Almodóvars Parallele Mütter: Das Altmodische kehrt zurück

“Pues ya es hora que te enteres en qué país vives!” (“Höchste Zeit, dass du herausfindest, in was für einem Land du lebst!”), erklärt eine empörte Janis (Penélope Cruz) der naiven Ana (Milena Smit) auf dem Höhepunkt von Almodóvars neuestem Werk Parallele Mütter. Ein Melodrama, dessen Inspiration sich bei Telenovelas wie La Usurpadora oder Maria la del Barrio vermuten lässt, erzählt die Irrungen und Wirrungen der Fotografin Janis in Madrid, die neben ihrer Arbeit auch an einem Projekt zur Ausgrabung von Massengräbern aus dem Spanischen Bürgerkrieg beteiligt ist. Ihr Leben wird plötzlich durch eine (un)gewollte Schwangerschaft auf den Kopf gestellt, die mit der ebenfalls schwangeren und in Schwierigkeiten geratenen Ana verknüpft ist – und mit der Geschichte Spaniens. Der berühmte Filmemacher Pedro Almodóvar ist in seiner Laufbahn sowohl auf harsche Kritik als auch euphorisches Lob gestoßen, doch seine Fragen bleiben mit bestimmten Ausnahmen beinahe unverändert, seine künstlerischen Themen werden als zeitlos eingestuft. Was lässt sich über seine Variante des Feminismus aus heutiger feministischer Sicht sagen?

© El Deseo / Studiocanal 2021

Almodóvar versteht sich als einer der großen Feministen

Der in der typisch farbenfrohen Almodóvar-Küche stattfindende eingangs zitierte Tadel dient dazu, die Ironie des Persönlichen mit der des Historischen zu verbinden. Der sanfte wie auch überwältigende Moment zeigt die schauspielerische Finesse von Penelope Cruz, deren Janis zwischen einem persönlichen und gesellschaftlichen Geheimnis zwiegespalten ist, das die spanische Regierung nach Francos Bürgerkrieg durch den Pakt des Vergessens infam verborgen hatte. Die Szene zeigt aber ebenso Höhepunkte wie auch Schwierigkeiten von Almodóvars spätem Filmschaffen. Parallele Mütter ist ein Werk, das, so lässt sich anhand der inzwischen enormen Vielfältigkeit der akademischen Forschung feststellen, durch eine wilde Schöpfung und Mischung von Genres gekennzeichnet ist. Durch die Jahre hindurch fand der in Calzada de Calatrava geborene Regisseur Gefallen an der Widersprüchlichkeit seines kinematografischen Arsenals, das nun in sein fünftes Jahrzehnt der Expansion eintritt und keine Anzeichen eines Stillstands zeigt.

Aufgrund des La Movida, einer kulturellen Bewegung in Spanien, die nach dem Tod von Franco 1975 ins Leben gerufen wurde, wird der Regisseur als ein Beispiel kultureller Aufmüpfigkeit in Spanien betrachtet. Almodóvar, dessen Alleinstellungsmerkmal eine bunte, für die Augen fast bedrohliche Mischung aus Genres geworden ist, zielt darauf ab, die Rolle der Frauen als vollständige, vielfältige Menschen wiederherzustellen. Die Probleme und Sorgen der spanischen Frauen im Kino werden somit wieder zum Leben erweckt und zur Schau des filmischen Establishment gestellt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden zu immer wiederkehrenden Themen, und die Filme spielen auf unterschiedliche Weise mit den Grenzen zwischen Melodram, Komödie alter Schule, Horrorfilm und Charakterstudie. Was daraus entsteht, ist eine zutiefst durch Almodóvar geprägte Hybridität, die sowohl barocke Stilisierung (ein Drang zur Pomphaftigkeit, die “alle großen künstlerischen Abenteuer des Jahrhunderts in einer Geste zusammenfasst”) als auch postmoderne Verspieltheit vereint. Almodóvar versteht sich als einer der großen Feministen unter den Regisseur:innen, dessen Filme zweifellos dazu beigetragen haben, die Möglichkeiten der Darstellung von Frauen im spanischen Kino zu erweitern. Sein Einfluss lässt sich dabei bis zu einem gewissen Grad im internationalen Arthaus-Kino wiederfinden. In Almodóvars Werken erscheinen die Frauen nicht als bloße Bestandstücke einer Hollywood-Maschinerie, die eine degradierte Auffassung dessen verstetigt, was als “Frauenrolle” gilt. Sie erhalten eine Würde und einen Protagonismus, der jedoch seine eigene Problematik mit sich bringt.

© El Deseo / Studiocanal 2021

Die bloße Repräsentation von Frauen im Kino reicht nicht aus

Stark umstritten – die Stellung der Frau in den Filmen Almodóvars ist ein Thema, das die Frage nach seinen Verpflichtungen aufwirft. Sind die “Chicas Almodóvar” eine Projektionsfläche, die versucht, Gefühle gegenüber einer Mutterfigur zu untersuchen, oder sind sie in der Tat multidimensionale Figuren, die ein inneres Leben besitzen? Darauf gibt es keine endgültige Antwort, aber Kritiker:innen sind sich einig, dass die Komplexität von Almodovars Werk höchst problematische Aspekte aufwirft, die den Eindruck desselben als barock, aber prinzipientreu gefährden und es einer prinzipienlosen Verspieltheit, die keine Regeln kennt, näher bringen. “Ist dies Drama oder Komödie?” – die Frage wird zum Stand-in Almodóvars (in Gestalt eines gut gealterten Antonio Banderas) in Leid und Herrlichkeit gestellt und man könnte sich den Regisseur vorstellen, der mit “Beide” lachend antwortet. Dennoch lässt sich feststellen, dass die Spiele von Almodóvar Spiele sind, die zum Vergnügen des Publikums geschaffen wurden. Slow Cinema und Almodóvar vermischen sich nicht, obwohl sie in denselben Kreisen verkehren. Die “Lüge” der Erzählung und ihre Ausdrucksmöglichkeiten werden bis zum Äußersten ausgereizt, bis jedes Bild vor Bedeutung detoniert und jeder Schnitt die vorherigen Bilder in eine intellektuelle Montage verwandelt. Bei dieser Strategie werden die von Frauen gelesenen Figuren zu Bestandstücken in einer Maschinerie der Erzählung, einer Lüge, die wichtiger als jede Figur ist.

Der heutige/jetzige Almodóvar hat seine Methoden abgeschwächt. Nur noch die wesentlichen Moleküle sind übrig. Wo die früheren Werke von Komödiantik geprägt waren, bleibt jetzt die Komödie des Zufalls und der gut durchdachte und präzise Schnitt, mit dem in Parallele Mütter sogar das Vergehen der Zeit drollig sein kann. Während die mittlere Phase von Almodóvars Schaffen von einer in verschiedene Charaktere aufgespaltene Prahlerei geprägt war, behandelt die spätere Phase eine Auswahl an Charakteren, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen müssen. Sowie Almodòvar seine Methode modifiziert und verfeinert hat, haben sich auch die verschiedenen Diskurse um den Regisseur verändert, die nun den Regisseur mit einem noch kritischeren Blick betrachten. “Was einmal transgressiv war, ist heute eine vermarktbare Marke” schreiben Rosalind Galt und Karl Schoonover. Ihrer Auffassung nach, ist nicht ganz klar, “dass das Publikum diese Filme in erster Linie als ‘queer’ betrachtet, sondern einfach als schrullig, kultiviert, mutig und leicht kinky”. Die verschiedenen Diskurse, die sich mit Almodóvar befassen, versuchen zu anderen Theorien (und Kämpfen) überzugehen. Die bloße Repräsentation von Frauen im Kino reicht nicht aus, um als feministisch zu gelten und genau das Problem der Repräsentation kann auch an sich durch feministische Perspektiven problematisiert werden (Teresa Rizzo). Was bleibt danach vom Beitrag Almodóvars zum Feminismus?

© El Deseo / Studiocanal 2021

Rein in den Rahmen eines breiteren Diskurses, des Sozialen

We should all be feminists” trägt Janis auf einem T-Shirt, dessen Bedeutung sich in typischer almodóvarschen Manier auf keine Normativität bezieht, sondern in ein Spiel der Provokationen verwandelt, dessen Bedeutung sich vielleicht nie ganz entschlüsseln lässt. Sie muss, und dazu tragen die häufigen Auftritte des Regisseurs bei, ausdiskutiert werden. Kurz: raus aus dem Gefüge, das Almodóvar konstruiert hat und rein in den Rahmen eines breiteren Diskurses, des Sozialen, in dem sich Almodóvar entscheidend einmischen will. Allerdings lässt sich in diesem sozialen Rahmen, wie schon erwähnt, Almodóvars Feminismus durch eine gegenwärtige feministische Sicht als postfeministisch einordnen. Ein “Feminismus für die 99%”  (Arruza, Bhattacharya, Fraser), der auf Durchsetzungsvermögen, diskursive Repräsentation und sekundäre Änderungen abzielt, der diese Mittel als Selbstzweck betrachtet und womit sich der Neoliberalismus  (oder welcher Begriff auch immer am besten geeignet ist, um die permanenten Zuständen der Ausbeutung zu beschreiben) am besten verträgt. Um mit Carolin Wiedemann zu sprechen (und ihre Worten leicht zu verändern), könnte der Feminismus von Almodóvar als einer betrachtet werden, der die Gleichberechtigung der Geschlechter aufgrund formal gleicher Repräsentation (wo Männer im Narrativ sogar fast abwesend sind) für verwirklicht hält. Und so ignoriert er, dass “das Bild der Frau als Objekt, das dem Mann gefallen müsse, bestehen bleibt und damit sogar noch stärker wird” (aus “Zart und Frei”). Almodóvar tappt direkt in die Parasitenfalle, die Shulamith Firestone in ihrem The Dialectic of Sex. The Case for Feminist Revolution (deutsch: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution) etabliert hat. “Die (männliche) Kultur war (und ist) parasitär und ernährt sich von der emotionalen Stärke der Frauen ohne Gegenleistung”. Die knallharte Prosa Firestones, die die realen Bedingungen der Frauen auf den Punkt bringt, macht Almodovar zu einer Art Puppenspieler der Leben seiner Figuren, der ihre Symbole, Lebensgeschichten und Sorgen benutzt. Dies lässt sich von vielen Regisseur:innen sagen, doch das, was Almodóvar von anderen unterscheidet, sind die in seinem Werk kodierten Werte, die als progressiv gelten, aber zu einer altmodischen Haltung beitragen.

In seiner aktuellen Phase sind die wesentlichen Elemente von Almodóvar durch seine neu gefundene und konzentrierte Herangehensweise noch stärker zu erkennen, gleichzeitig kehrt aber der Drang zum Altmodischen zurück, der nun deutlicher zu sehen ist. Dieses altmodische Merkmal wurde von H. Louise Davis in früheren Werken zu Recht beobachtet und wird nun in dieser Phase fortgesetzt, indem es sich in der Form der Kernfamilie zeigt, deren grundlegende Variationen als persönliche und individuelle Entscheidungen gerechtfertigt werden, ohne den Gesamtrahmen zu kritisieren, in dem diese Entscheidungen getroffen werden. Nicht dass der Versuch nicht gewagt wurde. In Parallele Mütter sind diese persönlichen Entscheidungen vor dem Hintergrund des Pakts des Vergessens zu verstehen, dessen Bedeutung Janis den Mut gibt, zweimal alleinerziehende Mutter zu werden, um in ihrer Tradition eine Familie zu gründen. Über die Frage, ob eine Familie überhaupt etwas wünschenswertes ist, wird nicht weiter nachgedacht. Das Generationentrauma zwingt Janis dazu, die Tradition weiterzuführen und schließt die Möglichkeit aus, mit Ana eine noch unkonventionellere Familie zu gründen. Gerade da, wo die Voraussetzungen für eine auf “Kameradschaft basierende Pflegegemeinschaft, eine Welt, die mehr von kith und kind als von Verwandtschaft getragen wird,” präsent zu sein scheinen (Sophie Lewis), werden sie verweigert. Die problematischen Seiten dieser im Kern altmodischen Familienkonstellation werden nicht erwähnt, nur ignoriert und die Familie als Kern des Lebens herbeigesehnt. Und es wird vergessen: Das Schlechte so zu verändern, dass das, was daran schlecht ist, beseitigt wird, heißt abschaffen. (Barbara Kirchner)

© El Deseo / Studiocanal 2021

Der Spermahüter treibt die Geschichte voran

Ein “draußen” außerhalb der Familie scheint bei Almodóvar eher unmöglich, die Abschaffung der Familie, eine von den materiellen Bedingungen losgelöste Utopie. Da dies durch die bloße Erwähnung eines historischen Traumas, nicht aber durch dessen Verhandlung gerechtfertigt wird, hat es lediglich den Anschein, das Thema würde angemessen behandelt. Die Parallelen sind da, aber nicht tief genug, um der Bezeichnung des Films als “sein politischster Film” gerecht zu werden. In der Abmilderung seiner Methoden werden jedoch die erzählerischen und thematischen Linien schmucklos gezeigt. Das Historische wird von Almodóvar auf Buchstützen reduziert, die die Form eines Prologs und eines Epilogs annehmen. Die filmische Spannung, die diese geschichtlichen Aspekte mit sich bringen, scheint beiläufig und schlechtenfalls rein propagandistisch zu sein, ohne eine durchdachte Überlegung der Politik abseits des Persönlichen zu enthalten. Die wie nachträglich eingefügte historische Thematik wird erst durch die Beteiligung der einen männlichen Figur wieder zum Leben erweckt. So wie die Schwangerschaft die Geschichte in Gang setzt, kehrt der Mann zurück, um die Geschichte zu beenden. Der Spermahüter treibt die Geschichte voran, immer noch.

IM KINO

Giancarlo M. Sandoval

Giancarlo M. Sandoval macht siesen PhD in Film-, Medien- und Kulturwissenschaften an der Birkbeck University in London. Sier arbeitet u.a. bei Special Circumstances und ist Teil der Berliner “Neurodiverse Gemeinschaft”. Sier kommt aus Peru und lebt in Berlin, wo sier verzweifelt versucht, alle Kinos zu besuchen, um Filme zu schauen und darüber zu schreiben.

Autor

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