Gast-Löwin: Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess

Der Film ist vorbei und ich starre fassungslos auf den Bildschirm. 84 Minuten Meine wunderbar seltsame Woche mit Tess habe ich mir angeschaut und kann gar nicht begreifen, wie schlecht jede einzelne davon praktisch alle Filme aussehen lässt, die ich je gesehen habe. Und damit auch meine eigenen Sehgewohnheiten. Dabei ist die Geschichte des Films nach dem Roman für Kinder ab 10 von Anna Woltz schnell erzählt:

Sam (Sonny Coops Van Utteren) verbringt mit seiner Familie die Ferien auf der niederländischen Insel Texel und begegnet Tess (Josephine Arendsen), die endlich ihren Vater kennenlernen will und ihn mithilfe eines gefälschten Preisausschreibens auf die Insel in das Ferienhaus ihrer Mutter lockt. Anfangs ist Sam noch unentschlossen, ob die Pläne von Tess das Alleinsein-Training durchkreuzen, das er sich gegen seine Verlustängste verordnet hat. Doch dann wird er Hals über Kopf in ihr Vorhaben mit hineingezogen, binnen einer Woche den Vater für sich zu gewinnen.

© BIND und OSTLICHT FILMPRODUKTION

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Das ist soweit ganz nett, erinnert ein bisschen an Erich Kästners Das doppelte Lottchen und sprengt nicht wirklich den Rahmen einer konventionellen Erzählung. Die ist allerdings in so wunderschönen, sommerferiensehnsuchtsvollen Bildern umgesetzt, dass eins sich schon nach 5 Minuten dabei ertappt, Texel zu googeln und auf die mentale Liste der geeigneten Urlaubsziele zu setzen.

Und dann sind da noch die Rollenbilder, die in diesem Film präsentiert werden. Vor allem die der Männer sind so selbstverständlich und beinahe nebensächlich meilenweit weg von den üblichen klischeehaften Darstellungen, mit denen das Publikum in anderen Filmen gequält wird, dass es eine richtige Wohltat ist. Gerade auch deshalb, weil es hier eigentlich um etwas ganz anderes geht.

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Der Film beschäftigt sich nicht primär mit Geschlechtergerechtigkeit, Gender Care Gap und anderen geschlechterpolitischen Themen. Er setzt sie einfach als Grundstruktur des filmischen Erzählens um. Wenn der ältere Bruder von Sam sich beim Kicken am Strand das Bein bricht, schreit ihn der Vater nicht an, er möge sich zusammenreißen. Dieser wirkt auch nicht inkompetent oder überfordert, sondern liebevoll-besorgt und trägt seinen großen Jungen ins Auto, um ihn möglichst schnell medizinisch versorgen zu lassen. Dabei stellt er noch klar, dass Sam deswegen nicht die Mutter anrufen wird. Denn Sams Mutter leidet unter heftigen Migräneattacken. Und auch hier macht der Film mühelos alles richtig. Sie ist deshalb keine schlechte Mutter, sie wird als warmherzig und liebevoll porträtiert, niemand nimmt ihr übel, dass sie ohne es zu wollen gesundheitlich außer Gefecht gesetzt ist. Niemand macht ihr Vorwürfe. Stattdessen erleben wir einen Vater, der kocht, singt, spielerisch mit seinen Jungen rauft und den Familienalltag plant. Der seinen weinenden Sam tröstet, ohne dass dessen Tränen einer Erklärung bedürfen.

Sam ist ein aufgeweckter, einfühlsamer, lieber, kreativer Junge. Nichts davon muss in diesem Film erklärt werden. Ein alter Mann, den Sam im Laufe der Handlung kennenlernt, erweist sich als herzlicher, tieftrauriger Witwer, der seine verstorbene Frau nach wie vor über alles liebt und Sam eindringlich davor warnt, Menschen und mögliche Erinnerungen aus seinem Leben zu verbannen. Und Hugo, der nichtsahnende Vater von Tess, wirkt nach einem reflexartigen Moment nachvollziehbarer Leugnung sichtlich angefasst davon, tatsächlich ein Kind zu haben. Wir schauen ihm dabei zu, wie es ihn mitten in das Herz trifft, dass Männer in vielen anderen Filmen überhaupt nicht zu haben scheinen.

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Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. Toxische Männlichkeit existiert auch in diesem Film. Aber eher wie ein gelegentliches Hintergrundrauschen oder eine alte Legende, die Mann ab und an herbeizitieren muss, um zu schauen, wie sie sich anfühlt. Als Tess mit Sam bei ihrer ersten Begegnung nach den Anleitungen eines Salsa-Tanzlehrers auf YouTube tanzt, lässt der noch verlauten: „Jungs, eins ist wichtig. Der Junge muss führen.“

Darauf Tess „Ich führ hier.“

Sam: „Aber ich bin der Mann!“

Tess: „Scht!“

Sowieso führen die durchweg vielschichtig angelegten weiblichen Charaktere so einiges in dem Film. Tess führt Sam. Die Mutter von Tess führt ihr eigenes, freies Leben mit Kind, in dem sie auch mal über Männer spottet und ihrer Tochter erklärt, dass Frauen sich grundsätzlich zu häufig entschuldigen. Der ältere Bruder von Sam, der ihm zuerst noch großspurig versichert, dass Frauen Klarheit mögen würden, sieht am Ende wie ein verliebter Backfisch aus, der sichtlich erleichtert darüber ist, dass seine Urlaubsbekanntschaft den ersten Schritt gemacht hat. Und Hugos aktuelle Freundin entscheidet, dass sie die Insel nicht verlassen, bevor die Dinge mit Tess nicht geregelt sind. Instinktiv fragt man sich, ob die Männer in diesem Film nicht alle „unter dem Pantoffel stehen“. Nur um dann festzustellen wie lange man bereits vergiftet wurde. Niemand steht hier unter irgendwem. Alle Charaktere treffen eigene Entscheidungen, haben eigene Anliegen und eigene Bedürfnisse.

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Am doch sehr süßlich geratenen Schluss bleibt als Wermutstropfen nur, dass man die eigentlich großartige und selbsterklärende Beziehung von Tess und Sam unbedingt noch auf die romantische Schiene setzen musste. Das ist nicht nur überflüssig, sondern zerstört einiges von dem guten Gesamteindruck. Aber trotzdem bleibt die beeindruckte Fassungslosigkeit: So kann es also aussehen, wenn Männer nicht wie missionsgesteuerte, emotional verflachte Abziehbilder gezeigt werden. Und so interagieren sie mit Frauen, denen konsequent eine eigene Agenda zugestanden wird. Man(n) kann nur hoffen, dass das ein Trend wird, der sich durchsetzt.

Kinostart: 3. September 2020

Nils Pickert

© Nils Pickert

Über die Gast-Löwin

Nils Pickert ist freier Autor und Journalist für diverse Medien und darf darüber hinaus für den Verein Pinkstinks Sexismus umrempeln. Sein 2020 bei Beltz erschienenes Buch Prinzessinnenjungs beschäftigt sich mit der geschlechtergerechten Erziehung von Jungen. Er ist Turngerät von 4 Kindern, Exilberliner und lebt mit Lebenskomplizin und Rasselbande in Münster.

Autor

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