Blockbuster-Check: Alita: Battle Angel

von Sophie Charlotte Rieger

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe.

Achtung: Auf Grund der Herangehensweise kann der Blockbuster-Check nicht spoilerfrei sein

Held_innen

Alita (Rosa Salazar) ist ohne Einschränkung die Heldin dieses Films. Er erzählt ihre Geschichte und alle übrigen Figuren sind im Grunde Beiwerk. Trotz Alitas kindlichen Aussehens, was insbesondere in ihren männlichen* Begleitern stets den – stereotyp gedacht – ureigenen Beschützerinstinkt weckt, benötigt sie keinen edlen Ritter in der Not. Im Gegenteil ist Alita mehrfach diejenige, die anderen zur Hilfe eilt und ohnehin all ihren Mitstreitern körperlich überlegen ist.

Ihre Tendenz, allen helfen zu wollen, hat jedoch auch einen unangenehm sexistischen Beigeschmack. Alita ist vor allem eines: herzensgut. Sie setzt sich für Gerechtigkeit und sogar für Straßenhunde ein. Ihre Aufopferungsbereitschaft kennt keine Grenzen. Merkwürdiger Weise wirkt das in Alita: Battle Angel jedoch nicht heldinnenhaft, sondern auf demütige Weise selbstlos: Sie stellt ihr persönliches Wohl hinter das anderer Menschen zurück und ist überaus sozial – so wie Frauen* halt sind.

Trotz ihrer Stärke und Präsenz in der Geschichte bleibt es schwierig, Alita als emanzipatorisch wertvolle Identifikationsfigur zu betrachten. Das hat weniger mit ihrem maschinellen Cyborg-Körper zu tun und mehr mit der Tatsache, dass sie in zwei Stunden Film keinerlei Persönlichkeitsentwicklung durchläuft. Ohne moralischen Konflikt bleibt sie von der ersten bis zur letzten Minute eben jene engelsgleiche Figur, die schon der Titel heraufbeschwört.

Als Gegenbeispiel fungiert ihr Sidekick und Love Interest Hugo (Keean Johnson), der sich auf Grund der Bekanntschaft mit Alita entschließt, seine kriminelle Karriere an den Nagel zu hängen und auf die Seite des Guten zu wechseln. Dass er trotz weniger Screentime damit als interessantere Figur erscheint, zeigt sehr deutlich, was einen Menschen ausmacht: Fehler. Dass sie keine Fehler und Schattenseiten besitzt, macht Alita zu einer Maschine, einer Plotmaschine, die zwar als Hauptfigur einer Geschichte fungiert, dabei aber letztlich eine völlig uninteressante Schablone bleibt.

© 20th Century Fox

Emanzipatorisch ist Alitas Weg am Ende allerdings doch. Während sie zu Beginn von ihrem Ziehvater Dr. Ido (Christoph Waltz) noch bevormundet wird, erkämpft sie sich zunehmend Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, auch was ihren Körper angeht. Es ist fast schon ein feministischer Zaunpfahlmoment nach dem Motto „Mein Körper gehört mir“, wenn sie Dr. Ido auffordert, sie mit einem spezifischen Roboterskelett auszustatten. Allerdings bezweifle ich, dass sich Regisseur Robert Rodriguez dieser Aussage bewusst ist.

Allerdings ist der Fokus auf Alitas Körper in sich schon wieder eine zweifelhafte Angelegenheit. Denn auch für den zentralen Konflikt des Films ist ihre Physis weitaus bedeutender als ihre Persönlichkeit. Auch dies trägt zur fehlenden Identifikationsfläche bei: Wir können uns eben nur schwerlich in einen Körper und leichter in eine Person einfühlen!

© 20th Century Fox

Gegenspieler_innen

Auf der Seite der Gegenspieler_innen zeigt sich ein sehr klassisches Bild: Frauen* treten nur als Handlangerinnen auf. Die Strippen des Bösen ziehen Männer* und zwar aus dem simplen Grund, dass sie böse sind. Wie beispielsweise auch Ant-Man and the Wasp erliegt Alita: Battle Angel der Versuchung, der einzigen Bösewichtin des Plots eine tragische Backstory zuzuschreiben: Chiren (Jennifer Connelly) ist durch den Tod ihrer Tochter auf die schiefe Bahn geraten. Am Ende jedoch – und auch da bedient sich der Plot wieder eines sexistischen Stereotyps – erfährt sie aus demselben Grund schließlich eine Läuterung. „I’m a doctor and a mother“, erklärt sie selbst ihren Sinneswandel. Damit ist Mutterschaft explizit das entscheidende Charakteristikum dieser Figur, das gute wie böse Taten gleichsam motiviert.

© 20th Century Fox

Geschlechterrollen allgemein

Alita: Battle Angel spielt nicht nur in einem patriarchalen Universum, sondern spiegelt es auch in seiner Figurenaufstellung wider. Egal in welchen sozialen Gruppen, stets sind es die Männer,* die den Ton angeben und somit logischer Weise auch über deutlich mehr Dialog und Screentime verfügen als die weiblichen* Figuren. Auf der Seite des Bösen ist dies sehr deutlich, aber auch in anderen Sphären dominiert diese Rollenverteilung.

Am irrwitzigsten stellen sich die sexistischen Strukturen im Kontext von Dr. Ido dar. Er ist der Schöpfer, der Alita zum Leben wiedererweckt, und obwohl seine Ex, Cherin, ebenfalls eine begnadete Ärztin ist, beschränken sich deren Leistungen auf Reparaturen. Kreative Schöpfungsakte sind also auch in Alita: Battle Angel Männern überlassen. Aber es geht noch weiter, denn Dr. Ido steht eine Krankenschwester zur Seite, bei der es sich um die einzige Woman of Color handelt, die für diese Geschichte auch nur ansatzweise relevant wäre. Aber genau das ist es: ansatzweise. Es wirkt, als sei Nurse Gerhard (Idara Victor) nur zur Erfüllung irgendeiner Quote besetzt worden. Ihr Dialog passt vermutlich auf eine Visitenkarte und zur Entwicklung der Handlung weiß sie nichts, aber auch wirklich gar nichts beizutragen.

Schließlich herrschen die patriarchalen Strukturen auch in der Clique von Hugo, in der zwar quotenmäßige Mädchen* platziert sind, die jedoch ohne Namen und Dialog auskommen müssen. Somit bleibt Alita – von der Pseudo-Bösewichtin Cherin einmal abgesehen – im Grunde eine klassische „Schlumpfine“.

Aber noch etwas anderes irritiert an Alita: Battle Angel aus queerfeministischer Sicht immens, denn der Film verschweigt eine große und überaus wichtige Frage: Wieso braucht Alita als allein zu Kampfzwecken designter Cyborg überhaupt ein Geschlecht? Ihre sexuelle Identität gereicht ihr zu keinem Zeitpunkt zum Vorteil, hat keinerlei Einfluss auf ihre Fähigkeiten. Na klar, mögen manche jetzt sagen, genau das ist doch feministisch! Alita ist eine Frau* und kann trotzdem alles genauso gut wie oder auch besser als die Männer*. Und das ist zweifelsohne wahr. Aber weshalb müssen Roboter als Weiterentwicklung und Optimierung der menschlichen Physis denn überhaupt binäre Geschlechter verkörpern? Gibt es dafür irgendeinen Grund außer dem Ideengefängnis heteronormativer Denkstrukturen?

© 20th Century Fox

Intersektional

Die Repräsentation von nicht-weißen Menschen lässt in Alita: Battle Angel reichlich zu wünschen übrig, auch wenn Mahershala Ali immerhin als Bösewicht Vector auftreten darf, ist die Welt des Films doch eindeutig eine mehrheitlich weiße – und das obwohl es sich beim Ort des Geschehens angeblich um ein Refugium für Geflüchtete aus der ganzen Welt handelt. Merkwürdig, dass bis auf Vector trotzdem alle zentralen Figuren weiß sind.

Ein anderer Aspekt, der im Subtext des Films mitschwebt, ist das Thema Behinderung. So hat Dr. Ido für seine gehbehinderte Tochter einen Roboterkörper gebaut. Obwohl diese von der Hüfte abwärts gelähmt war, wären mit der Maschine auch ihr Torso und ihre Arme ersetzt worden. Dieses Vorhaben wird ohne jeden Zweifel präsentiert, als sei es selbstverständlich, dass jeder Mensch einen übernatürlich starken künstlichen Körper gegenüber einem in seiner Bewegung eingeschränkten natürlichen Körper bevorzugen würde. Das formuliert wenig subtil eine ziemlich vernichtende Botschaft über Körperbehinderungen.

Mit entsprechenden Brüchen in der Geschichte, die eine Meta-Ebene eröffnen könnten, ließe sich das als Kritik am zeitgenössischen Perfektionismus lesen. Denn geht es heute nicht gerade darum, immer gesund, sportlich und maximal belastbar zu sein? Oder anders gesagt: Effektiv wie eine Maschine? Dieser Optimierungsdiskurs wird in Alita: Battle Angel jedoch nicht kritisiert, sondern fortgeschrieben.

© 20th Century Fox

Dresscode und Sex-Appeal

An dieser Stelle wird es wohl niemanden mehr verwundern, dass die sexualisierenden Kameraeinstellungen und Kostüme in diesem Film den weiblichen* Figuren vorbehalten sind. Gleich zwei Bösewichtinnen werden – aus völlig unerfindlichen Gründen – in Strapsen gezeigt. Dabei handelt es sich in einem Fall sogar um einen blutrünstigen Roboter, als wäre Reizwäsche die logische Bekleidung für automatisierte Auftragskiller. Doch es geht mir nicht um das Entblößen einzelner Körperteile, sondern um die Inszenierung der Körper durch Kostüm und Kamera. Selbst wenn der wunderschöne und perfekt durchtrainierte Hugo, bei dem es sich ja eigentlich um das Objekt von Alitas Begierde handeln müsste, halbnackt auftritt, strahlt er keine Sexyness aus. Das ist nicht nur eine klassisch männliche* Blickperspektive im Mulvey’schen Sinne, sondern charakterisiert auch Alita als vollkommen unschuldig. Ihr Interesse an Hugo bleibt ein rein romantisches. Eine Sexualität besitzt sie – übrigens auch ganz physisch – nicht.

Weiterhin irritieren die großen Augen der Hauptfigur. Selbst ich weiß natürlich, dass es sich bei diesem Film um die Adaption eines Mangas handelt und damit um ein Genre, in dem übernatürlich große Augen ein stilistisches Charakteristikum darstellen. Allerdings erklärt dies keinesfalls, weshalb ausschließlich Alita und ihre in Rückblicken auftauchenden Kameradinnen über dieses Merkmal verfügen. Die großen Augen wirken kindlich und niedlich. Sie rauben der Kampfmaschine Alita beträchtlich viel Autorität und rechtfertigen die Übergriffigkeit ihres Ziehvaters, der sie mehrfach entmündigt – wie ein kleines Kind eben.

© 20th Century Fox

Dramaturgie

Alita ist Herrin ihrer Geschichte. Sie begibt sich auf eine selbstbestimmte Mission im Kampf gegen das Böse und setzt sich dabei auch über den Willen der männlichen* Figuren hinweg. Im zentralen Konflikt des Films nimmt sie jedoch eine eher passive Rolle ein. Für den Oberbösewicht spielt ihr Körper, nicht aber ihre Persönlichkeit eine Rolle, was Sinn macht, denn wie oben ausgeführt besitzt Alita im Grunde gar keine.

Entscheidend in Hinblick auf die strukturelle Macht, also ihren Einfluss auf den Verlauf der Geschichte, ist aber Alitas initiatives Handeln. Und so kann Alita: Battle Angel in der Kategorie Dramaturgie auch die meisten Punkte sammeln.

Botschaft:

Das eigentlich Interessante an weiblichen* Filmfiguren ist ihr Körper.

Gesamtwertung: 4

Von 0 (sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)