Furora 2019: Deckname Jenny

Deckname Jenny entstand als Projekt der selbstorganisierten Filmschule filmArche und ist Samira Fansas erster Spielfilm. Der Film soll “eine Geschichte über den militanten Teil sozialen Widerstands erzählen – mit Elementen des Politthrillers, aber nah an der Realität“, wie es im Crowdfundingaufruf heißt.

© Samira Fansa

„Jenny“ ist Mitte 20 und lebt mit ihrem Vater auf dem Land. Mit einigen anderen linken Aktivist:innen beschließt sie, dass Reden nicht mehr reicht, und gründet eine militante Gruppe. Die Motive der einzelnen Figuren, die Entwicklung hin zur Militanz, beleuchtet der Film jedoch nur unzureichend: Die Dialoge wirken zu inszeniert, vermitteln keine Gefühle oder Ideale, sondern verlieren sich allzu oft in Floskeln.

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Auch scheint die Auswahl des politischen Gegners für die geplanten Aktionen nahezu beliebig. In Form von Transparenten auf Demonstrationen, Brandreden beim Baden am See und Nachrichtenmeldungen verweist Deckname Jenny auf eine ganze Reihe von aktuellen Themen der gesellschaftlichen Linken: das Sterben flüchtender Menschenim Mittelmeer, Rechtsruck, Klimawandel.

© Samira Fansa

Zu viele große Fragen, wie die nach alternativen Beziehungskonzepten oder der Legitimität “emanzipatorischer”  Gewalt, werden lediglich kurz angerissen, um im nächsten Moment bereits von anderen abgelöst zu werden. Zwischen vielen losen Fäden und häufigen Zeitsprüngen geht der Spannungsbogen der Erzählung verloren. Trotz der zeitlichen Raffungentwickelt der Film kein Tempo, die Bildsprache wirkt statisch.

Deckname Jenny will kein Massenpublikum erreichen. Vielmehr ist es ein Film von Linken für Linke, dem es vor allem um Authentizität geht. Inhaltliche Bezüge und Drehorte haben innerhalb einer linken Szene hohen Wiedererkennungswert. Viele der durchdachten Anspielungen, wie die Schriften des Unsichtbaren Kommitees und die Broschüren zu Tails-Verschlüsselung zur anonymen online Kommunikation und Datensicherheit, sind nur für Kenner*innen der linken Szene aussagekräftig und wirken in ihrer Masse etwas gewollt.

© Samira Fansa

Regisseurin Samira Fansa ist selbst Aktivistin. Über Jahre organisierte sie den Transgenialen CSD als Alternative zum kommerziellen CSD in Berlin. 1999 erlangte sie bundesweite Aufmerksamkeit, als sie den damaligen grünen Außenminister Joschka Fischer aus Kritik am Nato-Einsatz der Bundeswehr mit einem Farbei bewarf. Die Notwendigkeit von Radikalität und die Kritik an einer gealterten 68er Generation spielt auch in Deckname Jenny eine Rolle.

Die Elterngeneration von „Jenny“ erinnert tatsächlich ein bisschen an Joschka Fischer. Jennys Vater, früher Kurier im Umfeld der Revolutionären Zellen – einer militanten, linksradikalen Gruppe, die sich selbst als “Stadtguerilla” verstand – und seine Genoss*innen sind im bürgerlichen Leben angekommen. Er interessiert sich längst nicht mehr für Gesellschaftskritik und mit der Tochter gibt es regelmäßig Streit über sein machohaftes Verhalten, wenn sie ihm beispielsweise hinterherräumen muss oder er sich mal wieder nicht an den Namen einer seiner Sexualpartnerinnen erinnert. Diese Auseinandersetzung zwischen linken Generationen, aber auch Geschlechtern bietet großes Potential, das Deckname Jenny leider in keinster Weise ausschöpft.

© Samira Fansa

Deckname Jenny ist eine Hommage an die radikale Linke, wird jedoch dem eigenen Anspruch eines Politthrillers nicht gerecht. Um eine radikale Kritik oder eine Abwägung unterschiedlicher Aktionsformen zu vermitteln, müsste eine inhaltliche Auseinandersetzung mehr Raum einnehmen. So bleibt Deckname Jenny ein Insiderwitz ohne Pointe.

Mehr Informationen zum Film und die Möglichkeit eine eigene Filmvorführung zu organisieren gibt es unter: https://jenny.in-berlin.de/

Lea Gronenberg
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