marthe Hoffnung Cohns. Die Aufnahmen folgen ihrem Lebensweg chronologisch, sie selbst erzählt ihre Geschichte aus dem Off und in kurzen Interviewsequenzen.

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Einzelne Episoden unterstreicht Nicola Hens mit Illustrationen. Die Aquarellzeichnungen ergänzen die  Erzählung Marthe Hoffnung Cohns assoziativ, der Fokus bleibt aber stets auf dem Voice Over der Protagonistin. Die animierten Zeichnungen deuten Figuren und Landschaften lediglich an, versuchen aber nicht, historische Szenen realistisch nachzustellen. Es bleibt den Zuschauer*innen überlassen, sich das Geschehene vorzustellen. Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde inszeniert die Geschichte Hoffnung Cohns wenig effektheischend und verleiht den Worten seiner Protagonistin dadurch noch mehr Gewicht. Die Zuschauer*innen müssen das Leid französischer Jüd*innen und die Brutalität der Shoah¹ nicht sehen, um Empathie und Anerkennung für Marthe Hoffnung Cohn zu empfinden.

Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde blendet Gegenwart und Vergangenheit ineinander. Im Hintergrund aktueller Aufnahmen friedlicher Plätze ist das bedrohliche Marschieren von Soldatenstiefeln zu hören. Historische Aufnahmen der Wehrmacht legen sich über die Gegenwart. Diese fließenden Übergänge verdeutlichen, dass ein Schlussstrich keine Option ist. Gedenken und Erinnern sind notwendig in einem Kampf gegen rechte Ideologien. Zeitzeug*innen wie Marthe Hoffnung Cohn leisten dabei einen wertvollen Beitrag.

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Im Vordergrund stehen immer die Opfer, nicht die Täter. Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde zeigt Fotos von Freund*innen sowie Familienmitgliedern Marthe Hoffnung Cohns und erzählt von rauschenden Geburtstagsfesten. In einer Aquarellillustration tanzt die gerade 21 Jahre alte Marthe mit ihrem ersten Partner Jaques über die Leinwand. Die Leichtigkeit dieser Jugenderinnerung steht im Kontrast zu dem unfassbaren Leid, das Marthe Hoffnung Cohn als Jüdin im Besetzten Frankreich erlitt und gehört doch ebenso zu ihrer Geschichte.

Nicola Hens begleitete ihre Protagonistin, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits über 90 Jahre alt ist, über einen Zeitraum mehrerer Jahre bei Vortragsreisen durch Europa und betrachtet sie im Ganzen: Die Zuschauer*innen lernen die unterschiedlichen Facetten der Überlebenden, der Verfolgten, der Verliebten, der Spionin kennen. Der Dokumentarfilm greift im Titel und in den Äußerungen Cohns darüber, warum sie erst spät ihre Geschichte erzählte (“Es hat einfach niemand danach gefragt”) eine Zurückhaltung auf, die so gar nicht zu der resoluten Frau passen will, die den Alliierten kriegsentscheidende Informationen überbrachte und mit fast 100 Jahren quer durch Europa tourt. Indem Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde diese verschiedenen Charakterzüge und Entwicklungen aufzeigt, wird der Film Marthe Hoffnung Cohn als Person gerecht.

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Gerade in einer Zeit in der immer mehr Zeitzeug*innen sterben, während Rechte weltweit auf dem Vormarsch sind, kann Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde einen wichtigen Beitrag für eine lebendige Gedenkkultur leisten. Hinter der kaum greifbaren Zahl von 6 Millionen Opfern der Shoah verbergen sich individuelle Lebensgeschichten wie die von Marthe Hoffnung Cohn. Ihre Geschichte erzählt von Leid und Verfolgung, aber auch von Widerstand. Chichinette – Wie ich zufällig Spionin wurde porträtiert eine Kämpferin und bricht mit dem verbreiteten Narrativ, Jüd*innen hätten sich “wie Lämmer zur Schlachtbank treiben lassen”. Es ist bezeichnend, dass ein adliger Wehrmachtsoffizier in Deutschland zum Symbol des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus erhoben wurde, während Akteur*innen des jüdischen Widerstands oftmals unerwähnt bleiben. Mit Marthe Hoffnung Cohn zeigt der Film eine nahbare Heldin, in der Antifaschist*innen und Feminist*innen ein ermutigendes Vorbild finden können.

¹“Aufgrund der problematischen Bedeutung des Begriffs „Holocaust” für jüdische Überlebende, begann man gegen Ende der 1970er Jahre, das Wort „Holocaust” durch das Wort „Shoah” zu ersetzen. „Shoah” kommt aus dem Hebräischen und heißt „Katastrophe”. Generell meint man mit Shoah die ideologisch vorbereitete und industriell durchgeführte Vernichtung von sechs Millionen Juden und Jüdinnen während der Zeit des Nationalsozialismus.” https://www.yadvashem.org/de/holocaust/lexicon.html 

Kinostart: verschoben

Lea Gronenberg
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