Warum Suffragette aktueller ist als ihr ahnt

Es fällt mir oft schwer zu glauben, dass viele feministische Errungenschaften kaum hundert Jahre zurückliegen. Das Recht, den eigenen Arbeitsvertrag ohne die Zustimmung des Ehemanns zu unterschreiben, haben wir deutschen Frauen* sogar erst in den 70er Jahren erlangt. Wählen dürfen wir zwar schon länger, doch auch die Bewegung der „Suffragetten“ ist kein mittelalterliches Phänomen, sondern eines des letzten Jahrhunderts. Und trotzdem hat unsere Kultur sie schon jetzt vergessen. Die großen Heldinnen dieser „frühen“ Frauenbewegung werden von der Popkultur vollkommen ignoriert. Während wir ein Bio Pic nach dem anderen über große Männer* der Geschichte sehen konnten, gingen die Suffragetten bis jetzt vollkommen unter. Bis jetzt.

Es ist kein Zufall, dass Sarah Gavron ihr Projekt ausgerechnet jetzt verwirklichen konnte. Der Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht gerade in eine neue Runde. Begriffe wie Rape Culture, Internetphänomene wie #Aufschrei oder Kampagnen wie Free the Nippel sowie sämtliche Diskussionen um Frauen*quoten sind omnipräsent. Und der Jahreswechsel 2015/2016 hat mit den Ereignissen in Köln die Diskussion um Missbrauch und sexuelle Belästigung von Frauen in Deutschland neu entfacht. Suffragette – Taten statt Worte fällt auf absolut fruchtbaren Boden.

© Concorde

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Die Geschichte der britischen Frauen*bewegung Anfang des vergangenen Jahrhunderts, so wie sie Regisseurin Sarah Gavron in ihrem Film erzählt, ist von großer Aktualität, beleuchtet sie doch viele Facetten von Unterdrückung und Diskriminierung, mit denen sich Frauen* auch heute noch auseinandersetzen müssen. Ungleiche Bezahlung, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, der Vorwurf von Hysterie und Geistesgestörtheit bei Auflehnung gegen patriarchale Strukturen – das ist nur eine kleine Auswahl der Erfahrungen, die Frauen* sowohl in Gavrons Film als auch in unserer Zeit, in unserer Realität machen. Ganz abgesehen davon, dass es durchaus noch Länder gibt, in denen Frauen* bis heute nicht wählen dürfen!

Damit legt die Regisseurin ihren Finger gleich in zwei Wunden. Zum einen führt sie dem Kinopublikum eindrucksvoll vor Augen, wie wenig die Emanzipation an der Basis erreicht hat, wie stark unsere Gesellschaft trotz gesetzlich festgeschriebener Gleichberechtigung noch in patriarchalen Strukturen verwurzelt ist. Zum anderen zeichnet Gavron in ihrem Film die Tücken der feministischen Bewusstwerdung nach. Vom „Das ist doch nicht mein Problem“ bis hin zu „Ich kann diese Welt so nicht ertragen“.

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„Ich bin Feministin… Kein Aber!“ Das hat mir eine gute Freundin gerade auf ein T-Shirt drucken lassen. Es gibt wohl kaum ein Wort, das so häufig gemeinsam mit „aber“ relativiert wird wie Feminismus. „Ich bin Feministin, aber ich bin keine Kampfemanze, die sich für so einen Blödsinn wie gegenderte Sprache einsetzt.“ Oder auch andersherum: „Ich bin keine Feministin, aber ich finde trotzdem, dass Frauen und Männer für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen sollten.“ Gavrons Heldin Maud (Carey Mulligan) arbeitet zu Beginn des Films mit derselben Rhetorik. Den Satz „I’m not a suffragette“ wiederholt sie geradezu wie ein Mantra, als wolle sie nicht nur ihr Umfeld, sondern auch sich selbst davon überzeugen.

Der feministische Funke muss wachsen, bis sich ein Perspektivwechsel vollziehen kann. So auch bei Maud. Aber der Schritt von der stillen Akzeptanz zur Revolution kann nur über die Bewusstwerdung von Unrecht gegangen werden. Und Unrecht zu erleben, zu fühlen, ist eine gar furchtbare Erfahrung. Genau das ist auch der Grund, so glaube ich, warum es vielen Menschen so schwer fällt, sich als Feminist_in zu bezeichnen. Denn wenn wir uns eingestehen, dass der Feminismus noch eine Daseinsberechtigung hat, es noch Dinge gibt, für die wir kämpfen müssen, erkennen wir gleichzeitig an, dass wir in einer ungerechten Welt leben und selbst Unrecht erfahren.

Maud wird allzu schmerzlich bewusst, wie wenig Rechte sie in ihrer Gesellschaft besitzt, wie hilflos sie der Willkür der Männer* ausgesetzt ist, wie wenig Einfluss sie auf ihr eigenes Leben nehmen kann. Paradoxer Weise ist diese Bewusstwerdung eine direkte Reaktion auf die Versuche der Männer* – ob in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Regierung – ihre zaghaften emanzipatorischen Schritte zu unterdrücken. Mauds Kampfgeist wird durch sie erst geweckt und Tatenlosigkeit ist fortan keine Option mehr.

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Einen ähnlichen Weg beschreiten Feminist_innen noch heute. Die eigentliche Kehrtwende vollzieht sich meist auf Grund der feindlichen Reaktionen auf die eigene Emanzipation. Haben wir erst einmal erlebt, welch aggressiven Rückhall feministische Äußerungen oder Veröffentlichungen hervorrufen, wird uns die Notwendigkeit des Diskurses erst richtig bewusst. Unser Kampfgeist ist geweckt und es gibt kein Zurück mehr, keine Rückkehr in den Zustand der Ahnungslosigkeit. Aber auf die Straße gehen nur die Wenigsten.

Suffragette – Taten statt Worte ist in dieser Hinsicht besonders brisant, weil der Film im Grunde den bewaffneten Widerstand predigt. Friedliche Demonstrationen sind ineffektiv, nur mit Steinewerfen und Briefkästensprengen kann ausreichend Druck auf die Mächtigen ausgeübt werden, um sie zu einer Veränderung zu drängen. Damit ist Suffragette – Taten statt Worte eine echte Kampfansage. Sarah Gavron ruft ihre Zuschauer_innen nicht nur dazu auf, die bequeme Position der vermeintlich Unbeteiligten aufzugeben, sondern vor allem zu handeln.

Wir sind Feminist_innen. Kein Aber!

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