FFMUC 2017: Vivir y otras ficciones – Der Kampf um unsere Körper

Als ich Hauptdarsteller Antonio Centeno vor dem Screening zu Vivir y otras Ficcions traf, war er pessimistisch was mein Fazit zu diesem Film anging. Ich hatte Antonio 2015 beim Pornfilmfestival in Berlin kennengelernt, wo ich die Ehre hatte, seinem Film Yes We Fuck! einen Preis zu verleihen. Seitdem sind wir bei Facebook befreundet, schreiben uns ab und zu, verweisen auf unsere jeweiligen Projekte. Kurzum: Antonio kennt meine Arbeit und meine Perspektive auf Film und Leben. Und Vivir y otras ficciones, da musste ich ihm  Recht geben, hatte keine guten Voraussetzungen: Ein Film von einem Regisseur über zwei Männer*. Nahezu ausgeschlossen, dass ein Text zu diesem Film es auf die FILMLÖWIN schaffen könnte, aber hier ist er. Denn: Vivir y otras ficciones ist in meinen Augen ein zutiefst feministischer Film.

Antonio spielt zum Teil sich selbst, einen körperbehinderten Menschen, der sich für das Recht auf Sexualität und im Zuge dessen für Sexualassistenz engagiert. Sein Pfleger bzw. Assistent im Alltag im Film heißt Pepe (Pepe Rovira), erholt sich gerade von einem längeren Psychiatrieaufenthalt und träumt von einer Wiederannäherung an seinen Sohn. Eigentlich verstehen sich Pepe und Antonio außerordentlich gut, doch über die Frage der Sexualassistenz können sie sich nicht einig werden. Und plötzlich kommt Pepe nicht mehr. Warum? Kann er die Kluft der Meinungsverschiedenheit nicht überwinden oder ist er unter seinen eigenen Problemen zusammengebrochen?

© Filmfest München

Es ist offensichtlich: Vivir y otras ficciones ist ein Film über zwei Männer* und Frauen* treten tatsächlich vornehmlich in zwei Funktionen auf, nämlich als Krankenpflegerin und als Prostituierte. Doch hier über den ersten Blick nicht hinauszugehen, ist ein großer Fehler. Kurz vor Schluss des Films zeigt uns Regisseur Jo Sol eine orgiastische Fetischparty, deren Besucher_innen augenscheinlich queer oder körperbehindert oder beides sind. Und wie Antonio nach dem Filmscreening erklärte, ist der Zusammenschluss dieser beiden Bewegungen, also der queeren und der von Menschen mit Behinderung, ein ganz entscheidender. Denn beiden geht es um die Akzeptanz des Körpers, um die Freude daran, um die Freiheit so sein und begehren zu dürfen, wie wir sind. Und eben jene Themen sind nicht nur queer, sondern auch von Grund auf feministisch.

Der Antonio im Film (und übrigens auch im echten Leben) kämpft um eine selbstbestimmte Sexualität. Er kämpft um ein unabhängiges Leben, um Respekt und Privatsphäre. Als Mensch anerkannt zu werden, der ein Recht auf eine selbstbestimmte und erfüllende Sexualität hat, ist auch im 21. Jahrhundert leider noch ein klassischer feministischer Kampf. Frauen* setzen sich auch heute noch dafür ein, nicht nur als Objekte, sondern auch als Subjekte des Begehrens gesehen zu werden. Und sie kämpfen auch um ihr Recht auf Vielfalt, darum nicht nur einem ganz bestimmten (Körper)Bild zu entsprechen. Sie kämpfen darum, sich mit sich selbst wohlfühlen und glücklich sein zu können.

Der Körper der Frau* ist zahlreichen Diskursen um Schönheit ausgesetzt. Wer zu dick ist, zu viele Haare an den falschen Stellen hat, zu kleine oder zu dicke Brüste, zu lange innere Schamlippen und so weiter und so fort, ist mangelhaft. In einer Welt, die uns ständig mit immens künstlichen Schönheitsidealen konfrontiert, denen wir gar nicht gerecht werden KÖNNEN, und in der wir anhaltend Gesprächen über diese Ideale ausgesetzt, ist der Kampf um ein positives Körpergefühl ein sehr realer. Selbstredend lassen sich Brüste mit mehr Schwerkraftneigung nicht mit einer Körperbehinderung vergleichen, wie Antonio sie hat. Natürlich schränkt letztere ihn auch an ganz anderen Stellen in seinem Leben ein und natürlich wird seine Körperlichkeit noch als weitaus „abnormaler“ empfunden. Daraus ergibt sich allerdings wieder die alles entscheidende Frage: Was zum Teufel ist eigentlich normal?

Die Idee der Queerness ist es, sich um diese Frage keine Gedanken mehr zu machen, nicht mehr nach der Schublade zu suchen, in der wir es uns endlich bequem machen können. Für manch eine_n mag es eine solche Schachtel geben. Für mich gibt es sie nicht und für viele, viele Menschen, die ich kenne, ebenso wenig. Queerness bedeutet also, die Normierung von Körper zu überwinden, egal ob es dabei um Geschlechtsidentitäten oder Körperformen geht. Groß, klein, dick, dünn, gelähmt, spastisch, mit Beine, ohne Beine und so weiter. Queerness bedeutet auch, sich von der Idee zu verabschieden, irgendeine dieser Körperformen wäre schöner als die andere. Queerness bedeutet: Alle Körper sind schön!

© Filmfest München 2017

Und es ist eben jenes Gefühl, dass Vivir y otras ficciones vermittelt und mit dem der Film all jene Menschen zu rühren vermag, die auf die eine oder andere Weise Antonios Kampf kämpfen. Denn auch das Recht auf die eigene Sexualität ist mitnichten selbstverständlich. Gesellschaftliche Normen wie Heterosexualität oder auch konservative Stimmen, die Erotik mit Sünde gleichsetzen, säen eine Scham für natürliche Bedürfnisse, die tiefe Wurzeln in unserem Selbstwertgefühl schlägt. Und genau an diesen Wurzeln packt Jo Sol mit seinem Film an.

Nun ist der Diskurs um Antonios Recht auf Sexualität viel größer als die Frage nach gesellschaftlicher Akzeptanz. Und auch hier kommt wieder Feminismus ins Spiel. Denn der fiktive wie auch der reale Antonio Centeno engagieren sich für Sexualassistenz, also für Sexarbeiter_innen, die Menschen mit Behinderung den selbstbestimmten Zugang zu ihrem eigenen Körper ermöglichen. Einerseits wird Sexualität in diesem Diskurs als Menschenrecht begriffen, das wiederum die Finanzierung dieser Dienstleistung durch beispielsweise Kranken- und Pflegekassen rechtfertigt. Gleichzeitig geht es Antonio und seinen Mitstreiter_innen auch um die Akzeptanz von Sexarbeit als legitime und respektierte freie Berufswahl. Und auch das ist, insbesondere zur Zeit, ein wichtiger feministischer Diskurs.

Zugegeben: Eine der beiden Hauptfiguren hätte weiblich* sein, im Film mehr weibliche* Klientinnen (immerhin gibt es eine!) und männliche Sexarbeiter auftreten können. Doch Vivir y otras ficciones ist in meinen Augen dennoch ein feministischer Film. Er ist unbeschreiblich empowernd, denn wie Antonio sich und seinen Körper genießt und für diesen Genuss einsteht, beflügelt nicht nur seinen Leinwand-Freund Pepe, sondern auch uns. Es ist durch und durch ein „emanzipatorisch wertvoller“ Film.

Vivir y otras ficciones ist politisch, revolutionär, berührend und die Seele streichelnd. Es gibt schlicht und einfach keinen Grund, diesen Film nicht zu sehen und umso mehr Gründe es zu tun. Wer also die Möglichkeit hat, sollte nicht zweimal darüber nachdenken. Denn von einem deutschen Kinostart ist Vivir y otras Ficciones leider (noch) weit entfernt.

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