After Passion

von Sophie Brakemeier

Es wäre so einfach, Jenny Gages Buchverfilmung After Passion als geschmacklosen „Frauen*film“ zu diffamieren. Es wäre so einfach, auf die offensichtliche Widersprüchlichkeit hinzuweisen, die sich zwischen der Aussage von Produzentin Jennifer Gibgot, die Geschichte hätte „nichts Kitschiges“ an sich, und dem Film wie auch seinem Marketing auftut. Aber „Kitsch“ ist oft nur eine abwertende Beschreibung für Dinge, die Frauen* gut finden und kratzt als Analysekategorie nur an der Oberfläche. Das Problem mit After Passion ist nicht, dass der Film kitschig – also melodramatisch, relatitätsfern oder stillos – ist, sondern dass er Beziehungsvorstellungen transportiert, die absolut besorgniserregend sind.

Doch mal ganz von vorn: Tessa Young (Josephine Langford), Vorzeigeschülerin und gut behütete Tochter, beginnt ihr Studium am College. .Gleich am ersten Tag wird sie mit sozialen Realitäten konfrontiert, die ihr bis dato nur allzu fremd waren. Ihre kiffende, bisexuelle Zimmergenossin Steph (Khadihja Red Thunder) nimmt sie gleich unter ihre Fittiche und führt sie ins hedonistische Collegeleben ein. Ab hier positioniert der Film seine Charaktere durchgehend auf einer Achse, auf der das eine Ende spießig und das andere Ende cool und rebellisch definiert ist. Alkohol und Drogen? Cool! Tessa hat ein Problem damit, beim Umziehen beglotzt zu werden? Spießig! Tessas Mitschüler und die männliche Hauptfigur des Films  Hardin Scott (Hero Fiennes Tiffin) bewegt sich auf dieser Achse ständig auf und ab – das soll ihn wohl irgendwie interessant, gar geheimnisvoll machen. Er steht auf Parties UND Jane Austen, er ist stark tattoowiert und trotzdem der Sohn des College-Rektors. Wow.

© 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Mit eben diesem Hardin soll Tessa nun im Rahmen eines Wahrheit-oder-Pflicht-Spiels rumknutschen. Was jetzt passiert sollte eigentlich kaum der Rede wert sein und ist trotzdem einfach großartig: Sie weigert sich. Tessa setzt ihren Willen gegen übergriffigen Gruppenzwang durch lebt glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Zumindest hätte die Geschichte hier so gut enden können, aber leider sind gerade mal knapp 15 Minuten des Films vergangen. Diesen Korb kann Hardin natürlich nicht auf sich sitzen lassen und macht es sich fortan zur Aufgabe Tessa aus Rache für diese Demütigung erst zu verführen, um ihr dann das Herz zu brechen. Es kommt natürlich, wie es kommen muss und er verliebt sich wirklich so richtig unsterblich in sie. Was jetzt folgt würden Werbetexter_innen wohl als “Achterbahnfahrt der Gefühle” bezeichnen und in einer Hinsicht stimmt das auch: Empfindlichen Mägen treibt es ganz sicher die Kotze hoch.

50 Shades of Cruel Intentions

Einige Urteile lassen sich über After Passion schnell treffen. Der Film ist beispielsweise nicht besonders innovativ. Er ist gespickt mit formelhaften und bereits zigfach erzählten Versatzstücken. Die Eroberung von Frauen* als Teil einer Challenge wurde zum Beispiel schon prominent in Filmen wie Eine wie keine oder Eiskalte Engel als Plotline platziert. Während Eiskalte Engel wenigstens noch den Anstand hatte, sich des manipulierenden Arschlochs gespielt von Ryan Phillippe am Ende zu entledigen, müssen wir Hardin Scott wahrscheinlich noch in weiteren Filmen der After-Reihe ertragen. Auch das ständige Auf und Ab in der Liebesgeschichte zwischen Tessa und Hardin, die sich abwechselnde Distanz und Leidenschaft seinerseits, erinnert nicht nur an die perfiden Strategien misogyner Pick-Up-Artists, sondern vor Allem an die abusiven Beziehungskonstellationen in anderen populären Love Storys wie der Twillight Saga oder Fifty Shades of Grey.  Beide Filme zeichnen gefährlich romantisierte Bilder von wiederholten Grenzüberschreitungen unterschiedlichster Natur.

© 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Doch ganz so arg wie Ana in 50 Shades Of Grey ist Tessa in After Passion der emotionalen Instabilität ihres Konterparts dann doch noch nicht verfallen – wenn auch die Szene, in der sich Tessa und Hardin innig über dem Werk Wuthering Heights von Emily Brontë näherkommen, erschreckend an den Beginn der „Liebes“geschichte zwischen Ana Steele und Christian Grey über feministischer Literatur erinnert. Und obwohl der Film nicht müde wird, Tessa in ein Abhängigkeitsverhältnis mit Hardin zu drängen,  werden ihr in After Passion immer wieder Momente der Kontrolle über ihr soziales Leben und ihren Körper gegönnt. So ist es dem Film positiv anzurechnen, dass ihr erster Sex wirklich vollkommen von der Heldin selbst initiiert wird. Selbst  Verhütung zeigt der Film wie selbstverständlich und versteckt sie nicht im Dienste der Illusion absoluter körperlicher Verschmelzung .

Doch ist es trotzdem immer noch Hardin, der sie dazu drängt mit ihm zusammenzuwohnen, nachdem Tessas Mutter beschlossen hat ihr (wegen ihm) die finanziellen Mittel zu streichen. Es ist immer noch Hardin, der in seiner Dominanz soviel Raum in Tessas Leben einnimmt, dass sie sich nicht mehr mit ihren übrigen Freund_innen trifft. Es ist unerträglich anzusehen, wie Tessa sich dem manipulativen Verhalten Hardins hingibt. Ohne Wenn und Aber folgt sie seinen Ratschlägen und Ideen. Ohne mit der Wimper zu zucken betrügt sie ihren Highschoolfreund mit ihm und lässt ihre Mutter fallen. Seine aggressiven Ausfälle und Prügelattacken nimmt sie weitestgehend hin, sind sie doch anscheinend eh nur die Folge einer destruktiven Vater-Sohn-Beziehung.

© 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Diese ganze Dynamik verkauft der Film als die Romantik junger Liebe. Als es zur (leider) vorübergehenden Trennung kommt, besucht Tessa ihren Ex-Freund Noah (Dylan Arnold) und entschuldigt sich bei ihm für ihr Verhalten. Es hätte Tessas Empowerment definitiv nicht geschadet, das abusive Verhältnis zu Hardin erst einmal in Ruhe zu reflektieren. Gleichzeitig aber ist es fast schon beruhigend zu sehen, dass diese Frauenfigur auch ein Leben abseits dieser Beziehung hat – ein kleines Aufatmen, obwohl es mit Noah natürlich schon wieder um einen Mann* geht.

Das Aufatmen bleibt wahrlich ein sehr kleines, denn natürlich kehrt Tessa zu Hardin zurück. Frauen*, so lehrt uns After Passion, müssen halt in einer missbräuchlichen Beziehung einfach nur lange genug durchhalten, um ihr Liebesglück zu finden. Wieder einmal also erzählt ein Film davon, wie eine Frau* toxische Männlichkeit heilt, anstatt dem weiblichen Publikum Anreize zu geben, sich aus abusiven Beziehungskonstellationen zu befreien.

Falsche Richtung und One Direction

Als wäre dies alles nicht schon schlimm genug, gibt die Entstehungsgeschichte des Films dieser Betrachtungsweise noch einen perfideren Touch. Wie 50 Shades Of Grey basiert auch After Passion auf einer Fanfiction. Fanfictions bezeichnen Geschichten, die von Fans über bestimmte Franchises, Gruppen oder Personen meist online veröffentlicht werden. Im Jahr 2013 fing die Autorin Anna Todd an, online eine Geschichte zu schreiben, die sich um Harry Styles, den Sänger der Boygroup One Direction, drehte. Die Story wurde insgesamt über eine Milliarde mal aufgerufen und daraufhin als Buchreihe verlegt. Der Film ist nun die direkte Leinwandadaption des ersten Buches und das zweifelhafte Omen dafür, dass im schlimmsten Fall noch vier Fortsetzungen folgen.

© 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Fanfiction als niedrigschwellige, literarische Kulturtechnik eröffnet seinen Autor_innen viele Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks, denn sie unterliegen nicht dem Druck der Gewinnmaximierung. Da mensch in diesem Kosmos explizit für Gleichgesinnte schreibt, kann das durchaus empowernd sein. Gerade Frauen* finden  hier einen virtuellen Schutzraum, in dem sie weitestgehend ungestört von männlich* dominierter Literatur- und Unterhaltungsszene ihre Geschichten und Fantasien veröffentlichen,sich gegenseitig Feedback geben und unterstützen können.

In der Geschichte von After Passion zeigt sich aber leider, wie tief problematische Vorstellungen von Männlichkeit* und Romantik in den Köpfen junger Frauen* verankert sind. Statt eine Fantasie zu entwerfen, in der sie der Partner mit Respekt behandelt, eine Beziehung auf Augenhöhe stattfindet oder sie wenigstens Rachegelüste an manipulierenden Mistkerlen auslassen kann, lässt Anna Todd ihre Frauen*figur lieber über 2500 Seiten lang an der Seite eines manipulativen Mannes leiden

© 2019 Constantin Film Verleih GmbH

Der Film übernimmt dieses bittere Narrativ unkritisch und macht es dadurch einem noch größeren Publikum zugänglich. Hinter einer makellosen Filmsprache, glatt polierten Bildern, durchgängig normschönen Darsteller_innen und einem ansprechendem Soundtrack verbirgt sich die hässliche Fratze internalisierter Misogynie. Mensch kann nur hoffen, dass Jenny Gage – so sie denn die weiteren Verfilmungen auch übernimmt – die Ära After Passion doch noch in emanzipatorisch wertvollere  Bahnen lenkt oder schnell wieder zu beenden vermag.. Viele junge Frauen* – ob nun One Direction-Fans oder nicht – würden es ihr spätestens dann danken, wenn sie den eklatanten Unterschied zwischen Grenzüberschreitung und Romantik am eigenen Leib erleben.

Kinostart: 11. April 2019

Sophie Brakemeier

Sophie Brakemeier ist Medienwissenschaftlerin, Feministin, Rugbyspielerin und Punk-Fan. Wenn sie könnte, würde sie alles davon gleichzeitig betreiben – immer mit vollem Körper- und Kopfeinsatz!
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