Berlinale 2022: Northern Skies over Empty Space

In letzter Zeit haben Regisseurinnen wie Jane Campion mit Power of the Dog oder Kelly Reichardt mit First Cow Repräsentationen traditioneller Männlichkeit in patriarchalen Settings neu bespielt. Auch in Alejandra Márquez Abellas Northern Skies over Empty Space beobachten wir knappe zwei Stunden einen Charakter, der den Mann spielt, den bereits sein Vater ihm vorlebte zu verkörpern: ein entschlossener Entscheidungsträger mit zielsicherem Schuss. Seine Ranch in einem verlassenen Gebiet Mexikos ist sein ganzer Stolz und das Revier, das er noch mehr als den heiligen Zusammenhalt der Familie bis aufs Letzte zu verteidigen weiß. 

Einen guten Teil ihrer Zeit verbringen Don Reynaldo, kurz Rey (Gerardo Trejoluna, dt. König) und seine Hausangestellte Rosa (Paloma Petra) auf den die Ranch umgebenden Ländereien, wo sich in der unendlichen Weite zwischen der flachen Flora einiges Wild herumtreibt. Die Eröffnungssequenz zeigt die beiden auf der Jagd in der prallen Sonne: In der sengenden Hitze konzentrieren sie sich auf den Blick durchs Visier, der uns durch gelegentliche Randverzerrungen in den Aufnahmen auch visuell vermittelt wird. Rosa schießt treffsicherer als Rey. Abella weiß bereits zu Beginn Spannung aufzubauen, ohne dass in dieser Szene für unsere Darsteller:innen direkt Gefahr im Verzug scheint: ein Stilmittel, mit dem sich der Film im Laufe seiner Handlung immer wieder bedient. Die Jagd ist erfolgreich und die beiden kehren in ihren Cowboy-Hüten und Jeans zurück zur Ranch, wo sich neben weiterer Verwandtschaft Frau, Töchter, Sohn, Stiefsohn und Enkelkinder Reys einfinden, denn es soll das lange Bestehen der kaum mehr bewirtschafteten Farm gefeiert werden. 

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© Claudia Becerril Agencia Bengala

Abella etabliert in der ersten Hälfte des Films durch atmosphärische Bilder das Narrativ einer Familiengemeinschaft, die sofort an Der Pate denken lässt und auch die Serie Narcos ins Gedächtnis ruft – für zwei Episoden der dritten Staffel führte sie Regie. In präzise eingerichteten Tableaus sitzt Don Rey umgeben von seinen Familienmitgliedern im Schatten und führt das Wort. Seine zentrale Positionierung im Bild und die Körperhaltung der ihn umgebenden Personen gleichen präzise komponierten Gemälden. Anlässlich des Jubiläums stellt sich die Frage, ob sein Sohn überhaupt interessiert ist an der Übernahme – scheint bereits spätestens, als er mit seinem Mini zwischen den SUVs einparkt und mit Baseball-Kappe statt Cowboy-Hut auftritt, deutlich, dass er sich mit dem Landleben oder Reys Vorstellung dessen nicht identifiziert. Alternative Nachfolgerin wäre Lily, eine von Reys über dreißigjährigen Töchtern, die zum Entsetzen ihrer Mutter nicht nur ein Nasenpiercing hat, sondern auch noch ein Tattoo. Sie sei doch gar zu „open-minded“ konstatiert der Schwiegersohn, der selbst ein Auge auf die Ranch geworfen hat und mit nicht spart, dem Don Komplimente hinterherzuwerfen.

Northern Skies over Empty Space konstruiert mit seinem Setting eine beinahe zeitlose Blase, die erst wieder durch glitzernde Smartphones, knallblaue Rollkoffer und „open-mindedness“ mit der Realität des 21. Jahrhunderts verschmilzt. Als der jüngste Enkel Reys weinend von der Schlachtung einer Ziege zurückkehrt, rät ihm die Familie nur „sei ein Mann“ und es wird erneut klar, welche dominanten Geschlechterbilder von Generation zu Generation unverändert tradiert werden. In der Familiengeschichte, die Rey stolz erzählt und von der er seinen Kindern abverlangt, sie genauso wiederzugeben zu können, kommt natürlich nur sein Vater vor, von Frauen keine Rede. Trotz Reynaldos Dominanz, körperlich verdeutlicht durch seinen breiten Gang, sind die Frauen an seiner Seite dennoch mehr als nur Beiwerk. Denn die Hausangestellte Rosa nimmt nicht nur die Position einer dem Patriarchen freundschaftlich nahestehenden Person ein, fast eine Art weiblicher Buddy, zugleich fungiert sie auch als Antagonistin, die Reys alleinigem Anspruch auf Heroismus entgegenwirkt. Diese ambivalente Verzweigung nimmt eine zentralen Platz in der zweiten Hälfte des Films ein.

© Claudia Becerril Agencia Bengala

Nach dem ersten Teil von Northern Skies over Empty Space nimmt die Handlung eine Wendung. Ein Truck mit zwei Männern stört Reys Familienfeier und verlangt indirekt nach Schutzgeld, das der ehrenhafte Rey unter keine Umständen zahlen möchte. Die beiden unbekannten Bewaffneten verlassen das Gebiet, doch von nun an ist klar, dass der Frieden nicht mehr garantiert ist. Ein Teil der Familie verlässt die Ranch auf anraten Reys, während Lily, Rosa und weitere Angestellte mit ihm zurückbleiben, um sich für die erwartbaren Angriffe zu wappnen. Reys Entschlossenheit sein sinkendes Schiff bis zum letzten Augenblick nicht zu verlassen, ist ihm von Beginn an von den Augen abzulesen, weil es genau seiner Verkörperung eines stolzen Mannes entspricht. Von diesem Moment an wird der weitere Handlungsverlauf recht vorhersehbar, sodass eher kleine, überraschende Momente und einzelne Gespräche, etwa zwischen Rosa und Rey oder Rosa und Lily helfen, diesen Teil interessanter zu machen. 

Die vier Frauen in Northern Skies over Empty Space verkörpern unterschiedliche Haltungen und Erfahrungswerte in Bezug auf Landleben, Partner:innenschaft, Zukunftsplanung und Schwangerschaft. Erwartungen gegenüber den Töchtern und ihrer Lebensführung in partnerschaftlichen Belangen sprechen nur die Mutter als auch Reys Schwiegersohn aus, dessen Kritik, dass Lily verschiedene Liebschaften habe, Rey gezielt beiseite schiebt. Sein Gestus lässt erkennen, dass er nicht derselben Meinung ist, denn er selbst kritisiert den Lebenswandel seiner Töchter nicht, lediglich Lilys Schusstechnik betrachtet er als noch nicht ausgereift. Rey performt durchgehend den furchtlosen König der Ranch, spricht aber den Frauen an seiner Seite nicht ab, gemeinsam mit ihm die Gewehre zu schultern. Tatsächlich basiert Northern Skies over Empty Space auf einem ähnlichen Vorfall, der sich 2010 in Mexiko ereignete

© Claudia Becerril Agencia Bengala

Abella gelingt es durch subtile Brüche und die Handlungsmacht von Personen unterschiedlicher Klasse, Gender und Ethnie der klassischen Erzählung von männlichem Heroismus etwas entgegenzusetzen. Sie besetzt Elemente des Westerns und des Mafiafilms neu, ohne die grundlegende Stimmung dieser Genres völlig auf den Kopf zu stellen. Die patriarchale Vereinnahmung von weiten leeren Räumen und Flächen – empty space – lässt sie von einer Gegen- und Mitspielerin durchkreuzen, deren Ambivalenz die vertraute Eintönigkeit tradierter Heldenfiguren bewusst werden lässt.

Alle Screenings auf der Berlinale 2022 findet ihr hier.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch