Birds of Passage

Lea Gronenberg

Birds of passage ist ein eindrucksvolles Familienepos, das ebenso Elemente einer sorgfältigen Ethnografie und eines dramatischen Gangsterfilms enthält. Erzählt wird die Entstehung kolumbianischer Drogenkartelle in einer Zeitspanne von 1968 bis in die 1980er aus Sicht eines Wayuu-Stammes. Die Wayuu sind ein indigenes Volk, das auf der Halbinsel La Guajira angesiedelt ist, welche heute zum Staatsgebiet von Venezuela und Kolumbien gehört. Die Bräuche der Wayuu bilden ein zentrales Element des Films und werden von den Regisseur_innen Cristina Gallego und Ciro Guerra authentisch und nahezu dokumentarisch inszeniert. Lediglich die Hauptcharaktere werden durch professionelle Schauspieler_innen dargestellt. Alle weiteren Rollen wurden durch Laien besetzt, die aus der Gegend der Wayuu stammen, ihre Sprache beherrschen und ihre Situation kennen.

© Ciudad Lunar Blond Indian-Mateo Contreras

Die Eingangsszene zeigt, wie Zaida (Natalia Reyes) nach einem Jahr der Stille in die Dorfgemeinschaft zurückkehrt. Dieses Ritual markiert den Übergang eines Mädchens* zur Frau*. Der Yonna-Tanz, bei dem Zaida in einem roten Gewand über den Wüstensand fegt und nahezu bedrohlich ihren Tanzpartner* verfolgt, wird von der Schauspielerin Natalia Reyes eindrucksvoll ausgeführt. Mit dem Yonna-Tanz wird die Kraft der Frauen* gefeiert. Rapayet (José Acosta) zeigt in diesem Ritual, dass er Zaida ebenbürtig ist und fordert sie auf, seine Frau* zu werden. Bei den Wayuu werden Abstammung und Erbschaft matrilinear, also über die weibliche* Linie von der Mutter* an die Tochter*, weitergegeben. Bevor Rapayet in die Familie einheiraten darf, verlangt Zaidas Mutter und Matriarchin Úrsula (Carmiña Martínez) eine hohe Mitgift.

Als Rapayet auf einige amerikanische Hippies trifft – wir befinden uns im Jahr 1968 – wittert er seine Chance ins Marihuanageschäft einzusteigen, um genug Geld für die Eheschließung aufzubringen. Ein schönes Detail der Begegnung ist, dass die „Gringos“ als Fremde auf dem Gebiet der Wayuu in der deutschen Synchronfassung im Gegensatz zu den Wayuu mit Akzent sprechen. Hierdurch wird deutlich, dass die Amerikaner_innen aus Sicht der Wayuu die “Fremden” sind. Die akzentfreie Synchronisierung der Wayuu unterstreicht, dass Birds of passage ihre Perspektive einnimmt. Mit dem Drogenhandel bringt Rapayet den Kapitalismus in die Stammesgemeinschaft, was nach und nach zu einem Bruch mit den Traditionen führt. Die Familie tauscht die traditionellen Hütten gegen Haziendas, die in der Wüstenlandschaft verloren und surreal wirken. Die Kleidung entspricht der US-amerikanischen Mode.

© Ciudad Lunar Blond Indian-Mateo Contreras

Auch die Geschlechterverhältnisse werden den Erwartungen der internationalen Handelspartner angepasst: Die Drogengeschäfte werden von den Männern* geführt. Úrsula, die als einzige an den Bräuchen festhält, verliert ihre Macht innerhalb der Gemeinschaft. Rituale wie die Totenwache oder der Wortboten erfüllen im Kapitalismus nur noch die Funktion die Geschäftsbeziehungen der Männer* zu stärken. Die Frauen* werden in den privaten Raum zurückgedrängt, der erst durch die Auflösung des gemeinschaftlichen Lebens in der Dorfgemeinschaft entstehen konnte. Die Ratschläge Ùrsulas, die auf ihrer Intuition beruhen, werden nicht ernstgenommen. Ebenso wird Úrsulas Wunsch, der Enkelin Indira (Aslenis Márquez) das Knüpfen einer Mochila beizubringen, als unwichtig abgetan. Die Form dieser traditionellen Wayuu-Tasche symbolisiert die Verbindung zur Mutter*, die in der Matrilinearität eine wichtige Rolle einnimmt. Heute werden die handgefertigten Taschen vor allem an Tourist*innen verkauft, auch der Yonna-Tanz wird Reisenden als Show angepriesen, ihre kulturelle Bedeutung ist einer Verwertungslogik gewichen.

© Ciudad Lunar Blond Indian-Mateo Contreras

Im Verlauf wird Birds of passage mehr und mehr zum Gangsterfilm. Bei einer Geldübergabe in der Wüste kommt es zum Showdown im Westernstil. Die Verhandlungen zwischen den Familien werden begleitet durch schwerbewaffnete Bodyguards. Insgesamt werden die Auseinandersetzungen blutiger, je größer die Verteilungskämpfe werden. Allerdings verzichten Cristina Gallego und Ciro Guerra auf explizite Gewaltdarstellungen. Diese sind auch überhaupt nicht notwendig, um deutlich zu machen, wie Rapayet mit seinen Geschäften die gesamte Familie immer weiter an den Rand des Abgrunds treibt. Insbesondere Úrsula leidet darunter, den Zugang zu ihren Traditionen und damit ihre Macht zu verlieren. Sie kann das Schicksal ihres Stammes nicht mehr vorhersagen, geschweige denn beeinflussen. Cristina Gallego und Ciro Guerra verklären dabei nicht die traditionelle Lebensweise der Wayuu, sie stellen aber deutlich dar, dass die Einführung kapitalistischer Praktiken nicht nur zivilisatorischen Fortschritt bedeutet. Mit dem Kapitalismus werden nicht nur Reichtum, neue Häuser und modische Kleidung, sondern auch Schusswaffen und Alkoholmissbrauch in die Gemeinschaft des Stammes eingeführt.

Beispielhaft ist dieser Wandel an Leonídas (Greider Meza) zu beobachten. Als seine Familie in das Drogengeschäft einsteigt, ist er noch klein. Er wächst mit dem Selbstbewusstsein auf, seinen Willen mit Geld oder Gewalt durchsetzen zu können und demütigt Menschen in seinem Umfeld zu seinem Vergnügen. Mehrfach wird sein übergriffiges Verhalten gegenüber Victoria (Luisa Alfaro), der Tochter des Geschäftspartners, gezeigt: Leonídas beobachtet Victoria heimlich beim Umziehen, er versucht sie zu begrapschen, wird jedoch von den Frauen* ihrer Familie daran gehindert. Schließlich vergewaltigt er sie.

Cristina Gallego und Ciro Guerra gelingt es, das schwierige Thema der Vergewaltigung ohne Effekthascherei zu behandeln. Zu oft wird sexualisierte Gewalt im Film ästhetisiert oder sie dient lediglich dazu, einem männlichen* Charakter mehr Tiefe zu verleihen, sei es als Bösewicht oder als Rächer. In jedem Fall ist es für Betroffene oft nur schwer zu ertragen, wenn Vergewaltigung explizit gezeigt wird, daher ist es begrüßenswert, dass die Regisseur_innen diese Darstellung vermeiden. Die Vergewaltigung ist in die Handlung eingefügt und bleibt nicht ohne Konsequenzen. Allerdings verschwindet Victoria einfach aus der Geschichte, die Perspektive der Betroffenen wird ausgeblendet – die Auseinandersetzung erfolgt zwischen den Familien und den Geschäftsmännern.

© Ciudad Lunar Blond Indian-Mateo Contreras

Geschichten vom Drogenhandel in Kolumbien werden in Hollywood in der Regel durch Antihelden wie Pablo Escobar erzählt, im Mittelpunkt stehen Geld und Macht. Als einer der mächtigsten und brutalsten Drogenhändler der Welt konnte er sich über Jahre den Behörden entziehen und erlangte zu Lebzeiten großen finanziellen Reichtum. Auch wenn er schließlich erschossen wurde, zählt er damit im Kapitalismus zu den wenigen Gewinnern. Birds of passage nimmt sehr bewusst eine andere Perspektive ein. Für Úrsulas Stamm führt der Drogenhandel nur kurzzeitig zu Reichtum. Langfristig zerstört er die Familie und führt sie ins Verderben. Diese Abwärtsspirale entwickelt sich langsam und verursacht ein anhaltendes Unbehagen, das sich nicht greifen lässt.

Cristina Gallego und Ciro Guerra verpacken in einem teils surreal anmutenden Arthouse-Film eine subtile Kapitalismuskritik und verleihen gleichzeitig der indigenen Bevölkerung Kolumbiens, die von Gewalt und gewaltsamer Vertreibung bedroht sind, eine Stimme.

Kinostart: 4. April 2019