Music

Die australische Sängerin Sia bewegt sich in ihrem musikalischen Schaffen stets auf dem schmalen Grat zwischen Massengeschmack und exzentrischer Originalität. Ihre Hits “Titanium” und “Chandelier” haben sie weltweit populär gemacht. Jetzt hat sie sich künstlerisch einen lang ersehnten Wunsch erfüllt und ihren ersten Film gedreht. Music will die Geschichte von Music (Maddie Ziegler) erzählen, einer jugendlichen Autistin, die bei ihrer Großmutter lebt bis diese plötzlich verstirbt. Fortan muss sich Musics große Halbschwester Zu (Kate Hudson) um sie kümmern, für die diese neue Verantwortung neben ihrer Alkoholsucht und unsicheren Arbeitssituation jedoch eine massive Herausforderung darstellt. Music ist dabei ein Film, der sich auch auf mehreren schmalen Graten bewegt; zwischen Drama und Musical, zwischen erbaulicher Familienzusammenführung und tragischer Milieustudie, aber auch zwischen notwendiger Repräsentation von Autismus und unsensibler Besetzung.

___STEADY_PAYWALL___

Was letztere Problematik betrifft, hat Music schon kurz nach seiner ersten Ankündigung für Furore gesorgt. Die Besetzung von Maddie Ziegler, die als Tänzerin in Sias Musikvideo zu “Chandelier” bekannt geworden ist, löste eine Welle der Kritik gegenüber der Regisseurin aus. Für ihre Entscheidung eine gesunde, neurotypische Schauspielerin für eine autistische Rolle zu casten, erfuhr Sia einen berechtigten Backlash aus der autistischen Community, die sie darauf verwies, dass es durchaus auch autistische Schauspielerinnen für die Rolle gegeben hätte und dass Zieglers Performance riskiert Vorurteile zu festigen sowie das autistische Spektrum nur sehr reduziert darzustellen. Der Film an sich stellt sich nun als logische Konsequenz aus dieser eklatanten Fehlentscheidung heraus, denn er macht unmissverständlich deutlich, dass von Anfang an eigentlich kein Interesse daran bestand, autistische Menschen zu repräsentieren.

© Alamode Film

Klar, der Film heißt Music, nicht nur aufgrund der gleichnamigen Figur, sondern auch weil Musik eine große Rolle spielt. Sie begleitet Music in ihrem Alltag und hilft ihr, ihre Gefühle zu kanalisieren. In großer Regelmäßigkeit wird die klassische erzählte Handlung des Films durch musikalische Einlagen unterbrochen, in der Regisseurin Sia natürlich ihre eigenen Songs unterbringt. Es lässt sich nur erahnen, dass diese Sequenzen im Film als Visualisierung von Musics Innensicht fungieren sollen, denn sie wirken vielmehr wie deplatzierte Trailer für den Soundtrack des Films, der auch als Sias neues Album verkauft wird. Die Wahl des Filmtitels maßt sich im Laufe des Films allerdings immer absurder an, denn der Film verliert seine titelgebende Figur im Laufe der Handlung komplett aus den Augen und fokussiert sich irgendwann ausschließlich auf Zu und ihre Schwierigkeiten, mit der neuen Verantwortung klarzukommen. Sowohl bildlich, als auch dramaturgisch rückt Music immer weiter in den Hintergrund, bis sie kaum noch mehr ist als ein nützliches plot device für Zus persönliche Entwicklung. 

Maddie Zieglers unfassbar intensive und körperliche überzeugende Performance lässt sich vor diesem Hintergrund leider kaum als Stärke des Films ausmachen, denn sie wird überschattet von ihrer Fehlbesetzung. Das ist schade, denn der Film ist ihre erste Hauptrolle und ihr Talent hätte durchaus viel Anerkennung verdient. Es bleibt zu hoffen, dass Ziegler sich als Schauspielerin von ihrer Freundin und Patentante Sia emanzipiert und für ihren Werdegang, der bisher stark von der australischen Sängerin geprägt wurde, einen anderen Weg einschlägt. Doch auch sie muss dafür kritisiert werden, diese Rolle überhaupt erst angenommen zu haben. Die Relevanz von inklusivem Casting wird immerhin nicht erst seit gestern diskutiert und Filme wie The Peanut Butter Falcon (Zack Gottsagen) und A Quiet Place (Millicent Simmonds) haben bereits zu genüge bewiesen, dass Schauspieler:innen mit Behinderungen in der Lage sind, hollywoodreife Filme mit ihren Darstellungen zu tragen. Es braucht keine nicht-behinderten Darsteller:innen, um Rollen mit Behinderungen zu spielen.

© Alamode Film

Was bleibt also zu Music zu sagen? Als Regiedebüt ist er ein misslungenes Werk. Nicht weil er ein schlechter Film wäre – er ist in ästhetischer, sowie dramaturgischer Qualität durchaus passabel – nein, weil er nicht unabhängig von der Tatsache betrachtet werden kann, dass er  zutiefst egozentrisch ist. Auf dem Rücken der autistischen Community dient der Film Sias Karriere als Regisseurin – und in seinem Status als filmisches Konzeptalbum auch als Musikerin – und Maddie Zieglers Karriere als Schauspielerin, sonst nichts und niemandem. Mittlerweile hat sich die Regisseurin für ihre unsensiblen Fehlentscheidungen entschuldigt und der Film soll mit einer Inhaltswarnung veröffentlicht werden. Beides kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Music zukünftig hoffentlich nur als schlechtes Beispiel für misslungene Filmproduktion gelten wird, denn als vielversprechendes Erstlingswerk.

VOD-Start: 12.02.2021 // DVD-Start: 05.03.2021

 

Autor

  • Sophie Brakemeier hat Medienwissenschaft studiert und sich währenddessen lange im kommunalen Kinobetrieb engagiert. Seit ihrem Masterabschluss arbeitet sie redaktionell in der Medien- und Kulturbranche, schreibt über Film und an ihrem ersten Buch. Kino liebt sie seitdem sie im Alter von vier vor Aufregung den Saal bei Free Willy 2 leergeschrien hat. Die Emotionalität für Filme blieb ihr, den kritischen Blick hat sie allerdings geschärft.

Sophie Brakemeier
Letzte Artikel von Sophie Brakemeier (Alle anzeigen)