Paula heißt eigentlich Modersohn-Becker

Im Kino scheint die Zeit der Frauen*-Biographien angebrochen zu sein. Das ist erst einmal eine gute Nachricht, denn es wurde höchste Zeit. Paula war zum Zeitpunkt der Sichtung für mich nach Marie Curie und Nelly das dritte weiblich* angeführte Bio-Pic binnen zweier Wochen. Nach Wissenschaft und Literatur ging die Reise durch das Leben faszinierender Frauen* mit der darstellenden Kunst weiter. Paula Modersohn-Becker nämlich, für all jene, denen der Name noch kein Begriff ist, war eine bedeutende expressionistische Malerin. Als Zeitgenossin von Marie Curie musste sich auch Modersohn-Becker nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Frau* in einer Männer*welt beweisen, die dem „schwächeren Geschlecht“ keinen Schöpfungsgenius zutraute.

© Pandora Films

© Pandora Films

Vom männlichen* Kunstbegriff

Und da wären wir auch schon beim ersten feministischen Themenkomplex des Films, nämlich der Frage nach dem Kunstbegriff, die heute ebenso aktuell ist wie damals. Paula Modersohn-Becker distanzierte sich vom naturalistischen Darstellungsstil ihrer Kollegen, setzte den Bemühungen um Präzision eine von Gefühl getragene Abbildung der eigenen Wahrnehmung entgegen. Oder anders formuliert: Einer patriarchalen Vorstellung von der objektiven „Richtigkeit“ begegnete sie mit Subjektivität. Kein Wunder, dass sie damit vor allem auf Unverständnis stieß.

Die Frage nach dem Wesen der Kunst ist für den feministischen Diskurs immer noch brandaktuell. Der Umstand, dass Regisseurinnen dieser Tage bei renommierten Festivals noch immer stark in der Unterzahl sind, kann beispielsweise ebenfalls auf einen Kunstbegriff zurückgeführt werden, der männlich* konnotiert und nicht zuletzt auch von Männern* formuliert ist. Christian Schwochos Paula jedoch ist an solch einer Analyse wenig gelegen. Zwar zeigt der Regisseur seinem Publikum die sexistische Rollenverteilung in der Kunst durch eine Überzahl an Aktmodellen, doch geht er nicht die Tiefe. Es bleibt beim Offensichtlichen: Männer* malen, Frauen* werden gemalt. Auch von Paula Modersohn-Becker.

© Pandora Films

Keine halben Sachen – Eine Frau*, die alles will

Paula ist auf den ersten Blick als Film über Emanzipation angelegt. Wir sehen eine Heldin, die gegen gesellschaftliche Normen aufbegehrt, sich nicht mit der Rolle einer Hausfrau* und Mutter zufrieden geben, sondern selbst Kunst schaffen möchte. Und nicht nur das: Paula ist eine Frau*, die alles will. Drei bedeutende Bilder und ein Kind, so formuliert sie an einer Stelle ihr persönliches Lebensziel. Der Anspruch, sich nicht zwischen Selbstverwirklichung und Mutterschaft entscheiden zu müssen, ist im positiven Sinne hochmodern. Etwas wehmütig stimmt jedoch, dass – zumindest im Kontext des Films – die finale Selbstverwirklichung ausschließlich durch Mutterschaft erreicht wird, während Modersohn-Beckers Errungenschaften als Künstlerin stiefmütterlich in eine abschließende Texttafel verbannt werden.

Insgesamt findet Paula ein gutes Gleichgewicht zwischen Beziehungsgeschichte und Künstler*innenportrait, verknüpft beides organisch miteinander, und erschafft damit ein komplexes Bild der Heldin, die eben nicht nur Malerin, sondern auch Frau* und Mensch ist. Besonders hervorzuheben ist dabei Schwochows Blick auf die Sexualität seiner Hauptfigur, die in der Ehe mit Otto Modersohn zunächst unterdrückt, bei Paulas Aufenthalt in Paris einen leidenschaftlichen Ausbruch erlebt. Dabei gelingt es dem Regisseur die weibliche* Lust stets positiv darzustellen, ohne die Protagonistin zum Anschauungsobjekt werden zu lassen, also in dieser Hinsicht ein „emanzipatorisch wertvolles“ Frauen*portrait zu zeichnen.

© Pandora Film

Beim Namen nennen – Privatperson statt Künstlerin

Doch wie bereits angedeutet, ist Paula lange nicht so emanzipatorisch wertvoll wie es zunächst scheint. Die Scheinheiligkeit des Konzepts beginnt schon beim Titel: Der Verzicht auf den Nachnamen beraubt die Heldin ihrer Professionalität, degradiert sie von der berühmten Künstlerin zur Privatperson Paula. Dies wiegt noch einmal schwerer als im Fall von Diana, da die britische Prinzessin allgemein unter ihrem Vornamen bekannt ist, dieser als pars pro toto für ihre ganze Person bzw. den damit verbundenen Mythos stand und immer noch steht. Anders verhält es sich aber mit einer Künstlerin wie Modersohn-Becker, deren Nachname sie als historisch relevante Figur ausweist. Bio-Pics über Frauen* nur mit Vornamen zu betiteln, ist meines Erachtens eine sexistische Unart. Dies wird besonders deutlich, wenn wir den Spieß einmal umdrehen. Lincoln hieße dann „Abraham“, Pasolini hieße „Pier Paolo“, Capote hieße „Truman“, Jobs hieße „Steve“ und so weiter. Absurd, oder?! In der Konsequenz neigen wir Kritiker_innen auch dazu, in unseren Rezensionen von Paula zu sprechen, anstatt ihren vollen Namen zu nennen, was die historische Relevanz der Figur auch in der Rezeption des Films unterminiert.

© Pandora Films

Blind für den eigenen Sexismus

Nicht nur am Titel aber zeigt sich, dass die vermeintlich feministische Mär in Wahrheit gar keine ist. Unzählige Male wird durch verschiedene Figuren betont, dass Paula Modersohn-Becker nur das Geld ihres Mannes wolle. So wie geschiedene Frauen* ja immer völlig zu Unrecht auf Unterhalt pochen, um wie die fetten Maden im Speck zu leben. Aus Christian Schwochows Inszenierung geht bedauerlicher Weise nicht hervor, weshalb seine Heldin auf die Unterstützung des von ihr getrennt lebenden Gatten angewiesen ist. Regisseur und Drehbuchautoren scheitern daran, die Heldin in einen gesellschaftlichen Kontext einzubetten, der ihre Handlungen erklärt. Der Blick auf Paula Modersohn-Becker bleibt infolgedessen ein männlicher* und von Unverständnis gezeichneter, der die Heldin zuweilen hysterisch wirken lässt. Damit nimmt der Film eben jene Perspektive ein, die er auf der inhaltlichen Ebene kritisiert, wenn Modersohn-Beckers Freiheitsstreben von ihrem männlichen* Umfeld pathologisiert wird.

Schließlich krankt die Inszenierung auch an ihrer Mittelmäßigkeit. Wo von einer unkonventionellen Künstlerin die Rede ist, bleibt Schwochows Inszenierung ideenarm und gewöhnlich. Diese Form klassischen Erzählkinos wäre auch auf einem Prime-Time-Sendeplatz der Öffentlich-Rechtlichen gut aufgehoben: leichte, unterhaltsame Berieselung, die niemanden unnötig herausfordert – weder inhaltlich noch formal.

Die Frage, ob dies die angemessene Form ist, vom Leben der ersten deutschen Malerin zu erzählen, deren Kunst mit einem eigenen Museum gewürdigt wurde, beantworte ich ohne Einschränkung mit: NEIN. Auf der inhaltlichen Ebene argumentiert Paula für mehr Frauen* in der Kreativbranche. Tatsächlich aber ist der Film selbst ein weiteres Beispiel für die Probleme einer männlich* dominierten Kino- und Fernsehproduktion, die im eigenen Sud vor sich hin köchelnd ihren Sexismen gegenüber vollkommen blind ist. Warum für ein Projekt wie Paula nicht mehr Frauen* ins Filmteam holen oder eine feministische Drehbuchlektorin drüberlesen lassen?! Ich würde mich hier in jedem Fall großzügig anbieten.

Kinostart: 15. Dezember 2016

It's only fair to share...Share on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+Flattr the authorEmail this to someone