Speer goes to Hollywood

Albert Speer: deutscher Architekt, von Adolf Hitler zum Generalbauinspektor ernannt und mit dem Aufbau Berlins zur Hauptstadt seines „großgermanischen Weltreichs“ beauftragt. 14 Millionen Arbeiter:innen wurden noch 1944 lange nach Stalingrad als die deutsche Wehrmacht längst der eigenen Niederlage entgegensehen konnte, zur Umsetzung seiner Pläne gezwungen. Während der Nürnberger Prozesse 1946 entzog sich Speer gekonnt der Verantwortung für den Großteil seiner Kriegsverbrechen. Nach zwanzigjähriger Haft publizierte er seine apologetischen Memoiren Erinnerungen: eine Verharmlosung seiner Taten und Beweggründe, die eine Million mal verkauft wurde und von Hollywood nicht unbemerkt blieb. Paramount plante 1971 eine Verfilmung des Stoffes. Grundlage für Vanessa Lapas Dokumentarfilm bilden 40 Stunden Audioaufzeichnungen von den Gesprächen, die der junge Drehbuchautor Andrew Birkin, ein Protegeé von Stanley Kubrick, mit dem damals Mitte 60-jährigen Speer in seinem Haus in Heidelberg in vertrauter Atmosphäre führte. Speer konstruiert einen Mythos seiner eigenen Person.

© Salzgeber

Mit der im Jahr 1969 erschienen Publikation seiner Schriften hatte der während des Zweiten Weltkrieges von Hitler zum Rüstungsminister ernannte Speer, ein Bild von sich selbst erschaffen, das ihn als ahnungslosen Mitläufer inszenierte. Der Eintritt in die NSDAP, die Aufträge für Hitler, der Aufbau des Dritten Reiches auf den Opfern der Diktatur Speer habe lediglich seine eigene Karriere antreiben wollen, die Aufträge flogen ihm zu, die Pläne der Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden, gehörten eben zu Hitlers Vormarsch dazu. Hitlers Expansionspläne imponierten und motivierten Speer, bereits als junger Student beeindruckte ihn die Rede des Führers, dessen Machtglanz und Entschlossenheit. Er hätte seine Seele Mephisto verkauft, der Krieg war ein Abenteuer für ihn. Speers Aussagen, die wir in Speer goes to Hollywood auf Band hören, sind ein Indikator für dessen ausgeklügelte Selbstinszenierung nach 1945 vor Gericht und in den Medien. Dass Speer nicht der einzige seines Kalibers war, liegt auf der Hand. Ungeschönt treten seine Beweggründe zum Teil hervor und legen frei, wie fatal diese für Millionen von Menschen werden können. Doch bloß eine geschönte Geschichte sollte den Stoff für einen spannungsvollen Spielfilm liefern, nicht die ungeschönte Wahrheit. ___STEADY_PAYWALL___

Eine geschönte und verharmloste Nazi-Geschichte? Sollte ausgerechnet Hollywood, an dessen Aufbau viele jüdische Emigrant:innen maßgeblich beteiligt waren und sich weltweit einen Namen gemacht hatten, auf seine Lügen hereinfallen? Die in Israel lebende Journalistin und Filmemacherin Vanessa Lapa montierte Ausschnitte der originalen, über mehrere Monate hinweg entstandenen Tonbandaufnahmen mit Bildmaterial aus 47 Archiven. Wir sehen historische Ereignisse und Verbrechen, Aufnahmen der Nürnberger Prozesse, Bewegtbilder von Zwangsarbeiter:innen in den Krupp-Werken, fröhliche Treffen hoher NSDAP-Mitglieder in Italien während der Novemberpogrome. Dazu im Off das Brainstorming von Birkin in Dialog mit Speer: an dieser Stelle, würde eine Totale passen, wenn wir jenes erzählen, wirkt es überdramatisch, an dieser Stelle bekäme Speer seine James-Bond-Szene, das Publikum müsse sich von Beginn an mit ihm identifizieren – Hollywoods Drehbuch-Einmaleins. Die meiste Zeit über scheint Birkin Speers schmeichelhafter Art und dessen Selbstkonstruktion keine kritische Haltung gegenüber einzunehmen. In seinem Kopf spielt sich nur der Film ab, als wäre auch die Realität im Moment ihrer Erinnerung bloß noch als eine Art formbare Fiktion existent. 

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Speer goes to Hollywood macht deutlich, welch signifikante Rolle die Fiktionalisierung historischer Ereignisse und Persönlichkeiten einnehmen kann. Bereits die Nazis wussten, Film für ihre Propagandazwecke zu gebrauchen und Speer führte diesen medialen Gebrauch zuerst über seine Schriften und später beinahe über einen Spielfilm, an dessen Drehbuch er sich maßgeblich beteiligte, fort. Regisseur Carol Reed (u.a. Der Dritte Mann) erklärte Birkin nach der ersten Fassung des Drehbuchs, dass Speers Leben darin beschönigt werde und riet zur Überarbeitung. Mehr Gespräche folgten und Birkin bohrte in Folge eher nach, wenn Speer sich in seinem milden Ton in den eigenen Widersprüchen verstrickte.

Sollte es eine Szene geben, in der Speer durch das Vernichtungslager Mauthausen schreitet? Nein, denn offiziell habe er ja nicht von der Existenz der Konzentrationslager gewusst. Speer, der liebe Opportunist, der an der Seite Hitlers keine Ahnung hatte, was vor sich geht? Ein bemitleidenswertes Opfer seiner Umstände? Fiktionale Filme können eine große Rolle für die Konstruktion öffentlicher Persönlichkeiten, die historische Narrative maßgeblich prägen, spielen. Durch seine Publikationen baute Speer seine eigene Popularität Jahrzehnte später auf, seine Vergangenheitsverschiebung und -verleugnung arbeitete wie eine mythisierte Vergangenheitsbewältigung gegen einen komplexeren historischen Diskurs und ehrliche Erinnerungskultur. Dass seine eigene Verteidigung in der Öffentlichkeit genau demselben Muster folgt, das Speer bereits während der Nazi-Zeit hoch aufsteigen ließ, wird deutlich: Der private Vorteil und die Machtgier standen über allem. Mit dieser gefährlichen und damals für Millionen Menschen tödliche Haltung kam Speer, so viel ist sicher, nicht als einziger durch. Unzähliges Material hatten NSDAP-Politiker und Funktionäre jedoch rechtzeitig vernichtet, sodass sich die Gerichte mit mangelhafter Beweislage konfrontiert sahen. Vorgangsweisen, die wohl auch keine Einzelfälle im Laufe politischer Machtwechsel bleiben und einem auch heute nur allzu bekannt vorkommen.

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Und Speers Ehefrau Margarete – wie viel wusste sie über ihren eigenen Lebenspartner, den “guten Nazis”, der sein Image in zahlreichen Dokus, z.B. von der BBC produziert, pflegte? Seine Tonband-Äußerungen lassen annehmen, dass es ein stilles Übereinkommen zwischen den beiden gab, manche Dinge unerwähnt zu lassen, zumal ihre Ansichten den seinen widersprachen, seine politische Haltung nicht gerade goutierten. Die Karriere dieses Mannes war Priorität Nummer eins. Nicht nur während des Krieges verschwieg Speer vieles vor ihr.

Auf grausame Art beeindruckend ist die Geschichte um Albert Speer, die die Belgierin Vanessa Lapa durch ihren Dokumentarfilm greifbarer macht. Ihr filmisches Zeitdokument konstruierte die Journalistin ausschließlich mit Archivmaterial aus der NS-Zeit und Fotos bzw. dem Audiomaterial aus dem Jahr 1971, das neue Dimensionen infamer Selbstinszenierung klar spürbar werden lässt. Durch die Verwebung der verschiedenen Zeitebenen lässt  der Film sein Publikum erschaudernd verfolgen, mit welch einer Finesse ein großer Verbrecher Jahrzehnte nach seiner Verurteilung weiterhin Märchen erzählte. Premiere feierte Speer goes to Hollywood auf der Berlinale 2020, wo sechs Jahre zuvor auch Der Anständige lief: hierfür bezog Papa private Schriften Heinrich Himmlers, um auf dessen Grundlage sein Leben zu rekonstruieren (bei Filmfriend kostenlos streambar).

Speer goes to Hollywood läuft ab 11.11.2021 im Kino.

Autor

  • Bianca J. Rauch macht gerade ihren PHD in Filmwissenschaft und arbeitet nebenbei hinter der Kamera - beim Film und als Fotografin. Sie lebt zwar in Wien, treibt sich aber am liebsten auf Filmfestivals in aller Welt herum.

Bianca Jasmina Rauch
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