Blockbuster-Check: Rogue One – A Star Wars Story

Weil der Bechdel-Test zwar ziemlich cool ist, aber dennoch manchmal zu kurz greift, nehme ich im Blockbuster-Check Mainstream-Filme hinsichtlich einzelner Elemente kritisch unter die Lupe. Achtung: Auf Grund der Herangehensweise kann der Blockbuster-Check nicht spoilerfrei sein!

Held_innen

Jyn Erso (Felicity Jones), Gallionsfigur der neuesten Mär aus desm Star-Wars-Universum – hat eigentlich nur ein einziges gravierendes Problem: Sie kam nach Rey (Star Wars – The Force Awakens). Deshalb wirkt es weniger bahnbrechend, dass Jyn ihren männlichen* Mitstreitern in nichts nachsteht. Sie braucht keine Beschützer, sondern beschützt andere, auch wenn die Szene, in der sie ein weinendes Kleinkind aus dem Kreuzfeuer rettet, bei aller Liebe zu Heldinnentum weitaus zu dick aufgetragen ist. Jyn geht versiert mit ihrer Schusswaffe um, stürzt sich mutig in jedes Gefecht und verliert auch in Krisensituationen nie die Nerven.

Ihr Heldentum geht aber noch weiter: Die junge Frau* ist eine Kämpferin, die ihrer eigenen überlegenen Moral folgt und nicht aufgibt, bevor sie nicht alles gegeben hat. Am Ende darf sie etwas tun, was Frauen* in Filmen noch heute durchgängig versagt wird: Sie darf ihr Leben aufs Spiel setzen, als Märtyrerin auftreten. Auch wenn Jyn nach Rey auf die Bühne des Blockbusterkinos trat, hat sie die Vorgängerin hinsichtlich ihres emanzipatorischen Vorbildcharakters eindeutig überholt.

© Disney

Auffällig ist auch, dass Jyns Geschlecht für die Handlung niemals eine Rolle spielt. Über weite Strecken des Films vergessen wir fast, dass es sich um eine Frau* handelt und sehen stattdessen einfach nur einen mutigen Menschen. Wo Star Wars – The Force Awakens noch demonstrativ eine Heldin mit männlichen* Eigenschaften inszenierte – guck mal, die kann sogar mit einem Schraubenzieher umgehen! – interessiert sich Rogue One – A Star Wars Story nicht die Bohne für derlei sexistische Zuordnungen.

Zwei Wermutstropfen und Minuspunkte gibt es jedoch: Das wäre zunächst die Andeutung einer völlig überflüssigen Liebesgeschichte, die aber glücklicher Weise so dezent angelegt ist, dass wir – oder zumindest ich – großzügig darüber hinwegsehen können. Weiterhin aber ist Jyn durch einen Mann*, nämlich ihren Vater definiert. Ihre Bedeutung für und Rolle in der Geschichte ergeben sich ausschließlich aus diesem Verwandtschaftsverhältnis. Wie sich später in Hinblick auf die Dramaturgie zeigen wird, schwächt dies ihre strukturelle Macht, also ihren Einfluss auf den Handlungsverlauf, erheblich.

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Gegenspieler_innen

Rogue One – A Star Wars Story begeht leider denselben Fehler wie der letzte Film des Franchise: Der lobenswerten Heldin steht keine Gegenspielerin gegenüber. Im Gegensatz zu Star Wars: The Force Awakens stellt Rogue One seinen Bösewichten allerdings noch nicht einmal Handlangerinnen zur Seite. Frauen* sind im fiesen Imperium auffällig abwesend. Daher: Kein Punkt in dieser Kategorie.

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Geschlechterrollen Allgemein

Das „Star Wars Phänomen“ wird spätestens jetzt fest in mein Vokabular aufgenommen, da sich in Rogue One wiederholt, was mir schon in Star Wars: The Force Awakens aufstieß: Der Film profiliert sich mit einer starken weiblichen Hauptfigur, scheitert aber fast am Bechdel-Test. Die sprechenden Frauen*figuren lassen sich in Rogue One an einer Hand abzählen, die Namen – so denn sie überhaupt fallen – entschlüpfen umgehend dem Gedächtnis, weil die dazugehörigen Gesichter nur so kurz in die Kamera blicken. Gesprochen wird fast ausschließlich über Männer, nämlich die Bösewichte auf den Seiten des Imperiums bzw. Jyns Vater. Ihre Mutter wiederum wird praktischer Weise gleich in den ersten Filmminuten „entsorgt“.

Die Abwesenheit von Frauen* ist in diesem Film derart eklatant, dass ich es kaum glauben kann. Ist denn beim Schreiben und Lesen des Scripts, dem Casting, dem Kostümentwurf, der Maske, ja bei irgendeinem der vielen, vielen Schritte einer Filmproduktion niemandem aufgefallen, dass außer Felicity Jones nur Männer* im Raum sind?

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Ich fühle mich schon fast persönlich verarscht, wie hier mit einer vermeintlich feministischen Vorzeigeheldin angegeben wird, während der Film eine Gesellschaft abbildet, die auf Grund fehlender gebärfähiger Menschen nicht überlebensfähig wäre…

Trotzdem vergebe ich in dieser Kategorie einen Trostpunkt für die allerletzte Szene, die die Fortsetzung der Geschichte buchstäblich in die Hände einer Frau* legt.

Dresscode und Sexappeal

Jyn unterscheidet sich in ihrem Äußeren maximal durch die langen Haare von den männlichen* Figuren. Ihr Outfit ist geschlechtsneutral, die Kamera verzichtet durchgehend darauf, sie zu sexualisieren, und nach einem Gefecht darf Jyn genauso dreckig und verschwitzt aussehen wie alle anderen. Bis auf ein Hologramm, das im ersten Drittel des Films für wenige Sekunden im Bild ist, gibt es in Rogue One – A Star Wars Story keine sexualisierten Frauen*figuren.

Der nicht vorhandene Sexappeal der weiblichen* Heldin ist insbesondere in Hinblick auf die angedeutete Love Story interessant. Denn Held Cassian (Diego Luna) ist zuerst von Jyns Fäusten und ihrem Mut angetan, bevor sich ein amourös-sexuelles Interesse einschleicht. Jyn ist also nicht attraktiv, weil sie gut aussieht, sondern weil sie ein beeindruckender Mensch ist. So soll das sein!

© Disney

Dramaturgie

Auch in Hinblick auf die Dramaturgie tappt Rogue One – A Star Wars Story in eine altbekannte Falle. Denn obwohl die Geschichte von einer starken Heldin angeführt wird, sind es die Männer und ihre Konflikte, die den Dreh- und Angelpunkt der Handlung bilden. Jyns Mission besteht (wie einst Reys) in der Suche nach einem Mann, der sie – sobald gefunden – auf die Suche nach dem nächsten Mann schickt, welcher ihr wiederum eine neue Aufgabe gibt. Doch im Gegensatz zu Rey strampelt sich Jyn schließlich frei und überholt ihre Vorgängerin auch in struktureller Hinsicht: Jyn ist nicht nur eine Spielfigur, die von Männern* über das Spielbrett des Plots bewegt wird, sondern ergreift selbst Initiative und wird damit nicht nur zur Anführerin einer Revolution, sondern vor allem auch zur Richtungsgeberin für den weiteren Handlungsverlauf.

Diese Entwicklung im letzten Drittel des Films sollte aber nicht davon ablenken, dass Jyn wie schon einst Rey zu ihrer Heldinnengeschichte kommt wie die Jungfrau* zum Kinde: Jyn wird von den Rebellen entführt und beginnt ihre Mission äußerst widerwillig. Es ist im Grunde nicht ihre Geschichte, die der Film erzählt, weshalb ihr Charakter auch nur eine vernachlässigbare Entwicklung erfährt und den Zuschauer_innen letztlich fremd bleibt.

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Botschaft

Wenn eine einzige Frau* sich in einer Männer*welt durchsetzt, ist das Beweis genug für eine gleichberechtigte Gesellschaft. Mehr (als eine) braucht es nicht.

Gesamtwertung: 6

von 0 (Sexistische Kackscheiße) bis 10 (Emanzipatorisch Wertvoll)

Kinostart: 15. Dezember 2016

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