Mulan

Mit Mulan nimmt Disney einen weiteren Zeichentrickklassiker als Realverfilmung ins Programm. Nach einem geplatzten Kinostart im März, ist der Film nun ausschließlich auf Disneys eigener Streamingplattform zu sehen. Regisseurin Niki Caro begnügt sich nicht mit einem Remake, sondern wagt eine Neuinterpretation der chinesischen Ballade von Hua Mulan: Als ihr Vater einen Stellungsbefehl zur Verteidigung der Dynastie erhält, entschließt Mulan (Liu Yifei) seinen Platz in der Armee einzunehmen, um den alten und gebrechlichen Vater zu schützen und die Ehre der Familie aufrecht zu erhalten. Da Frauen nicht zum Militärdienst zugelassen waren, verkleidet sie sich als Mann.

© 2019 Disney Enterprises, Inc.

Regisseurin Niki Caro inszeniert Mulan als actionreichen Heldinnenepos. Die Darstellung von Gewalt, sowie das Fehlen spielerischer und musikalischer Elemente in Mulan sind eher untypisch für Disney. Die bewusste Abgrenzung zur Zeichentrickversion von 1998, die vor allem mit ihren Gesangseinlagen und Mulans charismatischem Sidekick, dem Drachen Mushu, in Erinnerung blieb, sorgte für Empörung unter den Fans des (Disney) Originals. Wäre die Verfilmung von Niki Caro an sich überzeugend, könnte eins diese Kritik als Sentimentalität abtun. Aber…

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Erste Ankündigungen und der Trailer versprachen aufregende Kampfszenen. Caro selbst kündigte den Film als “girly martial arts extravaganza” an. Leider erfüllt Mulan die hohen Erwartungen diesbezüglich keineswegs. Ähnlich einer Komödie, die ihre besten Pointen im Trailer bringt, beschränken sich die Kampfchoreographien auf einige wenige Kombinationen und akrobatische Tricks, die das Publikum bereits kennt. Teure und bildgewaltige Spezialeffekte können darüber hinaus nicht über die Inkonsistenz in den Kampf- und Schlachtszenen hinwegtäuschen.

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Niki Caro zeigt eine ernsthafte und düstere Mulan, beinahe als wäre die Filmfigur ebenso wie das Publikum in den letzten 20 Jahren erwachsen geworden. Leider verliert sie dabei jegliche Lebendigkeit und charakterliche Tiefe. Mulan testet keine Grenzen aus, sondern strebt stets nach der Erhaltung der Familienehre. Gesellschaftliche Zwänge und Geschlechterrollen, die der Zeichentrickfilm mit Liedern wie “Ehre für das Haus” oder “Sei ein Mann” zuspitzt und teils ins Lächerliche zieht, erfahren keine Kritik oder Brüche.

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Anders als ihre animierte Vorgängerin, folgt die neue Mulan ehrfürchtig den Prinzipien der kaiserlichen Armee: Treue, Mut und Wahrheit. Ihre Auszeichnung als Kriegsheldin besteht schließlich darin, dass “Familie” dem Wertekanon hinzugefügt wird. Die individuellen Motive ihres Handelns spielen keine Rolle und bleiben für das Publikum bis zum Schluss völlig unverständlich. Dass die Geschichte im historischen China spielt, ist als Erklärung definitiv zu dünn. Die Verhältnisse oder Traditionen dieser Gesellschaft erläutert Mulan nicht weiter. Mulans Systemtreue bekommt vor dem Hintergrund aktueller chinesischer Politik außerdem einen zusätzlichen negativen Beigeschmack.

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Der einzige mehrdimensionale Charakter des Films ist die Hexe Xian Lang (Gong Li). Die weibliche Antagonistin Mulans wandte sich von der chinesischen Gesellschaft ab, weil diese sie als mächtige Frau ausstieß. Als Ausgestoßene schließt sie sich den Hunnen an, die von ihren Fähigkeiten profitieren, sie aber ebenfalls nicht voll akzeptieren. Die neue Figur wurde explizit geschrieben, um unterschiedliche Perspektiven auf weibliche Kraft zu schaffen. Gemeinsam könnten Xian Lang und Mulan sich von patriarchalen Zwängen befreien, die sowohl im Kaiserreich als auch unter den Hunnen bestehen. Stattdessen bleiben die beiden Frauen Kontrahentinnen. Darin steckt das antifeministische Motiv, “starke” Frauen stünden immer in Konkurrenz zueinander. Mulan verschenkt die  potentiell empowernde Geschichte komplett und propagiert stattdessen Angepasstheit: [SPOILER] Xian Lang bezahlt schließlich für ihre Rebellion mit dem Leben. Innerhalb der insgesamt reaktionären Storyline ist der Tod also die logische Konsequenz unangepassten Verhaltens. [Spoiler Ende]

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Die Geschichte von Mulan ist in der Verfilmung von 2020 nicht gut gealtert. Die Ballade von Hua Mulan entstand zur Zeit der Südlichen und Nördlichen Dynastien. Während der Zeichentrickfilm den Stoff in eine weiterhin aktuelle Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und -identitäten, (gleichgeschlechtlicher) Liebe und Mut verwandelte, fällt Niki Caro ins 5. Jahrhundert nach Christus zurück. Mulan mag weiterhin ein Tomboy sein, (Selbst-)Zweifel und die Suche nach Identität, sind jedoch nicht spürbar. Das Anlegen des Binders inszeniert Caro nicht als einen Moment, in dem die Binarität von Geschlecht in Frage gestellt wird. Die Aufnahme Mulans halbnackt im Gegenschein eines lodernden Feuers lenkt den Blick im Stile eines klassischen male gaze viel mehr auf ihre Weiblichkeit. Der Soldat bleibt in dieser Darstellung lediglich die Verkleidung einer attraktiven Frau.

Ebenso vermeidet die neue Fassung jede Andeutung nicht-heteronormativer Sexualität. 1998 wurde Li Shang, der sich in Mulan als Soldat verliebt, zur bisexuellen Ikone. Diese Facette strich Disney nun ersatzlos. Romantische Gefühle zeigt der Film erst, nachdem Mulan sich als weiblich geoutet hat.

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Der Versuch mit der Realverfilmung ein neues Werk zu schaffen, das sich vom ständigen Vergleich mit dem Disney-Original lösen kann, ist gescheitert. Gleichzeitig kann von einer Modernisierung oder Weiterentwicklung keine Rede sein. Obwohl der Stoff so viele Anknüpfungspunkte für eine Kritik oder wenigstens Reflektion (ja, das ist eine Anspielung auf den Song Reflection) gesellschaftlicher Normen bietet, propagiert Mulan 2020 Anpassung und Unterwerfung. Für Fans des Zeichentricks dürfte dieser Rollback tatsächlich noch enttäuschender sein als die Streichung der Gesangseinlagen.

Stream: 4. September 2020

Autor

  • Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.

Lea Gronenberg
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