FFMUC 2017: Der lange Sommer der Theorie

Etwa 400 Meter von meiner Wohnung entfernt befindet sich eine typische Berliner Brachfläche. Einst standen dort alte, mehrheitlich verlassene Fabrikgebäude aus roten Backsteinen inmitten einer verwilderten Natur. Ein romantischer Nicht-Ort nahe des neuen Hauptbahnhofs. Seit einigen Jahren jedoch bemüht sich die Stadtentwicklung diesen Nicht-Ort als Ist-Ort nutzbar zu machen. Bis es soweit ist, hat sich die einst sehenswerte Wildnis in eine verstörende Baustelle verwandelt, die paradigmatisch für eine Stadt und Gesellschaft steht, die zwar nach Veränderung und Entwicklung strebt, dabei jedoch das Ziel aus den Augen verloren oder sich vielleicht niemals ins Visier gerückt hat.

© Filmgalerie 451

Und genau dort, mitten in eben jenem Setting um die Ecke meiner Wohnung, siedelt Regisseurin Irene von Alberti ihren Essay-Doku-Spielfilm Der lange Sommer der Theorie an. Ihre drei Heldinnen, verkörpert von Katja Weilandt, Julia Zange und Martina Schöne-Radunski, wohnen in einem von Kernsanierung bedrohten Altbau nahe des Hauptbahnhofs und straucheln mit sich selbst und der Welt, in der sie leben. Ihre bedeutungsschwangeren Dialoge wirken gestelzt und theatral. Diese drei Frauen* sind Platzhalterinnen, sie stehen für etwas, für Ideen und Fragen. Irene von Alberti will keine Identifikationsfiguren schaffen, in denen wir uns als Zuschauer_innen verlieren, sondern Ideen säen, die wir in uns tragen, hegen und pflegen und zu den unterschiedlichsten Pflanzen heranwachsen lassen können.

Was heißt Identität? Wer wären wir, wenn wir ein ganz anderes Leben lebten? Immer noch wir selbst oder doch jemand anderes? Die drei Protagonistinnen imaginieren sich in verschiedenen Frauen*rollen und stellen fest, doch immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. Dabei verhandeln sie aktuelle feministische Diskurse nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern auch auf kultureller Ebene, erläutern den Bechdel-Test und überprüfen ihre Männer*bekanntschaften auf deren Bedeutung für die eigene Filmhandlung: Wer nicht mehr als Dekorationswert beizutragen hat, verwandelt sich in eine Stehlampe.

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Aber von Alberti bleibt hier nicht stehen. Es geht ihr nicht ausschließlich um Frauen* in unserer Gesellschaft, sondern um viel mehr. Um alles eigentlich. Ihre Heldinnen setzen sich mit Rechtspopulismus auseinander, mit der Frage nach Kunst und Kommerz, Kapitalismus und Wertigkeit (ist ein Einkaufswagen genau einen Euro „wert“?), mit Überlegungen zu Schein und Sein und wie sie die Menschen dazu motivieren können, ihre Welt aktiv mitzugestalten.

Das tun die Figuren nicht nur in Gesprächen untereinander und im Freund_innenkreis, sondern auch in dokumentarischen Interviews, die Nola (Julia Zange) für einen Film im Film interviewt. Fachmenschen der Kulturwissenschaft, Politik, Feminismus und Kommunikation streuen hier Theorien ein, die durch die fiktive Rahmenhandlung sofort eine Anwendung finden. Irene von Alberti bleibt der Ausgangsthese des Films, Der lange Sommer der Theorie wäre bereits vorbei, insofern treu, als dass sie Ideen nicht als solche abstrakt im Raum schweben lässt, sondern sie anschaulich gestaltet. Wenn die Zeiten des Ideenwälzens vergangen sind, dann muss eine neue Strategie her, um die Welt zu durchdringen, zu reflektieren und zu verändern. „Was tun?“ fragen sich die Heldinnen in von Albertis Film. Die Regisseurin selbst scheint mit ihrem Werk bereits eine Antwort auf diese Fragen gefunden zu haben.

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Der lange Sommer der Theorie bricht mit Dichotomien wie Theorie und Praxis, Körper und Geist, Denken und Machen. Sich konstant selbst reflektierend zerstört der Film dabei jedwede Illusion und somit Fluchtmöglichkeit für die Zuschauenden, die – so wie auch die drei Heldinnen – beim Abtauchen in die Fiktion nur immer wieder bei sich selbst ankommen können. Dabei gelingt es Irene von Alberti ihr Publikum nicht unter Druck zu setzen, Fragen aufzuwerfen statt Antworten vorzugeben und Fluchtmöglichkeiten offen zu lassen, wie zum Beispiel das durch Schauspielerin Martina Schöne-Radunski proklamierte „Recht auf Faulheit“. Von Alberti erkennt den Zukunftspessimismus der Menschen an, ohne ihn zu verurteilen, gibt Impulse ohne sie zu verabsolutieren. Wir können uns für eine bessere Welt engagieren, im Kleinen wie im Großen, aber wir müssen es nicht. Der lange Sommer der Theorie ist keine oberlehrerinnenhafte Handlungsanweisung und entwickelt aus dieser Zurückhaltung seine Stärke.

Ich möchte mich an dieser Stelle mal ein bisschen aus dem Fenster lehnen und die These aufstellen, dass Der lange Sommer der Theorie ein genuin weiblicher* Film ist. Und zwar insofern, dass er nicht patriarchal diktiert, Meinungen vorgibt oder sich selbst in der eigenen Genialität zelebriert. Der Film ist insofern weiblich*, als dass er inmitten all seiner klugen Impulse auch Demut ausstrahlt, eine liebenswürdige und vor allem anschlussfähige Ratlosigkeit. Auf diese Weise gelingt Irene von Alberti die Vermittlung eines wahrhaftigen Hoffnungsschimmers. Statt Probleme zu wälzen zeigt sie Baustellen ebenso auf wie die Gebäude, die darauf einst entstehen könnten. Und so wird der Nicht-Ort am Berliner Hauptbahnhof vom Bild für Orientierungslosigkeit zu einem unbegrenzten Raum der Möglichkeiten.

Kinostart: 23. November 2017

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