FFHH 2016: Marie Curie

Warum können wir Geschichten über Frauen* eigentlich nicht genauso erzählen wie jene über Männer*? Warum unterscheiden sich weibliche* Bio-Pics so stark von männlichen*? Schon Oliver Hirschbiegels Diana ließ mich einst diese Fragen erörtern und drei Jahre später habe ich darauf noch immer keine befriedigendere Antwort gefunden als „… weil wir in einer sexistischen Gesellschaft leben.“

© NFP

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Marie Curie von der französischen Regisseurin Marie Noelle macht vieles deutlich besser als die erschreckende Pseudo-Biographie der walisischen Prinzessin. Die Geschichte beginnt mit dem Tod Pierre Curies und übergibt damit Marie (Karolina Gruszka) alleinig die Bühne. Während sie bei der Verleihung des ersten Nobelpreises an das Forscher_innen-Paar vielen noch primär als hübsches Beiwerk galt, tritt sie nun als Alleinkämpferin auf – nicht nur im Leben, sondern auch in Noelles Film. Mit der Unterstützung von Kollegen, des Vaters und der Schwester führt sie ihre Radium-Forschung fort und kann sich sogar als erste weibliche Professorin an der Pariser Sorbonne durchsetzen. Aber dann macht Marie einen folgenschweren Fehler: Sie hat Sex. So ein Mist!

Bevor ich mich darüber auslassen möchte, weshalb eine dramatische Liebesgeschichte in der Biographie Marie Curies nur ganz am Rande etwas zu suchen hat, möchte ich einmal kurz die positiven Aspekte von Noelles Inszenierung erwähnen. Neben dem zweifelhaften Fokus der zweiten Filmhälfte nämlich, findet die Regisseurin wunderschöne, poetische Bilder, um die innere Welt ihrer verschlossenen Hauptfigur für das Kinopublikum erfahrbar zu machen. Wenn auch konventionell chronologisch erzählt, traut Marie Noelle ihrem Publikum eine eigene Denkleistung zu: Nicht alle Zusammenhänge müssen minutiös in Dialogen erzählt, nicht jeder Zeitsprung durch eine Jahreszahl markiert werden. Diese kleinen dramaturgischen Herausforderungen schmälern den Filmgenuss nicht, sondern steigern ihn, denn die Notwendigkeit mitzudenken erzeugt auch eine Verbindung zwischen Zuschauer_innen und Filmfiguren.

Doch so groß auch die Begeisterung für Marie Noelles Bildsprache und Dramaturgie, so ratlos stimmen einzelne Elemente ihrer Inszenierung. Weshalb beispielsweise ist Marie Curie so oft entblößt? Warum sehen wir sie zweimal in die Wanne steigen, einmal gedankenversunken splitterfasernackt auf dem Bett liegend? Ich kann mir beileibe nicht vorstellen, dass die filmische Biographie eines männlichen Forschers wie Albert Einstein den Helden wiederholt nackig in der Wanne zeigen würde.

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Viel enttäuschender aber als die Entblößung der Heldin auf der visuellen Ebene ist ihre Erniedrigung durch die Narration. Die Affäre mit dem verheirateten Kollegen Paul (Arieh Worthalter) nimmt im letzten Drittel des Films viel zu viel Raum ein und überlagert Curies wissenschaftliche Arbeit. Zwar vermag diese Episode etwas über eine patriarchale Gesellschaft zu erzählen, in der nicht der Ehebrecher, sondern die Geliebte für die gemeinsamen Verfehlungen geächtet wird, doch hat dieses brandaktuelle Thema mit der Person Marie Curie nichts zu tun. Während der Film also eine Gesellschaft für die Skandalisierung von Curies außerehelicher Liebesbeziehung anklagt, begeht er zugleich dieselbe Sünde: Die wissenschaftlichen Errungenschaften der Physikerin scheinen plötzlich weniger wichtig als ihre sexuellen Verfehlungen. Dass Marie Curie als erster Mensch einen zweiten Nobelpreis erhält, fällt nur am Rande, und auch wofür ihr diese Auszeichnung zuteil wird, können wir nur erahnen. Dafür kennen wir Curies Intimfrisur ebenso genau wie die Einrichtung ihres Liebesnests mit Paul.

Wer bei der unnötig ausufernden Beleuchtung der Affäre außerdem zu kurz kommt, ist Pauls Ehefrau Jeanne (Marie Denarnaud), eine im Grunde hoch interessante Frauen*figur. Im Gegensatz zur Heldin des Films besitzt Jeanne kaum Verständnis für physikalisch-chemische Zusammenhänge, versorgt dafür aber eine mehrköpfige Familie, wofür sie zu Recht wiederholt Respekt einfordert. Während Jeanne damit zunächst für eine auch dieser Tage viel zu wenig anerkannte Frauen*gruppe einsteht, entwickelt sich die gehörnte Gattin schließlich zur klassischen Hysterikerin, die am Seitensprung Pauls, so der Subtext, im Grunde selbst Schuld ist.

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Auch wenn Marie Curie auf den ersten Blick eine emanzipatorisch wertvolle Geschichte erzählt, das beeindruckende Portrait einer Frau* zeichnet, die sich ihren Weg in der Wissenschaft vor allem auf Grund ihres Geschlechts hart erkämpfen musste, konstituiert der Film auf den zweiten Blick eben jene sexistischen Klischees, die er vermeintlich zu dekonstruieren sucht. Auch Marie Noelle sieht die Vorzüge der weiblichen Heldin weniger in ihrer wissenschaftlichen Arbeit als in ihren körperlichen Vorzügen und sexuellen Verfehlungen, erzählt uns lieber von Liebeleien und Herzschmerz als von den beruflichen Errungenschaften dieser immens beeindruckenden Frau*.

Wann werden wir endlich gelernt haben, Geschichten über Frauen* ebenso respektvoll zu erzählen wie jene über Männer*? Ich finde, auch dafür sollte es einen Nobelpreis geben.

Kinostart: 1. Dezember 2016

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