Berlinale: Confetti Harvest

© Berlinale

© Berlinale

Ronja Räubertochter ist meine Lieblings-Kinderfilmheldin. Doch wie komme ich jetzt ausgerechnet auf diese Lindgren-Figur? Wo ist der Zusammenhang zwischen den Ritterburgen im Mattes- und Borka-Wald und der religiösen Gemeinschaft in den ländlichen Niederlanden, die uns Tallulah Hazekamp Schwab in ihrem Spielfilmdebut präsentiert?

Beide Geschichten erzählen von einer jungen Heldin, die die Fehler im System ihrer Gesellschaft entdeckt. Ronja merkt, dass die Feindschaft der Räuberbanden niemanden weiterbringt und alle nur gemeinsam wirklich stark sein können. Aber wie jede Rebellion stößt auch ihre zunächst auf Unverständnis und ist nicht gern gesehen und Ronja muss alles – sogar die Liebe des Vaters – riskieren, um ihren Grundsätzen treu zu bleiben.

Ähnlich ergeht es auch Katelijne (Hendrikje Nieuwerf), die sich einfach nicht recht in die Rolle eines protestantisch-frommen Mädchens fügen will. Der obligatorische Rock stört aber auch total beim Radfahren und im Blaumann die Kühe zu füttern macht viel mehr Spaß als Stricken und Häkeln. Als einziges Mädchen unter lauter Brüdern scheint Katelijne von allem ausgeschlossen zu sein was Spaß macht. Und die im Gesicht der Mutter eingemeißelte Bitterkeitsmiene zeugt davon, dass sich daran auch zukünftig nichts ändern wird. Eine gute Frau – so scheint es – hält nicht nur das Haus in Ordnung, sondern übt sich auch in demütigem Verzicht.

Doch Katelijne will nicht verzichten und ihr Beharren auf Freiheit, Spaß und letztlich Lebensqualität wird stets mit Ablehnung quittiert. Die Mutter fragt sich gar, womit sie ein solches Kind verdient habe, und ist sich der hiermit ausgeteilten verbalen Ohrfeige nicht im Mindesten bewusst. Kommentare dieser Art gehen auch an Katelijne nicht spurlos vorbei. Sie gibt sich Mühe. Sie will weniger eine „gute Frau“ sein, als von den Eltern eben jene Anerkennung erfahren, die für das kindliche Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl so fundamental ist. Doch je mehr Katelijne die Welt um sich herum beobachtet, desto skeptischer wird sie, ob sie hiervon wirklich ein Teil sein will.

© Berlinale

© Berlinale

Obwohl sich die Hauptfigur in Confetti Harvest an den patriarchalen Strukturen einer streng christlichen Gemeinschaft in den ländlichen Niederlanden Ende der 80er Jahre abarbeitet, sind viele ihrer Kämpfe ohne Weiteres auf unseren Alltag übertragbar. Katelijne muss stets mehr leisten, um Anerkennung zu erfahren, als ihre Brüder. Und misslingt ihr doch einmal etwas, wird dies umgehend auf ihr Geschlecht zurückgeführt. Des Weiteren bezieht sich ein großer Teil des elterlichen Tadels und damit auch ihrer Rebellion auf das Auftreten – ihre Kleidung, Frisur und ihr Verhalten. Auch wird Katelijne durch die streng religiöse Haltung ihrer Eltern der Weg zu höherer Bildung erschwert. Eine Szene sexueller Belästigung durch einen Fremden, dem Katelijne sich in ihrer Naivität und Hilflosigkeit anvertraut, fehlt hier ebenso wenig wie die Reduzierung des weiblichen Genitals auf den Geburtsvorgang. Das einzige Bild, das Katelijne zur Erforschung des eigenen Körpers zur Verfügung steht, ist die Illustration eines Zeitschriftenartikels zu eben jenem Thema.

Und so spiegelt Confetti Harvest trotz des sehr speziellen Settings der Geschichte Probleme wieder, mit denen sich Mädchen in unterschiedlichem Ausmaß überall auf der Welt konfrontiert sehen. Doch Tallulah Hazekamp Schwab bleibt nicht dabei, einen mahnenden Zeigefinger zu erheben. Katelijne ist kein passives Opfer, das in den Strudel einer tragischen Abwärtsspirale gerät. In ihren schelmischen Augen spiegelt sich wachsende Erkenntnis. Immer wieder zeigt Hazekamp Schwab das Gesicht ihrer kleinen Heldin in Großaufnahme und lässt uns, die Zuschauer_innen, damit die Welt durch ihre Augen sehen. Nach und nach setzen sich die Einzelschicksale in Katelijnes Umfelds zu einem großen Bild des Unglücks zusammen. Das Mädchen und auch wir verstehen, dass in diesem System niemand glücklich ist – weder die Frauen, noch die Männer.

Dass der finale Befreiungsschlag schließlich so märchenhaft daherkommt, ist keine Schwäche, sondern eine Stärke des Films. Es ist die kindliche Leichtigkeit, die hier nach all der elterlichen und patriarchalen Unterdrückung endlich zum Tragen kommt. Ein Moment der reinen Freude und des unbeschwerten Spiels. Katelijne hat den Weg, den die Gesellschaft für sie vorgezeichnet hat, erkannt und sich bewusst für einen anderen entschieden. Ob das im Kontext ihres strengen Elternhauses nun realistisch ist oder nicht, spielt an dieser Stelle eine untergeordnete Rolle. Es ist die Botschaft, die zählt: Mut zum Anderssein; Mut gegen diskriminierende Strukturen und Traditionen zu kämpfen; Mut sich nicht mit weniger zufrieden zu geben, sondern alles zu wollen.

Das ist es was eine gute Kinderheldin ausmacht. Ob Rabauken-Ronja, Anarcho-Pipi oder eben Konfetti-Katelijne: Sie alle brechen mit dem Bild des braven Mädchens und legen den Finger tief in die Wunder ihrer Gesellschaft. Denn sie wissen nicht nur was falsch läuft, sie sind auch mutig genug, etwas dagegen zu unternehmen!

Aufführungstermine bei der Berlinale 2015

Sophie Charlotte Rieger

Sophie (Charlotte Rieger) ist die Gründerin von FILMLÖWIN und arbeitet als freie Autorin und Speakerin zu den Themen Film und Feminismus.
Sophie Charlotte Rieger