Drei Gedanken zu: Father Mother Sister Brother

Jim Jarmusch‘ Filmschaffen steht lange Zeit für Unabhängigkeit und Underground im US-amerikanischen Autorenfilm. Vor allem seine Veröffentlichungen der 1980er und frühen 90er Jahre zeichnen sich durch Bezüge zu Filmen der Nouvelle Vague aus und präsentieren sich als Vorgänger zum Mumblecore-Genre. Oft beleuchten Jarmusch‘ Werke Bruchstücke zwischenmenschlicher Begegnungen vor minimalistischer Kulisse geprägt von lakonisch-surrealer Stimmung. Mit Anleihen an die frühen Veröffentlichungen der eigenen Filmografie kehrt der Filmemacher nun mit Father Mother Sister Brother zurück zum Episodenfilm, einem Genre, dem er mit Night on Earth (1991) und Coffee and Cigarettes (2003) bereits zwei bekannte Werke hinzugefügt hat. Bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2025 wurde Father Mother Sister Brother mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. In seinem neusten Film tappt Jarmusch allerdings vor allem in die gängigen Fallstricke des Episodenfilms: Uneben, repetitiv, unfertig.

© VagueNotion

Was seinen früheren Werken teilweise zugute kommt – wenig plot- sondern eher gesprächslastig, beobachtend und nicht unbedingt erzählend – tritt bei Father Mother Sister Brother als gähnende Langeweile zutage. In seiner Ideenlosigkeit lädt Jarmusch‘ neuster Film so durchaus dazu ein, über die Langlebigkeit des (US-amerikanischen) Autorenfilmers als Typus nachzudenken und ob ein Ausruhen auf sich ständig wiederholenden Erzählstrategien – weil einst als neu, individuell und interessant gefeiert – nicht schlussendlich dazu führt, dass diese irgendwann ausgeschöpft sind und so als offensichtlicher Stillstand statt Weiterentwicklung auf der Leinwand erscheinen. 

Episodisches Auf und Ab

Eine Hürde eines jeden Episodenfilms ist seine inhärente Inkohärenz. Schließlich handelt es sich um eine Sammlung mal mehr, mal weniger eng verbundener Kurzfilme, die auf verschiedene Weise zu einem Langfilm zueinander finden (zum Beispiel thematisch, durch Genre-Wahl oder Erzählperspektive). Jarmusch entscheidet sich bei Father Mother Sister Brother vor allem für eine thematische Verbindung seiner drei Episoden mit den Titeln „Father“, „Mother“ und „Sister Brother“. Alle drei drehen sich um Familienzusammenkünfte: In „Father“ besuchen die zwei erwachsenen Geschwister Jeff und Emily ihren scheinbar eigenbrötlerischen und einsiedlerischen Vater an der Ostküste der USA, in „Mother“ schauen Timothea (Cate Blanchett) und Lilith (Vicky Krieps) bei ihrer Schriftstellerinnen-Mutter (Charlotte Rampling) in Dublin zum Tee vorbei und in „Sister Brother“ verabschieden sich die Zwillinge Skye und Billy nach dem Tod ihrer Eltern vom Familienheim in Paris. 

© VagueNotion

Wie in jedem Episodenfilm kommt auch Father Mother Sister Brother nicht umhin, dass die Erzählweise der Episoden uneben ist: In Jarmusch’ Triptychon gibt es Plattes („Father“) und visuell Auffälliges („Mother“), Geradliniges („Mother“) und Kryptisches („Sister Brother“), Witziges („Father“) und Melodramatisches („Sister Brother“). Tatsächlich sind so alle drei Episoden auf unterschiedliche Arten langweilig: „Father“ zieht sich wie Kaugummi, „Mother“ zeichnet drei platte und sexistische Frauenfiguren und „Sister Brother“ kommt einfach nicht zu seiner kontinuierlich angedeuteten Pointe, dass hinter dem Tod der Eltern vielleicht mehr stecken könnte, als es den Anschein hat. Sicherlich gibt es auch in den Episoden von Father Mother Sister Brother Aspekte, die Zuschauer*innen auf unterschiedliche Art auffallen oder gar gefallen („Mother“ zeichnet sich zum Beispiel durch ein farblich verspieltes Set Design aus, die Kameraarbeit des Doppels Frederick Elmes und Yorick Le Saux bleibt durchaus in Erinnerung), dennoch können auch diese keine Balance dazu schaffen, dass kaum auszumachen ist, welche Episode hier am wenigsten Eindruck hinterlässt. Auch das muss ein Film, der aufgrund seiner episodischen Erzählweise eigentlich eine Mehrzahl an erinnerungswürdigen Momenten liefern könnte, erst mal schaffen.

Gleich und Gleich

Father Mother Sister Brother erzählt nicht viel Neues. Aber nicht jede Erzählung muss das Rad neu erfinden. Schlimmer ist, dass der Film in seinem wiederholenden Charakter auch nichts Interessantes zu sagen hat. Weder über sein zentrales Thema der Familienzusammenkünfte, noch über die Gestaltung von Episodenfilmen.___STEADY_PAYWALL___ 

Während das weitläufige Thema „Familie“ durchaus deutlich in allen drei Episoden eine Rolle spielt, verbindet Jarmusch seine Geschichten auch über technische und visuelle Spielereien und sich immer wieder wiederholende Phrasen: Rolex-Uhren, ein symbolisches „Nowheresville“, Vogelperspektiven auf Kaffeetische, Skateboarder*innen, die in Slow-Motion durchs Bild fahren, und farblich abgestimmtes Kostümbild – das sind ein paar der Motive, die Jarmusch wenig subtil als verbindende Elemente der Episoden gewählt hat. Über diese andauernden Wiederholungen in Bild und Text versucht der Regisseur, seine Charaktere und die Darstellung ihrer Familiendynamiken über Ländergrenzen, Elternrollen und geschwisterliches Miteinander hinweg zu verbinden. Vielmehr besticht dieses Repetitive aber durch Substanzlosigkeit, die auch erzählerisch nicht aufgefangen werden kann. Tatsächlich fehlt es auf der Erzählebene an tiefergehenden Momenten, die Father Mother Sister Brother und seine thematischen Anleihen wirklich interessant gestalten. 

© VagueNotion

Von der Eigenwilligkeit, für die das Jarmu‘sche Kino einst gefeiert wurde, ist kaum etwas übrig geblieben. Vielmehr scheint es so, als ob Jarmusch an den Hürden, die er sich selbst gestellt hat, in Father Mother Sister Brother scheitert: die minimalistische Umgebung, in der sich seine Charaktere bewegen und erschließen, beschränkt sich auf stilisierte Settings; Kameraeinstellungen, die die ambivalente Stimmung einfangen sollen, wirken etwas zu sehr durchdacht; die humoristische Zeichnung der Charaktere ist nicht viel mehr als eine zu gewollte Überbetonung.

Gesprächsfetzen

Wie sich in kurzer Zeit miteinander sprechen und schweigen lässt, hat Jarmusch bereits in seinem Vignetten-Film Coffee and Cigarettes (2003) in viele Richtungen ausgereizt und unterhaltend gestaltet. Während beim Film von 2003 (inklusive drei Vorgänger-Kurzfilme von 1986, 1989 und 1993) die titelgebenden Kaffee und Zigaretten die verbindenden Elemente waren, sind es bei Father Mother Sister Brother Fragen um (Un-)Wohlsein im Kreise der Familie. Themen wie Entfremdung, fehlende Gemeinsamkeiten, Täuschung aber auch Verbundenheit schneidet Jarmusch in seinem Episodenfilm über Familiendynamiken an. Aus dieser Annäherung an Gegenüberstellungen von unangenehmer Stille und intensiver Verbundenheit hätte der Film durchaus schöpfen können. 

© VagueNotion

Father Mother Sister Brother wirkt aber eher so, als hätte hier Jarmusch drei unfertige Drehbuchideen verfilmt, die irgendwo zwischen Brainstorming und Schreibblockade entstanden sind. Daher gelingt es ihm auch nicht, eine klare Verbindung zwischen allen drei Episoden zu schaffen: Während Episode 2 „Mother“ wie eine nicht zu Ende entwickelte Spiegelung von Episode 1 „Father“ wirkt – eine Art Neustart, nachdem der erste Versuch sich auf dem Papier nicht ganz lösen lassen wollte –, erscheint Episode 3 „Sister Brother“ eher wie ein Nebengedanke. Ihr Bezug zu „Father“ und „Mother“ über das Thema „Familie“ hinaus ist nicht ganz klar. Daher ist „Sister Brother“ deutlich losgelöst von der dichten Verzahnung der beiden davor gezeigten Episoden. Was durchaus Potenzial für Beobachtungen zu Eltern und ihren Beziehungen zu ihren erwachsenen Kindern hätte haben können (Beziehungen, die sich durchaus durch Komplexität sich verschiebender Rollen und Veränderungsprozesse auszeichnen), verläuft sich in Father Mother Sister Brother in wenig neuen Charakterkonstellationen, atmosphärischem Stillstand und Figurenentwicklung, die kaum über das Wesentlichste an Charakterzeichnung hinausgeht.

Kinostart: 26. Februar 2026

Sabrina Vetter
Letzte Artikel von Sabrina Vetter (Alle anzeigen)