DVD: Frau Mutter Tier

In Maries (Julia Jentsch) Leben ist alles bis in die Küchenschränke durchorganisiert, sogar die Schokoladentafeln liegen farblich sortiert aufeinander und abends legt sie sich ein einzelnes Stückchen auf einen Unterteller. Die Wohnung ist aufgeräumt, die Kinder sauber. Sie hätte alles im Griff, wenn der Vater der Kinder, Lutz (Florian Karlheim), ein bisschen besser zuhören würde. Nela (Alexandra Helmig) wiederum organisiert den Nachmittag ihres Sohnes mit drei Babysitterinnen, damit niemand in ihrer Agentur merkt, dass sie überhaupt ein Kind hat. Sie liebäugelt mit einer baldigen Rückkehr in eine Führungsposition, ihr Mann* Phil (Benedikt Blascovic) und ihre Schwiegermutter Gisela (Gundi Ellert) eher mit einer  zweiten Schwangerschaft. Und die junge alleinerziehende Tine (Kristin Suckow) muss sich bei der Betreuung ihrer Tochter auf ihre aus der Übung geratene Mutter Heidi (Ulrike Arnold) verlassen, um pünktlich bei der Arbeit im Drogeriemarkt zu erscheinen. Abends steht sie rauchend am Fenster und schaut sehnsüchtig zur Kneipe, in der ihre Altersgenoss_innen – ohne Kinder – das Leben genießen, und dreht dann ein Makeup-Video für ihren Social Media Auftritt. Drei Frauen*, die unterschiedlicher nicht sein könnten – alleinig das Thema Mutterschaft eint die drei Protagonistinnen von Frau Mutter Tier.

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© Alpenrepublik Filmverleih

Autorin Alexandra Helmigs eigene Erfahrungswerte als Mutter sind spürbar: Sie entwirft ihre Figuren liebevoll mit einem aufmerksamen Blick für die Details, überzeichnet zwar bestimmte „Typen“ von Müttern wie auch Ehemännern* und Omas ins Komische, macht sie dabei jedoch niemals lächerlich. Wer sich wie Marie, Nela und Tine mit Kindern zwischen Spielplatz, Kita und Drogeriemarkt bewegt, wird Menschen wie die in Frau Mutter Tier so oder so ähnlich selbst kennen, auch wenn sich die Realität sicherlich ein wenig komplexer darstellt. Die Kinder der Mütter kommen übrigens kaum vor und das ist gut so, denn um sie geht es in diesem Fall auch nicht. Die Konflikte, die die Frauen* im Verlauf von Felicitas Darschins Film austragen müssen, haben ihren Ursprung nicht in den Kindern, sondern in der Gesellschaft, die die Mütter umgibt.

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Diese Gesellschaft tritt jeder der Frauen* unterschiedlich entgegen. Anhand der drei dargestellten Formen der Elternschaft – Hausfrau*, berufstätige Mutter in Vollzeit und berufstätige Alleinerziehende – gelingt es Autorin Helmig und Regisseurin Darschin die diversen Problematiken vieler Mütter in Deutschland anzusprechen. Da wäre die mental load, also die meist stillschweigend übertragene alleinige Verantwortung, die Mütter oft für alle Belange rund um die Familie tragen, sowie im Zusammenhang damit das sogenannte maternal gatekeeping, d.h. die Unterstellung, dass es ja nur am Unwillen der Mutter liege, wenn der Partner und Vater nicht mehr Verantwortung übernimmt. Auch die vielbeschworene, aber in der Realität schwer umzusetzende Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist präsent. Diese wird noch erschwert durch die Erwartung an Mütter, alle eigenen Bedürfnisse hinter jene der Kinder zurückzustellen und in dieser andauernden Belastungssituation doch nichts als Glück zu empfinden. Von einem erfüllten Liebesleben können alle drei Protagonistinnen nur träumen, die Kindertagesstätte stellt mit utopischen Zulassungsbedingungen und ständigen Krankheitswarnungen auch nur bedingt eine Entlastung dar.

Alle diese ineinandergreifenden Aspekte (vor allem) mütterlichen Lebens bearbeitet Felicitas Darschin mit leichtem Ton. Sie inszeniert die Tagesabläufe ihrer drei Protagonistinnen in einem unterhaltsamen Rhythmus, verflicht dabei gekonnt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten miteinander und verdeutlicht in der Gegenüberstellung der drei Frauen*, dass jeder Lebensentwurf ganz eigene Herausforderungen mit sich bringt.

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Eine besondere Rolle nehmen andere Frauen* als Überbringer des gesellschaftlichen Drucks ein, vornehmlich andere Mütter. Diese ergehen sich in Frau Mutter Tier realitätsnah im andauerndem Wettstreit, wer es am schwierigsten habe und die Mutterrolle am besten erfülle. Auf dem Spielplatz, in der Kita und auch zu Hause werden Julia, Nela und Tine unablässig fachfrau*lich beurteilt, denn die Omas, die mehr oder weniger hilfreich zur Seite springen, sind ja selbst Mütter mit einer ziemlich genauen Vorstellung „guter“ Elternschaft. Drogeriemarktleiterin Gitti (Annette Frier) ist die einzige Frau* im Film, die nicht selbst auch Mutter ist. Aus ihrem genervt ausgespuckten „Mütter!“ spricht dann auch die ganze Herablassung einer Gesellschaft, die von Frauen* einerseits Nachwuchs erwartet, ihnen jedoch gleichzeitig die hieraus erwachsenden Bedürfnisse abspricht und diese Zwickmühle wiederum auf die Unfähigkeit der Frauen* selbst zurückführt. Die Antithese dazu bildet der ehemalige Studienkollege Julias, Dr. Ferdinand von Rackwitz (Max von Thun), der voll des Lobes für seine Frau* ist, die mit mehreren Kindern dennoch ihren beruflichen Weg gemacht habe. Während er die Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit von Müttern grundsätzlich bewundert, ignoriert er allerdings, dass eine gerechte Verteilung der Familienorganisation Frauen* von vornherein entlasten würde. Dennoch: Da die Anerkennung für die Leistungen von Müttern in Julias Leben ansonsten schmerzhaft abwesend bleiben, stellt diese unerwartete Begegnung einen Perspektivwechsel dar. Auch den anderen beiden Protagonistinnen* schenkt Felicitas Darschin durch kleine, aber bedeutungsvolle Lageveränderungen Schwung für einen Neuanfang.

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Der Mensch ist ein Säugetier und selten wird das so deutlich wie beim Thema Fortpflanzung beziehungsweise der Versorgung des Nachwuchses. Es sind diese einfachen physiologischen Grundbedürfnisse, welche Eltern oft als überraschend machtvoll erleben, auf die sich wohl auch der dritte Teil des Titels Frau Mutter Tier bezieht. Die Mütter in Felicitas Darschins Film haben Kinder, die – wie es so schön heißt – „aus dem Gröbsten heraus“ sind. Mit der wachsenden körperlichen Unabhängigkeit des Nachwuchses ist in der Alltagsroutine wieder mehr Zeit für die Persönlichkeiten der Mütter. Mehr oder weniger bewusst sehen sich die drei Frauen* vor die Frage gestellt, wie sie ihr zukünftiges Leben nun gestalten wollen – mit Kindern, vor allem aber mit sich selbst. Jede auf ihre eigene Weise finden Julia, Nela und Tine wieder eine Persönlichkeit jenseits der “Mutterrolle”. In diesem Sinn ist Frau Mutter Tier ein Film über die (Wieder-)Mensch-Werdung seiner Figuren, der ohne eine Wertung der unterschiedlichen Entscheidungen auskommt. Dieser Verzicht auf ein Urteil zum Thema “gute Mutterschaft” ist neben dem treffenden Humor die Stärke des Films. Die letzten Szenen, in denen die drei Mütter ihren individuellen Vorstellungen eines gelungenen Lebens näherkommen, lassen die Aufforderung zu mehr Solidarität durchklingen: Indem sie die verinnerlichten gesellschaftlichen Erwartungen von sich weisen, befreien die Mütter auch andere davon. Das Leben mit Kindern ist schön, aber schwer genug. Machen wir es uns nicht gegenseitig noch schwerer!

DVD-Veröffentlichung: 23.08.2019, bei Amazon: Frau Mutter Tier

Leena M. Peters

Leena M. Peters hat Medienwissenschaften studiert, in der Werbung gearbeitet und Kinder geboren. Vor 5 Jahren reichte das Leben ihr ein paar Zitronen, aus denen sie seitdem als freie Schreibende Limonade macht.
Leena M. Peters

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