Drei Gedanken zu: Rebellinnen

In der französischen Komödie Rebellinnen – Leg dich nicht mit ihnen an! werden drei Arbeitskolleginnen unverhofft zu Komplizinnen. Die ehemalige Schönheitskönigin Sandra (Cécile de France) kehrt nach Boulogne-sur-Mer in den Trailer ihrer Mutter zurück, nachdem sie ihren gewalttätigen Partner verlassen hat. Auf der Suche nach einem Job wird sie an eine Fischkonservenfabrik vermittelt. Dort trifft sie auf ihre ehemalige Mitschülerin Marilyn (Audrey Lamy), die inzwischen alleinerziehende Mutter und drogenabhängig ist, sowie auf Nadine (Yolande Moreau), die mit ihrem Lohn für einen arbeitslosen Ehemann* und zwei Söhne sorgen muss. Die drei Frauen* vereint auf den ersten Blick bis auf ihre Geldnot und Perspektivlosigkeit wenig. Dennoch geraten sie gemeinsam ins Zentrum einer Gangstergeschichte.

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© 2019 Concorde Filmverleih GmbH

Frauen*solidarität statt Opfertum

Als der schmierige Vorarbeiter Sandra wieder einmal bedrängt, setzt sie sich zur Wehr und kastriert ihn dabei versehentlich. Mit dieser skurrilen Szene macht Regisseur Allan Mauduit bereits zu Beginn des Films klar, dass er seine weiblichen* Protagonistinnen keinesfalls als Opfer sieht. Nadine und Marilyn stehen ihrer Kollegin bei. Etwa jede vierte Frau* erlebt sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, doch nur die Hälfte schreitet dagegen ein. Solidarität unter Frauen*, wie sie im Film gezeigt wird, ist deshalb umso wichtiger. Bis zu diesem Vorfall wurde Sandra als “die Neue” skeptisch beäugt. Die Kolleginnen machen ihre Unterstützung jedoch nicht abhängig von Sympathien für die Betroffene.

Als die Frauen* eine Sporttasche voller Geld beim Vorarbeiter finden, geht es nicht mehr um Notwehr. Pragmatisch und ohne jegliche Reue beschließen die Arbeiterinnen, das Geld unter sich aufzuteilen und ihren Chef loszuwerden. Zunächst ist Geldnot die Motivation der drei Heldinnen, dennoch verteidigen sie einander stets gegenüber ihren männlichen* Gegenspieler und wachsen zu einem echten Team zusammen.

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Gangsterinnen statt Gangsterbräute

Rund um das Geld in der Tasche, das aus einem geplatzten Kokaindeal stammt, entspinnt Rebellinnen eine bizarre Gangsterkomödie. Die Handlung ist nicht sonderlich komplex und gleitet oftmals in Slapstick ab. Zuschauer_innen, die britische Komödien schätzen und über Peniswitze kichern können, kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten.

Allan Mauduit nutzt die engen sozialen Verflechtungen von Kleinstädten für allerlei Wendungen. Im Zentrum steht jedoch die Verbindung zwischen den drei Frauen*, die durch ihre Komplizinnenschaft zusammenwachsen. Romantische Beziehungen zur Männern* spielen kaum eine Rolle. Insbesondere Nadine emanzipiert sich von ihrem Ehemann*. Dieser Fokus auf Frauen*freund_innenschaft ist gerade für einen Gangsterfilm ungewöhnlich und unterstreicht das Anliegen des Regisseurs, Frauen* als handelnde Personen ernst zu nehmen.

Immer wieder führt er außerdem das Klischee des Mannes* als starkes Geschlecht ad absurdum. Sandra, Marilyn und Nadine ziehen eiskalt ihren Plan durch und täuschen dabei nicht nur die Gangster, sondern auch den ermittelnden Polizisten. Dabei lassen sie die männlichen* Profis mehr als einmal ziemlich dumm dastehen und behalten schlussendlich die Oberhand.

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Das Klischee der “Assi-Tussi”

Die Klassenzugehörigkeit der Protagonistinnen ist zentral für die Handlung. Rebellinnen thematisiert den Kampf um Geld für die Miete oder die Autoreparatur, die herablassende Behandlung beim Jobcenter, das Ausgeliefertsein gegenüber dem Chef und die Scham, Essen bei der Tafel zu holen. Zugleich bedient Allan Mauduit leider zahlreiche Klischees über die Unterschicht. Sowohl Sandra als auch ihre Mutter waren von häuslicher Gewalt betroffen, was das Klischee bestätigt, nur Männer* aus der Unterschicht würden ihre Frauen* schlagen. Gewalt gegen Frauen* in Paarbeziehungen ist allerdings keine Frage der sozialen Schicht oder Bildung, wie unter anderem eine Studie des BMFSJ von 2009 zeigt.

Der gesamte Werdegang und Auftritt von Sandra entspricht einem völlig ausgelutschten Klischee der “Assi-Tussi”. Als ehemalige Schönheitskönigin beginnt sie zunächst eine Lehre als Friseurin, schlägt sich dann als Erotiktänzerin durch, schafft den sozialen Aufstieg aber nur durch eine Heirat. Die Kostümierung mit Tierprints, tonnenweise Modeschmuck, schlecht gefärbten Haaren, künstlichen Fingernägeln und zu dunklem Lipliner ist wenig kreativ und strotzt nur so vor Sozialchauvinismus und Frauen*feindlichkeit.

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Rebellinnen taugt sicher nicht als sozialkritische Analyse, unterhält seine Zuschauer_innen aber mit rabenschwarzem Humor. Immerhin verzichtet Allan Mauduit auf sexistische Flachwitze, die im Genre der Gangsterkomödie allzu üblich sind. Stattdessen dürfen Frauen* in diesem Film austeilen – ohne Rücksicht auf Geschmacklosigkeiten.

Kinostart: 11. Juli 2019

Lea Gronenberg

Lea Gronenberg ist Politikwissenschaftlerin und Nerd. Filme und Serien sind für sie ein Ort der Zuflucht und zugleich ein Ort für Gesellschaftsanalyse und -kritik.
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